Neoklassik/Firth

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3.1 Raymond Firth

Verfasst von Gertraud Seiser und Elke Mader

Raymond Firth (1901-2002)

Relevante Werke:

1939: Primitive Polynesian Economy

1967: Themes in Economic Anthropology (Hg.)

Firth, ein gebürtiger Neuseeländer, studierte zuerst Volkswirtschaft in seiner Heimat. Später zog er nach London, studierte Anthropologie und wurde einer der ersten Schüler Bronislaw Malinowskis. Er vertrat den Funktionalismus [2] seines Lehrers und übernahm 1944 den durch den Tod Malinowskis vakant gewordenen Lehrstuhl an der London School of Economics.

Er entwarf eine "Economic Anthropology" unter Zugrundelegung der Axiome der neoklassischen Theorie, vor allem des Maximierungsprinzips bei der Allokation knapper Ressourcen auf menschliche Bedürfnisse, sowie des Prinzips der Entscheidung zwischen unterschiedlichen Nutzengrößen.

Primitive Polynesian Economy (1939) gilt nach Malinowskis Argonauten des westlichen Pazifik'[3]' (1922) als ethnographischer Klassiker der Ökonomischen Anthropologie und als ein Meilenstein der formalistischen Theorie. Die Monographie enthält umfangreiche und detaillierte Beschreibungen der polynesischen Wirtschaft, insbesondere der Insel Tikopia. Der methodologische Individualismus in neoklassischer Tradition, den er aus seinem Ökonomiestudium in die Anthropologie einbrachte, wirkt sich insgesamt auf sein ethnographisches Werk aus. Er porträtiert einzelne Bewohner Tikopias in ihrer Individualität und Persönlichkeit, zeigt die Flexibilität des Einzelnen im Alltag und betont die individuellen Wahlmöglichkeiten (vgl.: Halperin 1994: 20f; Petermann 2004: 916f).

T'hemes in Economic Anthropology' (1967) ist ein Sammelband, der die Positionen der Formalisten zusammenfasst und in Abgrenzung zu den Substantivisten nochmals präzisiert. Da Firth nicht umhin kommt, das Besondere einzelner Kulturen anzuerkennen, unterscheidet er zwischen kulturspezifischen "substantial propositions" und uneingeschränkt geltenden "formal propositions".

Raymond Firth im WWW:

https://web.archive.org/web/20090306050830/http://www.aps-pub.com/proceedings/1481/480109.pdf [4]

http://www.alanmacfarlane.com/ancestors/raymond_firth.html [5]

http://www.anthrobase.com/Browse/Cit/F/raymond_w_firth.htm [6]

Verweise:

[1] https://web.archive.org/web/20050222090952im_/http://petersearle.com/sirraymondfirth.jpg
[2] Siehe Kapitel 13.4 der Lernunterlage Mythen in Lateinamerika und Ethnologische Mythenforschung
[3] Siehe Kapitel 4.2.2.1.1
[4] https://web.archive.org/web/20090306050830/http://www.aps-pub.com/proceedings/1481/480109.pdf
[5] http://www.alanmacfarlane.com/ancestors/raymond_firth.html
[6] http://www.anthrobase.com/Browse/Cit/F/raymond_w_firth.htm

Inhalt

3.1.1 Allgemeine Gesetzmäßigkeiten und spezifische ökonomische Systeme bei Firth

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Formal propositions

"On the basic principles of choice in the use of resources and perceptions of relative worth in an exchange, there is a continuum of behaviour over the whole range of human economic systems." (Firth 1967a: 6)

Bei den formal propositions handelt es sich um generelle Gesetzmäßigkeiten, die uneingeschränkt weltweit gelten. Hierzu zählt nach Firth insbesondere das Motivationsprinzip jedes Individuums, in einer Entscheidungssituation mit mehreren Optionen seinen Nutzen zu maximieren.

Im Fall des Kula-Tauschrings[1] versuchen z.B. die Beteiligten, Kula-Gegenstände so zu tauschen, dass sie einen möglichst großen Nutzen davon haben. Die Schönheit und Seltenheit des Armreifens oder der Halskette hebt das persönliche Ansehen. Durch einen günstigen Tausch lässt sich daher die soziale Beziehung zum Tauschpartner optimieren. Die aufwändigen Potlatch-Feste dienen der Maximierung von Status und Prestige: wer mehr verschenken kann als der Beschenkte zu erwidern imstande ist, steigt in der Hierarchie auf. Im Kapitalismus wird demgegenüber finanzieller Gewinn maximiert.

Substantial propositions

"To an anthropologist the recognition that any specific economic system has a corresponding set of moral values is taken for granted." (Firth 1967a: 5)

Die substantial propositions sind kulturspezifische institutionelle Gegebenheiten, die von Gesellschaft zu Gesellschaft variieren. Beispielsweise kauft in einem marktwirtschaftlichen System eine Person dort seine Schuhe, wo sie oder er sie am billigsten erhält, da sie/er zum Schuhgeschäft keine persönlichen Beziehungen hat. In vielen nicht-marktwirtschaftlichen Systemen berücksichtigen KäuferInnen auch die sozialen Beziehungen zum Verkäufer. Sie kaufen ihre Schuhe vielleicht sogar wissentlich teurer, aber maximieren dennoch ihren Nutzen durch die Berücksichtigung der sozialen Komponente, indem sie beispielsweise dadurch die Verbindung zu einem wichtigen Verwandten oder Bündnispartner bestätigen. Das heißt, die institutionellen Gegebenheiten, das, was eine Gesellschaft für das Wertvollste oder Nützlichste hält, sind variabel, das Prinzip der Nutzenmaximierung ist hingegen eine universelle Gesetzmäßigkeit. Firth fasst die Unterschiede zwischen den wirtschaftlichen Systemen nur als solche des Grades -- wie alle Formalisten -- ("große und kleine Äpfel") und nicht als solche der Art ("Äpfel und Birnen") auf.

Verweise:

[1] Siehe Kapitel 4.2.2.1.2


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