Der Prozess der Datenerhebung/Prozess

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Vorheriges Kapitel: 5.1 Strategien der Datenerhebung

Contents

5.2 Ethnographie als Prozess der Datenerhebung

Verfasst von Ernst Halbmayer und Jana Salat

Eine ethnographische Untersuchung zielt in der Regel darauf ab, Menschen über einen längeren Zeitraum in ihrem alltäglichen Leben zu beforschen. Das heißt, der/die EthnographIn bzw. FeldforscherIn nimmt physisch mit der Gesamtheit seiner/ihrer Person über einen längeren Zeitraum an ausgewählten Lebenswelten teil, mit dem Ziel, Daten zu erheben und Beschreibungen anzufertigen, die als Grundlage für spätere Analysen dienen.

Ethnographische Feldforschung ist, wie andere sozialwissenschaftliche Verfahren (z.B. Fragenbogenerhebung, teilstrukturierte Interviews,...), eine Methode der Datenerhebung, die sich aber in zumindest zwei Bereichen grundlegend von anderen Verfahren unterscheidet. Diese ergeben sich daraus, dass Methoden nicht nur Verfahren der Datenerhebung sind, sondern auch Verfahren der In-Beziehung-Setzung zum Feld. Das heißt, Methoden legen bestimmte Formen der Interaktion mit dem Untersuchungsfeld nahe. Ethnographische Feldforschung zeichnet sich durch eine besonders intensive und langfristige, über die reine Datenerhebung hinausgehende In-Beziehung-Setzung zum Untersuchungsfeld aus. Dies ist ein zentrales Qualitätskriterium ethnographischer Forschung. Ethnographische Feldforschung ist somit nicht nur ein Verfahren der Datenerhebung, sondern vor allem auch ein Verfahren zur Generierung von Erfahrungen und Erlebnissen, welche den/die FeldforscherIn zunehmend zu einem Teil des Feldes machen.

Ein zentrales Moment des Feldforschungsprozesses besteht darin, diese Erfahrungen und Erlebnisse durch das systematische Anlegen und Ausarbeiten von Feldnotizen[1] in Daten zu transformieren. Im Gegensatz zu anderen Methoden determiniert bei der ethnographischen Feldforschung das Feld selbst in einem viel größeren Ausmaß den Einsatz und die Anwendbarkeit von Forschungsstrategien und Methoden.

Insgesamt bedarf ethnographische Feldforschung einer gezielten Vorbereitung[2], welche unter anderem den Erwerb von sachlichem[3] und regionalem Know-How[4] und sprachlich-kommunikativen Kompetenzen[5] umfasst. Am Beginn der Feldforschung steht die Herausforderung, einen Zugang zum Feld zu finden, die Definition der eigenen Rolle[6] in Auseinandersetzung mit dem Feld vorzunehmen und die Zusammenarbeit mit InformantInnen auf eine tragfähige Basis zu stellen.


Verweise:
[1] Siehe Kapitel 5.2.3
[2] Siehe Kapitel 5.2.2.1
[3] Siehe Kapitel 5.2.2.1.1.4
[4] Siehe Kapitel 5.2.2.1.1.3
[5] Siehe Kapitel 5.2.2.1.1.5
[6] Siehe Kapitel 5.1.1.2.1

Inhalt

5.2 Ethnographie als Prozess der Datenerhebung
5.2.1 Forschungsdesign klassischer Ethnographien
5.2.1.1 Historischer Partikularismus - Franz Boas
5.2.1.1.1 Franz Boas
5.2.1.1.2 Theoretische Grundannahmen des historischen Partikularismus
5.2.1.1.3 Methoden und Techniken des historischen Partikularismus
5.2.1.2 Funktionalismus - Bronislaw Malinowski
5.2.1.2.1 Bronislaw Malinowski
5.2.1.2.2 Theoretische Grundannahmen des Funktionalismus
5.2.1.2.3 Methoden und Techniken des Funktionalismus
5.2.1.3 Human Relations Area Files (HRAF) - George P. Murdock
5.2.1.3.1 George P. Murdock
5.2.1.3.2 Theoretische Grundannahmen, Methoden und Techniken der HRAF
5.2.1.4 Interpretative Anthropologie - Clifford Geertz
5.2.1.4.1 Clifford Geertz
5.2.1.4.2 Theoretische Grundannahmen, Methoden und Techniken der interpretativen Anthropologie
5.2.1.4.2.1 Beispiel für eine dichte Beschreibung
5.2.1.5 Anthropology at Home
5.2.1.5.1 Gesellschaftspolitische Voraussetzungen von Anthropology at Home
5.2.1.5.2 Vor- und Nachteile der Antrhopology at Home
5.2.2 Die praktische Umsetzung einer ethnographischen Feldforschung
5.2.2.1 Worin besteht die richtige Vorbereitung für eine Feldforschung?
5.2.2.1.1 Fachlich-wissenschaftliche Vorbereitung
5.2.2.1.1.1 Ausarbeitung der wissenschaftstheoretischen Position
5.2.2.1.1.2 Ausarbeitung der anzuwendenden Methode(n) und Techniken
5.2.2.1.1.3 Erwerb von Regionalkenntnissen
5.2.2.1.1.4 Erwerb von Sachkenntnissen
5.2.2.1.1.5 Sprachliche Vorkenntnisse
5.2.2.1.1.5.1 Sprachen europäischen Ursprungs
5.2.2.1.1.5.2 Lokale Verkehrssprachen und Pidgin
5.2.2.1.1.5.3 Lokale bzw. indigene Sprachen
5.2.2.1.2 Praktisch-organisatorische Vorbereitung
5.2.2.1.2.1 Projektanträge
5.2.2.1.2.2 Kontakte zu Institutionen im Forschungsland
5.2.2.1.2.3 Empfehlungsschreiben
5.2.2.1.2.4 Reisemodalitäten
5.2.2.1.2.5 Unterbringungsmöglichkeiten
5.2.2.1.2.6 Medizinische Maßnahmen
5.2.2.1.2.7 Technische Ausrüstung
5.2.2.1.3 Persönliche Vorbereitung: Selbstreflexion der ForscherIn
5.2.3 Wie schreibt man Feldnotizen?
5.2.3.1 Headnotes und Fieldnotes
5.2.3.2 Von der ethnographischen Erfahrung zu den Feldnotizen
5.2.3.3 Feldnotizen als Daten
5.2.3.4 Fieldnotes als unterschiedliche Textsorten
5.2.3.4.1 Stichwortzettel
5.2.3.4.1.1 Empfehlungen für das Festhalten von Stichwörtern
5.2.3.4.2 Ausgearbeitete fieldnotes
5.2.3.4.2.1 Das Ausarbeiten der Fieldnotes
5.2.3.4.2.2 Stile und Strategien des Verfassens von Fieldnotes
5.2.3.4.2.2.1 Beschreibungsperspektiven
5.2.3.4.2.2.2 Echtzeit- und Endpunkt-Beschreibungen
5.2.3.4.2.2.3 Die Darstellung von Szenen
5.2.3.4.2.2.3.1 Veranschaulichung
5.2.3.4.2.2.3.2 Dialog
5.2.3.4.2.2.3.3 Charakterisierung
5.2.3.4.2.2.3.4 Bedeutungen der lokalen AkteurInnen
5.2.3.4.2.2.4 In-Beziehung-Setzung von Szenen
5.2.3.4.3 Organisation der fieldnotes
5.2.3.4.4 Transkripte
5.2.3.4.5 Spezialisierte Datensammlungen
5.2.3.4.6 Metadatendokumentation
5.2.3.4.7 Schriftliche Interaktionen aus dem Feld
5.2.3.4.8 Literatur
5.2.3.5 Analyse der Fieldnotes
5.2.3.5.1 Das Lesen der Feldnotizen als Daten
5.2.3.5.2 Das Stellen von Fragen an die Fieldnotes
5.2.3.5.3 Das Kodieren der Feldnotizen
5.2.3.5.3.1 Offenes Kodieren
5.2.3.5.3.2 Rekodieren: von allegemeinen zu spezifischen Kodes oder umgekehrt?
5.2.3.5.3.3 Kodieren vor dem Hintergrund von Konzepten und Fragestellungen
5.2.3.5.3.3.1 Axiales Kodieren in der Grounded Theory
5.2.3.5.3.3.2 Thematisches Kodieren
5.2.3.5.3.4 Kodieren vor dem Hintergrund der Konzeptualisierung einer erthnographischen Erzählung
5.2.3.5.4 Das Verfassen von Memos
5.2.4 Literatur

5.2.1 Forschungsdesign klassischer Ethnographien

Das Forschungsdesign einer Ethnographie wird bestimmt durch:

  • das Forschungsziel,
  • die theoretischen Grundannahmen,
  • die methodische Ausrichtung und ihre entsprechenden Techniken
  • sowie die gesellschaftspolitischen Voraussetzungen im Forschungs- wie Ursprungsland der EthnographIn.

Unterschiedliche Forschungsdesigns klassischer Ethnographien werden an folgenden Beispielen deutlich.

5.2.1.1 Historischer Partikularismus - Franz Boas

Der historische Partikularismus wurde Ende des 19. Jahrhundert von Franz Boas[1] im Gegensatz zu den spekulativen Rekonstruktionen der Evolutionisten und ihrer vergleichenden Methode (comparative method) entwickelt.

Er forderte bei der historischen Rekonstruktion von Kulturen die Beschränkung auf eine bestimmte Kultur bzw. auf ein Kulturareal. (Theoretische Grundannahmen des historischen Partikularismus[2])

Boas forderte ein induktives Vorgehen in der Kulturanthropologie; allgemeine Schlussfolgerungen seien nur auf Grund ausreichend gesammelten Feldforschungsmaterials zulässig. (Methoden und Techniken des historischen Partikularismus[3])


Verweise:
[1] Siehe Kapitel 5.2.1.1.1
[2] Siehe Kapitel 5.2.1.1.2
[3] Siehe Kapitel 5.2.1.1.3


5.2.1.1.1 Franz Boas

Franz Boas (1858 - 1942) wurde in Deutschland geboren und naturwissenschaftlich ausgebildet (Physik, Geographie und Mathematik).

Schon bei seinen ersten (geographischen) Forschungen 1883 bei den Inuit auf Baffin Island und ab 1886 bei den NW-Küstenindianern British Columbia's (hauptsächlich den Kwakiutl) erkennt Boas, dass kulturelle Faktoren eine wesentlichere Rolle spielen als geographische.

Er habilitiert bei A. Bastian in Berlin und geht ab 1887 in die USA. Dort unterrichtet er ab 1896 an der Columbia University in New York und wird zur dominanten Figur in der amerikanischen Anthropologie und patriarchalischer Lehrer mehrerer SchülerInnengenerationen, welche ihm an Bedeutung und Prominenz kaum nachstehen (Benedict, Kroeber, Sapir, Herskovits, Lowie, Radin, Wissler, Mead u.v.a.).

Abbildung: Franz Boas. Quelle: Mead 1972: 126

Boas vertritt die so genannte four-field-anthropology. Darunter ist eine allgemeine Anthropologie bestehend aus Rasse/physische Anthropologie, Sprache, Kultur und Archäologie zu verstehen, wobei jeder dieser Teilbereiche getrennt und mit jeweils anderen Methoden zu studieren ist. (Methoden und Techniken des historischen Partikularismus[1])

Im Rahmen der Kulturanthropologie wendet er sich gegen die spekulativen Erkenntnisse der Evolutionisten und fordert eine Beschränkung der historischen Rekonstruktion auf eine bestimmte Kultur bzw. ein Kulturareal.

Unter Boas wird das intensive Sammeln von ethnographischem Material durch die Feldforschung zur unerlässlichen Basis der Kulturanthropologie; erst bei ausreichender Datenlage und unter gebotener Vorsicht können Generalisierungen ins Auge gefasst werden. (Theoretische Grundlagen des historischen Partikularismus[2])

Boas war Begründer der American Anthropological Association und gab die Zeitschrift American Anthropologist heraus.

Seine bedeutendsten Werke sind

The Central Eskimo (1888),
The Social Organization and Secret Societies of the Kwakiutl Indians (1897),
The Mind of Primitive Man (1911),
Primitive Art (1927),
Anthropology and Modern Life (1928),
Race, Language and Culture (1940),
Race and Democratic Society (1945).

Verweise:
[1] Siehe Kapitel 5.2.1.1.3
[2] Siehe Kapitel 5.2.1.1.2


5.2.1.1.2 Theoretische Grundannahmen des historischen Partikularismus

Die Grundzüge des historischen Partikularismus nach Franz Boas[1] bestanden aus folgenden theoretischen Grundannahmen:

  • Im Gegensatz zu den spekulativen Rekonstruktionen der Evolutionisten und ihrer vergleichenden Methode sind nur auf eine bestimmte Kultur oder ein Kulturareal (culture area) begrenzte historische Rekonstruktionen zu vertreten.
  • Jede Kultur besteht aus Kulturelementen, welche durch Diffusion von anderen Kulturen übertragen wurden.
  • Jedes durch Diffusion übernommene Kulturelement wird überformt, um in die neue Kultur zu passen.
  • Dieser Prozess verläuft aber nie vollständig, so dass Kultur immer nur ein lose organisiertes Gebilde und kein eng geknüpftes System darstellt.
  • Das soziale Leben wird bestimmt von Sitten und Gebräuchen (nicht von Rationalität und Nützlichkeit).
  • Jede Kultur ist einzigartig, da sie das Resultat von diffusionistischen Prozessen und lokalen Bedürfnissen darstellt.
  • Wenn jede Kultur einzigartig ist, können keine allgemeinen Urteile über eine bestimmte Kultur gefällt werden; sie kann nur aus dem kulturellen Kontext, in dem sie situiert ist, verstanden werden.
  • Betonung der emischen Analyse (Perspektive der AkteurInnen einer Kultur) gegenüber der etischen (Perspektive der ForscherInnen von außen); bedeutend sind die Werte, Normen und Emotionen der untersuchten Kultur.
  • Deshalb können auch nur schwer Verallgemeinerungen zwischen Kulturen getroffen werden; wenn, dann nur mit Vorsicht und bei ausreichender Datenlage.
  • Betonung der Feldforschung, um möglichst viele Daten zu sammeln.
  • Induktives Vorgehen; ohne vorgefasste Theorien in die Feldforschungssituation; wenn allgemeine Erklärungen erfolgten, dann nur auf Grund einer großen Menge an gesammelten Daten (Methoden und Techniken des historischen Partikularismus[2]).


Verweise:
[1] Siehe Kapitel 5.2.1.1.1
[2] Siehe Kapitel 5.2.1.1.3


5.2.1.1.3 Methoden und Techniken des historischen Partikularismus

  • Im Gegensatz zu den spekulativen Rekonstruktionen der Evolutionisten und ihrer vergleichenden Methode beschränkt Franz Boas[1] die historische Rekonstruktion auf eine bestimmte Kultur bzw. ein Kulturareal.
  • Die Feldforschung wird betont, um möglichst viele empirische Daten zu sammeln und Spekulationen zu vermeiden (positivistisch).
  • Im Sinne eines induktiven Vorgehens geht Boas ohne vorgefasste Theorien in die Feldforschungssituation und trifft nur bei ausreichendem Datenmaterial sehr vorsichtig formulierte generalisierende Aussagen.
  • Boas vertritt die sog. four-field-anthropology. Darunter ist eine allgemeine Anthropologie bestehend aus Rasse/physische Anthropologie, Sprache, Kultur und Archäologie zu verstehen, wobei jeder dieser Teilbereiche getrennt und mit jeweils anderen Methoden zu studieren ist.
  • Kultur wird von ihm bzw. seinen SchülerInnen nach Verbreitungsmerkmalen (Diffusion) von Kulturelementen und nach holistischen Mustern (patterns) untersucht
  • Boas nimmt eine Vielzahl an indigenen Texten (Mythen, Erzählungen, Erinnerungen an die Vergangenheit u.a.) in der Originalsprache auf, versehen mit interlinearer englischer Übersetzung durch InformantInnen oder DolmetscherInnen.
  • Boas' wichtigster Mitarbeiter wird George Hunt, ein Mann von schottischer und Tlingit Herkunft, der in einem Kwakiutl-Dorf herangewachsen und der Kwakwala-Sprache mächtig war. Er wird von Boas in der richtigen Aufnahme der Texte und ihrer Transkription unterwiesen, in einigen der publizierten Texte fungiert er auch als Co-Autor. Der Kontakt von Boas zu Hunt bleibt auch nach dieser Zusammenarbeit über mehr als 30 Jahre aufrecht.
  • Weitere von Boas angewandte Techniken sind (teilnehmende) Beobachtung, Aufnahme von Lebensgeschichten (life histories), unstrukturierte Interviews.


Verweise:
[1] Siehe Kapitel 5.2.1.1.1

5.2.1.2 Funktionalismus - Bronislaw Malinowski

Bronislaw Malinowski[1] gilt als Begründer der modernen ethnographischen Datenerhebung.

Entgegen den spekulativen Rekonstruktionen der armchair-anthropologists wird durch ihn das Sammeln von first-hand Daten im Feld zum gültigen Standard und die von Malinowski programmierte participant observation zu „der“ Methode der Kultur- und Sozialanthropologie (Methoden und Techniken des Funktionalismus[2]).

Der (strukturale) Funktionalismus als theoretische Strömung wird ab dem Beginn des 20. Jahrhunderts (1922) zur zentralen Ausrichtung innerhalb der britischen Sozialanthropologie. Während Malinowski's Kulturtheorie bereits gegen Ende der 1930er Jahre abgelehnt wird, behält der strukturale Funktionalismus von Radcliffe-Brown bis in die 1960er Jahre seine Bedeutung.

Von naturwissenschaftlichen Vorstellungen geleitet geht der Funktionalismus von der Beziehung (Funktion) einzelner Teile innerhalb einer übergeordneten Ganzheit bzw. zu dieser aus (Organismusanalogie). (Theoretische Grundannahmen des Funktionalismus[3])


Verweise:
[1] Siehe Kapitel 5.2.1.2.1
[2] Siehe Kapitel 5.2.1.2.3
[3] Siehe Kapitel 5.2.1.2.2


5.2.1.2.1 Bronislaw Malinowski

Bronislaw Malinowski (1884 - 1942) zählt gemeinsam mit A. R. Radcliffe-Brown zu den Begründern der britischen Sozialanthropologie. Sein Bekanntheitsgrad reicht weit über das Fach hinaus, so greift u.a. S. Freud auf Malinowskis Arbeiten zurück.

Malinowski gilt als der Initiator der modernen ethnographischen Datenerhebung und des Funktionalismus als theoretische Strömung innerhalb der Sozialanthropologie. (Theoretische Grundannahmen des Funktionalismus[1])

Abbildung: Bronislaw Malinowski. Quelle: Silverman 1981: 100

Er studiert zunächst Mathematik, Physik und Philosophie in seiner Geburtsstadt Krakau, danach in Leipzig bei W. Wundt Psychologie und schließlich in London Anthropologie bei E. Westermarck und C. G. Seligman.

1914 findet seine erste Feldforschung bei den Mailu (Australien) statt, gefolgt von mehrmonatigen Aufenthalten auf den Trobriand Inseln (PNG). Mit Ausbruch des 1. Weltkrieges wird Malinowski auf Grund seiner polnischen Nationalität (Polen war zu diesem Zeitpunkt der K&K Monarchie Österreich-Ungarn eingegliedert) zum Staatsfeind, der zwar nicht ausreisen, aber seinen Forschungen frei nachgehen darf.

Dieser unfreiwillig verlängerte Aufenthalt legt den Grundstein für den Mythos Malinowski: Er entwickelt die sog. participant observation (teilnehmende Beobachtung), welche ein über einen längeren Zeitraum hinweg intensives Zusammenleben mit der untersuchten Bevölkerung vorsieht. (Methoden und Techniken des Funktionalismus[2])

Später unternimmt Malinowski kürzere Feldforschungen in verschiedene Gebieten Afrikas (meist im Rahmen von Besuchen seiner forschenden StudentInnen) und in Mexiko.

Von 1923 bis 1938 unterrichtet Malinowski an der London School of Economics (ab 1927 als Professor) und wird zum charismatischen Lehrer bedeutender VertreterInnen der Sozialanthropologie (z.B. Firth, Evans-Pritchard, Nadel, Meyer-Fortes, Schapera, Richards, Kaberry u.v.a.). Ab 1939 bis zu seinem Tode lehrt er in Yale, New Haven, in den Vereinigten Staaten.

Seine bedeutendsten Werke sind

Argonauts of the Western Pacific (1922),

Crime and Custom in Savage Society (1926),
Sex and Repression in Savage Society (1927),
The Sexual Life of Savages in North-Western Melanesia (1929),
Coral Gardens and Their Magic (1935),
A Scientific Theory of Culture (1944),
Freedom and Civilization (1944),
Magic, Science and Religion (1948),

A Diary in the Strict Sense of the Term (1967).


Verweise:
[1] Siehe Kapitel 5.2.1.2.2
[2] Siehe Kapitel 5.2.1.2.3


5.2.1.2.2 Theoretische Grundannahmen des Funktionalismus

Die Grundzüge des (strukturalen) Funktionalismus sind:

  • Wie die Theoretischen Grundannahmen des historischen Partikularismus[1] richtete sich der Funktionalismus gegen die spekulativen Rekonstruktionen der Evolutionisten und die vergleichenden Methode der armchair-anthropologists.
  • Entgegen den Annahmen von Franz Boas[2] ist der Funktionalismus ahistorisch eingestellt, da die historische Perspektive nur bei Vorhandensein exakter schriftlicher Belege angestrebt werden kann.
  • Organismusanalogie: die Gesellschaft wird mit einem biologischen Organismus verglichen, in dem die einzelnen Organe zusammenwirken müssen (Funktion), um den Erhalt des gesamten Körpers (Struktur) sicherzustellen.
  • Gesellschaften bzw. ihre Teile zielen nach Ordnung (Equilibrium) und verlaufen nach bestimmten Mustern; der harmonische Zustand ist relativ stabil, Konflikte tendieren zu einem neuerlichen Equilibriumszustand.
  • Das soziale Leben ist empirisch mittels ethnographischer Datenerhebung fassbar und für wissenschaftliche Analysen geeignet (Methoden und Techniken des Funktionalismus[3]).
  • Ziel ist das Herausfinden von Gesetz- bzw. Regelmäßigkeiten des sozialen Lebens im naturwissenschaftlichen Sinne.
  • Im Mittelpunkt der Forschungen stehen die sog. Institutionen als Kristallisationspunkte (nach Durkheim); die Kulturtheorie von Bronislaw Malinowski[4] leitet die wesentlichen Institutionen als Kulturreaktionen auf menschliche Grundbedürfnisse ab


Verweise:
[1] Siehe Kapitel 5.2.1.1.2
[2] Siehe Kapitel 5.2.1.1.1
[3] Siehe Kapitel 5.2.1.2.3
[4] Siehe Kapitel 5.2.1.2.1


5.2.1.2.3 Methoden und Techniken des Funktionalismus

Bronislaw Malinowski[1] gilt als Begründer der modernen ethnographischen Datenerhebung.

Gemäß den theoretischen Grundannahmen des Funktionalismus[2] wird in der britischen Sozialanthropologie die empirische Datengewinnung zum Ausgangspunkt aller wissenschaftlichen Analysen über das soziale Leben.

Jede/r Forscher/in hatte zunächst möglichst viel Material über ein bestimmtes Areal oder eine Ethnie zusammenzutragen (induktives Vorgehen), woraus eine Vielzahl an bemerkenswerten "Stammesmonographien" resultierte.

Als Feldforschungsgebiete dienten die ehemaligen britischen Kolonien in den Überseegebieten.

Obwohl Malinowski seinen eigenen Ansprüchen über die Qualität einer Ethnographie nicht immer gerecht werden konnte (vgl. seine Tagebuchnotizen in A Diary in the Strict Sense of the Word, 1967 posthum ohne Zustimmung publiziert), gelten diese auch heute noch als Standard.

Malinowski's Richtlinien für ethnographische Erhebungen lauteten:

  • Feldaufenthalt über einen längeren Zeitraum hinweg (zumindest für ein Jahr, um den gesamten Jahreszyklus dokumentieren zu können);
  • planmäßiger Abbruch aller Kontakte des/r Forschers/in zur eigenen Kultur;
  • Erlernen der "Eingeborenensprache";
  • zum Kernstück wird die sog. participant observation (teilnehmende Beobachtung), die zu einem weitgehenden Einleben und Verstehen der fremden Kultur durch den/die ForscherIn führen soll ("We have to become They");
  • Ziel ist die vollständige Integration des/der Forschers/in in die untersuchte Kultur; die Anwesenheit des/der Ethnographen/in muss so selbstverständlich sein, dass er/sie nicht mehr als störend empfunden wird;
  • die Person des/der Forschers/in wird zum Messinstrument im Feld (im naturwissenschaftlichen Sinn);

Trotz dieser hohen Ansprüche war auch Malinowski auf die Mitarbeit von InformantInnen und DolmetscherInnen angewiesen.

Neben der teilnehmenden Beobachtung führte er (üblicherweise unstrukturierte) Interviews, sammelte Genealogien und Lebensgeschichten (life histories).


Verweise:
[1] Siehe Kapitel 5.2.1.2.1
[2] Siehe Kapitel 5.2.1.2.2

5.2.1.3 Human Relations Area Files (HRAF) - George P. Murdock

Die Human Relations Area Files (HRAF) sind eine Datenbank, in welcher systematisch geordnetes ethnographisches Datenmaterial von rund 400 Kulturen für weitere statistische Auswertungen zur Verfügung steht. (Theoretische Grundannahmen, Methoden und Techniken der HRAF[1])

Die HRAF wurden 1949 von George P. Murdock[2] gegründet und gingen aus dem 1937 entwickelten Cross-Cultural Survey hervor.


Verweise:
[1] Siehe Kapitel 5.2.1.3.2
[2] Siehe Kapitel 5.2.1.3.1


5.2.1.3.1 George P. Murdock

George Peter Murdock (1897 - 1985) war ein amerikanischer Anthropologe, der zum Schülerkreis von Franz Boas[1] zählte. Im Gegensatz zu seinem Lehrer versuchte er die vergleichende Methode (comparative method) wieder in die Anthropologie einzuführen und diese als nomothetische Wissenschaft zu etablieren.

Murdock lehrte in Yale und Pittsburgh. 1937 richtete er in Yale den Cross-Cultural Survey als Datenbank für ethnographisches Material ein, aus welchem 1949 die Human Relations Area Files (HRAF) hervorgingen. (Human Relations Area Files (HRAF) - George P. Murdock[2], Theoretische Grundannahmen, Methoden und Techniken der HRAF[3])

1962 gründete Murdock die Zeitschrift Ethnology mit dem Ziel, die ethnographische Datenproduktion und -kommunikation zu steigern.

Ebenso förderte er ethnographische Datenerhebungen im Pazifik und entwickelte ein Programm, das vom Office of Naval Research unterstützt wurde.

Seine bedeutendsten Werke sind

Our Primitive Contemporaries (1934),
Social Structure (1949),
Outline of South American Cultures (1951),
Outline of World Cultures (1954),
Africa: Its People and Their Cultural History (1959),
Culture and Society (1965),
Atlas of World Cultures (1981).


Verweise:
[1] Siehe Kapitel 5.2.1.1.1
[2] Siehe Kapitel 5.2.1.3
[3] Siehe Kapitel 5.2.1.3.2


5.2.1.3.2 Theoretische Grundannahmen, Methoden und Techniken der HRAF

Im Gegensatz zu seinem Lehrer Franz Boas[1] bemühte sich George P. Murdock[2] um eine Wiedereinführung der vergleichenden Methode (comparative method) im Sinne von Morgan und Tylor in die Anthropologie und um deren Ausrichtung als nomothetische Wissenschaft.

Zu diesem Zweck entwickelte er 1937 zunächst den Cross-Cultural Survey, aus welchem 1949 die Human Relations Area Files (HRAF) hervorgingen. Bei beiden handelt es sich um eine Datenbank, in der systematisch (nach einem ethnographischen Index) gesammeltes Material von rund 400 Kulturen bereitgestellt ist.

Das Datenmaterial sollte anderen ForscherInnen für statistische Auswertungen zur Verfügung stehen, um Verteilungen von Kulturmerkmalen und historische Beziehungen für bestimmte Kulturareale oder für ähnliche Kulturtypen zu konstruieren.

In seinem bekanntesten Werk, Social Structure (1949), untersucht Murdock ein Sample von 250 repräsentativen Gesellschaften z.B. nach dem Zusammenhang von Deszendenzregeln und postmaritalen Heiratsregelungen. So kann er bereits früher vermutete Zusammenhänge zwischen patrilinearer Deszendenz und virilokaler Residenz bzw. zwischen matrilinearer Deszendenz und uxori-lokaler oder viri-avunculokaler Residenz mittels präziser Korrelationen bestätigen. Diese Muster setzt er wiederum statistisch zu anderen Mustern (z.B. Subsistenzformen oder Verwandtschaftsterminologien) in Beziehung, um (multi-)evolutionshistorische Entwicklungen aufzuzeigen.

Die Files bieten eine wertvolle Basis für vergleichende quantifizierende Untersuchungen in der Kultur- und Sozialanthropologie.

Ihre Vorteile liegen in:

  • Zugriffsmöglichkeit für alle Subskribenten (Institutionen, WissenschaftlerInnen) auf Xerox oder Mikrofiche-Basis; neuere Teile sind unter eHRAF[3]] abrufbar.
  • identes Ausgangsmaterial für vergleichende Studien, u.a. basierend auf einem einheitlichen Kodeschema, dem so genannten Outline of Cultural Materials (Inhaltsverzeichnis[4]]).
  • umfangreiches Datenmaterial
  • Qualität und Tiefe der Informationen gingen bereits in der Initialphase über das bisherige Niveau hinaus, da nach einem ethnographischen Index gesammelt wurde
  • das Anwachsen der Files war mit der zunehmenden Bereitschaft von EthnographInnen verbunden, auch quantifizierende Methoden in ihre Forschungen miteinzubeziehen


Verweise:
[1] Siehe Kapitel 5.2.1.1.1
[2] Siehe Kapitel 5.2.1.3.1
[3] https://hraf.yale.edu/
[4] https://hraf.yale.edu/resources/reference/outline-of-cultural-materials/


5.2.1.4 Interpretative Anthropologie - Clifford Geertz

Der amerikanische Kulturanthropologe Clifford Geertz[1] vergleicht die Feldforschungssituation mit einem literarischen Text, voll von Bedeutungen, die der/die ForscherIn eher interpretieren als erklären kann (Theoretische Grundannahmen, Methoden und Techniken der interpretativen Anthropologie[2]).

Die in den 1970er Jahren formulierte interpretative Anthropologie leitete das Postmoderne Denken in der Kulturanthropologie ein und führte zu einer Betonung von Schreiben und Text, Bedeutung (meaning) und Interpretation im Gegensatz zu Struktur und Kausalität.

Geertz richtet sein Augenmerk weg von generalisierenden Aussagen auf die tiefe Durchdringung einzelner Fälle (thick description oder dichte Beschreibung[3]).


Verweise:
[1] Siehe Kapitel 5.2.1.4.1
[2] Siehe Kapitel 5.2.1.4.2
[3] Siehe Kapitel 5.2.1.4.2.1


5.2.1.4.1 Clifford Geertz

Clifford Geertz (1926 - 2006) war ein bedeutender amerikanischer Kulturanthropologe, der über sein Fach hinaus Beachtung erlangte und Einfluss auf Philosophie, Literaturwissenschaft, Geschichte, Geographie, Ökologie, Politikwissenschaft u.a. nahm.

Ausgebildet in Harvard unterrichtete er zunächst in Berkeley und Chicago, ab 1970 bis zu seinem Tode (als Emeritus) an der School of Social Science at the Institute for Advanced Study an der Universität von Princeton, N.Y..

Seine Themenschwerpunkte waren u.a. Kultur (allgemein), Religion (speziell der Islam), ökonomische Entwicklungen, traditionelle politische Strukturen, Dorf- und Familienleben.

Geertz führte intensive ethnographische Forschungen auf Java, Bali und in Marokko durch.

Er vergleicht die Feldforschungssituation mit einem literarischen Text, voll von Bedeutungen, die der/die ForscherIn eher interpretieren als erklären kann. Den Höhepunkt seines Schaffens erreicht Geertz in den 1970er und 80er Jahren mit der Begründung der interpretativen Anthropologie. (Theoretische Grundannahmen, Methoden und Techniken der interpretativen Anthropologie[1])

Er richtet sein Augenmerk weg von generalisierenden Aussagen auf die tiefe Durchdringung einzelner Fälle (thick description oder dichte Beschreibung[2]).

Seine bedeutendsten Werke sind

The Religion of Java (1960),

Agricultural Involution (1963),
Islam Observed: Religious Development in Morocco and Indonesia (1968),
The Interpretation of Cultures: Selected Essays (1973, 2000),
Negara: The Theatre State in Nineteenth Century Bali (1980),
Works and Lives: The Anthropologist as Author (1988),

The Politics of Culture, Asian Identities in a Splintered World (2002).


Verweise:
[1] Siehe Kapitel 5.2.1.4.2
[2] Siehe Kapitel 5.2.1.4.2.1


5.2.1.4.2 Theoretische Grundannahmen, Methoden und Techniken der interpretativen Anthropologie

Ausgangspunkt für Clifford Geertz[1] bildet die symbolische Anthropologie, wonach jede Kultur eine relativ autonome Ganzheit, ein System von Bedeutungen darstellt, welches der/die Anthropologe/in durch dekodieren und interpretieren erschließen kann.

In seinem Werk The Interpretation of Cultures (1973) vergleicht Geertz die ethnographische Analyse mit der Durchdringung eines literarischen Dokumentes, voll von Bedeutungen, die der/die ForscherIn eher interpretieren als schlüssig erklären kann. (deshalb die Bezeichnung interpretative Anthropologie).

Die in einer Ethnographie dargestellte Kultur ist als ein Zusammenbau verschiedener Texte zu verstehen:

  • der Interpretationen der untersuchten Personen über Phänomene ihrer Lebenswelt in Zeit und Raum; Geertz bezeichnet diese als Interpretationen erster Ordnung
  • der Interpretationen der InformantInnen über Phänomene der Lebenswelt in Zeit und Raum; Geertz bezeichnet diese als Interpretationen erster oder zweiter Ordnung
  • der Interpretationen der EthnographInnen über Phänomene von Lebenswelten, die von deren intellektuellem Hintergrund in Zeit und Raum geleitet werden; Geertz bezeichnet diese als Interpretationen zweiter oder dritter Ordnung.

Die Zusammenführung und Überlagerung dieser einzelnen Interpretationen nennt Geertz thick description oder dichte Beschreibung[2].

Dichte Beschreibungen sind nach Geertz keine „einfachen Beschreibungen“, sondern eine Kombination von Beschreibung und Interpretation.

Den Ausdruck thick description übernimmt Geertz vom Sprachphilosophen Gilbert Ryle, der damit eine schnelle Augenlidbewegung in einer Runde von Knaben beschreibt: nur das interpretative, schnelle Erfassen der Gesamtsituation lässt Wesentliches von Irrelevantem unterscheiden. Ebenso verfährt der/die EthnographIn bei der Zusammenführung aller verfügbaren Interpretationen.

Der tiefen, mikroskopisch genauen Durchdringung einzelner Fälle (dichtes Beschreiben) gibt Geertz den Vorzug gegenüber generalisierenden Aussagen.

Wesentliche Bedeutung für die Präsentation der Ethnographie kommt dem Akt und der Art des Schreibens zu, durch den die dichten Beschreibungen zum Ausdruck kommen. Ethnographische Schriften sind nach Geertz Fiktionen, weil sie etwas künstlich Geschaffenes sind, müssen aber nicht unbedingt falsch sein. Geertz vertritt die Ansicht, dass auch Interpretationen wissenschaftlich sein können.

Die interpretative Anthropologie leitete das Postmoderne Denken in der Kulturanthropologie ein und führte zu einer Betonung von Schreiben und Text, Bedeutung (meaning) und Interpretation im Gegensatz zu Struktur und Kausalität.


Verweise:
[1] Siehe Kapitel 5.2.1.4.1
[2] Siehe Kapitel 5.2.1.4.2.1


5.2.1.4.2.1 Beispiel für eine dichte Beschreibung

Textprobe für eine "dichte Beschreibung" nach Clifford Geertz[1] (siehe auch Theoretische Grundannahmen, Methoden und Techniken der interpretativen Anthropologie[2]):

"Der Kampf.

Hahnenkämpfe (tetadjen; sabungan) werden in einem Ring abgehalten, der ungefähr fünfzig Fuß im Quadrat mißt. Gewöhnlich beginnen sie am späteren Nachmittag und dauern drei oder vier Stunden bis zum Sonnenuntergang. Was den allgemeinen Ablauf betrifft, so sind die Kämpfe völlig gleich: es gibt keinen Hauptkampf, keinen Zusammenhang zwischen den einzelnen Kämpfen, keine formalen Unterschiede nach Größen, und ein jeder wird völlig ad hoc arrangiert. Sobald ein Kampf zuende ist und die emotionalen Trümmer beiseite geräumt sind - die Wetten ausbezahlt, die Flüche ausgesprochen und die toten Hähne in Besitz genommen -, begeben sich sieben, acht, vielleicht ein Dutzend Männer unauffällig mit ihren Hähnen in den Ring, um dort einen passenden Gegner für sie zu finden. Dieser Vorgang, der selten weniger als zehn Minuten dauert, oft sogar länger, findet in einer sehr scheuen, verstohlenen, oft sogar verheimlichenden Weise statt. Die nicht unmittelbar Beteiligten schenken dem Ganzen eine allenfalls versteckte, beiläufige Beachtung; diejenigen, die - zu ihrer Verlegenheit - beteiligt sind, tun irgendwie so, als geschähe das alles überhaupt nicht.

Wenn ein Paar zusammengestellt ist, ziehen sich die anderen Aspiranten mit derselben betonten Gleichgültigkeit zurück. Dann legt man den ausgewählten Hähnen ihre Sporen (tadji) an - rasiermesserscharfe, spitze Stahldolche von vier oder fünf Zoll Länge ...

Sind die Sporen angelegt, werden die Hähne in der Mitte des Ringes von den Hahnenführern (die nicht immer identisch mit den Besitzern sind) einander gegenüber in Stellung gebracht. Eine Kokosmuß, in die ein kleines Loch gebohrt ist, wird in einen Eimer mit Wasser geworfen, in dem sie etwa nach einundzwanzig Sekunden untergeht, eine Zeitspanne, die tjeng genannt wird und deren Anfang und Ende durch das Schlagen eines Schlitzgongs angezeigt wird. Während dieser einundzwanzig Sekunden ist es den Führern (pengangkeb) nicht gestattet, ihre Hähne zu berühren. Wenn es, was zuweilen geschieht, in dieser Zeit zu keinem Kampf zwischen den Tieren gekommen ist, nimmt man sie wieder an sich, sträubt ihre Federn, zieht an ihnen, sticht sie und ärgert sie noch auf andere Weise, und setzt sie dann zurück in die Mitte des Ringes, wo der Vorgang von neuem beginnt. Manchmal weigern sie sich selbst dann noch zu kämpfen, oder einer rennt ständig davon; in solch einem Falle werden sie zusammen unter einen Korbkäfig gesteckt, was sie dann für gewöhnlich zum Kämpfen bringt.

In den meisten Fällen jedoch fliegen die Hähne beinahe sofort aufeinander los, in einer flügelschlagenden, kopfstoßenden und um sich tretenden Explosion tierischer Wut, so rein, so absolut und auf ihre Weise so schön, dass sie fast abstrakt zu nennen wäre, ein platonischer Begriff des Hasses."

Literatur:

Geertz, Clifford (1983) "Deep Play": Bemerkungen zum balinesischen Hahnenkampf. In: ders. Dichte Beschreibung. Frankfurt am Main: Suhrkamp (orig. engl. 1973), S. 214-216

Verweise:
[1] Siehe Kapitel 5.2.1.4.1
[2] Siehe Kapitel 5.2.1.4.2

5.2.1.5 Anthropology at Home

Anthropology at Home oder auto-anthropology (nach Edward Ardener) bedeutet ethnographische Forschung, die im Heimatgebiet der EthnographInnen durchgeführt wird.

Anthropology at Home kann als Überbegriff für unterschiedliche kultur- und sozialanthropologische Studien verstanden werden (siehe Vor- und Nachteile der Anthropology at Home[1]), der sich aus den gesellschaftspolitischen Voraussetzungen[2] des Forschungskontextes ableitet.


Verweise:
[1] Siehe Kapitel 5.2.1.5.2
[2] Siehe Kapitel 5.2.1.5.1


5.2.1.5.1 Gesellschaftspolitische Voraussetzungen von Anthropology at Home

Im Gegensatz zur sog. exotischen Anthropologie, welche ihre Forschungsgebiete vornehmlich in Überseeländern suchte, betreibt die Anthropology at Home[1] ihre Untersuchungen im Heimatgebiet der EthnographInnen.

Trotz einzelner Studien führte die mainstream Kultur- und Sozialanthropologie bis zu Beginn der 1970er Jahre ihre Erhebungen vorwiegend in Überseegebieten durch.

Einreisebeschränkungen in viele der ehemaligen (kolonialen) Forschungsländer, bei gleichzeitigem rasantem Ansteigen an ausgebildeten AnthropologInnen führten vermehrt dazu, den ethnographischen Blick weg von exotischen Gebieten auf die eigene Kultur/Subkulturen zu richten. Zudem begannen immer mehr indigene, an westlichen Universitäten ausgebildete Kultur- und SozialanthropologInnen, ihre eigenen Heimatgebiete zu erforschen.

Stanley R. Barrett unterscheidet nach den gesellschaftspolitischen Voraussetzungen der Forschungsbedingungen unterschiedliche Typen von Anthropology at Home:

  • Insider Anthropology wird von EthnographInnen betrieben, die aus den das Forschungsgebiet dominierenden Gruppen stammen.
  • Native Anthropology wird von EthnographInnen betrieben, die aus Minderheiten-Gruppen im Forschungsgebiet stammen.
  • Indigenous Anthropology wird von so genannten „3.Welt-AnthropologInnen“ betrieben, die Forschung in ihrem Heimatland betreiben.

Bei dieser Dreiteilung von Barrett wird deutlich, dass sich die Differenz zwischen Insider und Native Anthropology innerhalb der Indigenous Anthropology der 3.Welt-AnthropologInnen wiederholt.

Anthropology at Home kann als Überbegriff für unterschiedliche kultur- und sozialanthropologische Studien verstanden werden (siehe Vor- und Nachteile der Anthropology at Home[2]).

Literatur:

Barrett, Stanley R. (1996) Anthropology. A Student´s Guide to Theory and Method. Toronto: University of Toronto Press


Verweise:
[1] Siehe Kapitel 5.2.1.5
[2] Siehe Kapitel 5.2.1.5.2


5.2.1.5.2 Vor- und Nachteile der Antrhopology at Home

Anthropology at Home kann als Überbegriff für unterschiedliche kultur- und sozialanthropologische Studien verstanden werden, der sich aus den gesellschaftspolitischen Voraussetzungen des Forschungskontextes ableitet.

Im Rahmen der Anthropology at Home können bei ethnographischen Untersuchungen sowohl qualitative wie quantitative Methoden herangezogen werden.


Die Vorteile für Anthropology at Home sind:

  • Wegfall langer Anreisen und erheblicher Reisekosten,
  • linguistische Kompetenz,
  • kein bedingungsloses Angewiesensein auf InformantInnen,
  • als Insider leichteres Verständnis der kulturellen Problematik,
  • sowie größere Kapazität, kulturelle Nuancen von non-verbalen und verbalen Daten wahrzunehmen.


Die Nachteile für Anthropology at Home sind:

  • Auf Grund der Vertrautheit werden viele Dinge des Alltagslebens von den ForscherInnen nicht hinterfragt und analysiert.
  • Zu geringe soziale Distanz zur untersuchten Gruppe kann einem unparteiischen Verhalten der ForscherInnen entgegenstehen.
  • Fehler im Verhalten der EthnographInnen werden nicht toleriert, da erwartet wird, dass die sozialen Regeln bekannt sind.

5.2.2 Die praktische Umsetzung einer ethnographischen Feldforschung

Die praktische Umsetzung einer ethnographischen Feldforschung beginnt bereits zuhause im Rahmen einer gezielten Vorbereitung. Vor Ort kommt die Umsetzung der Feldforschung nicht nur im Einsatz verschiedener Forschungsmethoden[1] und dem Anlegen von Feldnotizen[2] zum Ausdruck sondern auch im Umgang und der Zusammenarbeit mit InformantInnen, der Definition der eigenen Rolle im Feld und dem Aufbau eines Netzwerkes persönlicher Beziehungen.


Verweise:
[1] Siehe Kapitel 5.1
[2] Siehe Kapitel 5.2.3


5.2.2.1 Worin besteht die richtige Vorbereitung für eine Feldforschung?

Vor dem Beginn einer empirischen Datenerhebung im Feld sollten Sie sich bereits zu Hause mit

  • der fachlich-wissenschaftlichen Vorbereitung[1] ,
  • der praktisch-organisatorischen Vorbereitung[2] ,
  • sowie ihrer persönlichen Vorbereitung[3] beschäftigen und über diese Bereiche Klarheit gewinnen.


Verweise:
[1] Siehe Kapitel 5.2.2.1.1
[2] Siehe Kapitel 5.2.2.1.2
[3] Siehe Kapitel 5.2.2.1.3


5.2.2.1.1 Fachlich-wissenschaftliche Vorbereitung

Die fachlich-wissenschaftliche Vorbereitung der Feldforschung soll durch Literatur- und Sprachstudium zur Herausbildung eines wissenschaftlichen Vorverständnisses des gewählten Themas beitragen.

Zum wissenschaftlichen Vorverständnis zählen die Ausarbeitung der wissenschaftstheoretischen Position[1], die Ausarbeitung der anzuwendenden Methode(n) und Techniken[2], der Erwerb von Regionalkenntnissen[3], der Erwerb von Sachkenntnissen[4] sowie sprachliche Vorkenntnisse[5].

Neben der fachlich-wissenschaftlichen Vorbereitung müssen die praktisch-organisatorische Vorbereitung[6] und die persönliche Vorbereitung[7] einer Feldforschung durchgeführt werden.


Verweise:
[1] Siehe Kapitel 5.2.2.1.1.1
[2] Siehe Kapitel 5.2.2.1.1.2
[3] Siehe Kapitel 5.2.2.1.1.3
[4] Siehe Kapitel 5.2.2.1.1.4
[5] Siehe Kapitel 5.2.2.1.1.5
[6] Siehe Kapitel 5.2.2.1.2
[7] Siehe Kapitel 5.2.2.1.3


5.2.2.1.1.1 Ausarbeitung der wissenschaftstheoretischen Position

Zur Herausarbeitung eines wissenschaftlichen Vorverständnisses des Forschungsthemas zählt die Abklärung der wissenschaftstheoretischen Position, die der Feldforschung zu Grunde liegt.

Wenn ich z.B. eine Mythenforschung plane, wird zunächst mein theoretischer Zugang (historisch, strukturalistisch etc.) festzulegen sein.

Die gewählte theoretische Ausrichtung bestimmt die Ausarbeitung der anzuwendenden Methode(n) und Techniken[1].


Verweise:
[1] Siehe Kapitel 5.2.2.1.1.2


5.2.2.1.1.2 Ausarbeitung der anzuwendenden Methode(n) und Techniken

Zur Herausarbeitung eines wissenschaftlichen Vorverständnisses des Forschungsthemas zählt nach erfolgter Ausarbeitung einer wissenschaftstheoretischen Position[1] die Ausarbeitung der anzuwendenden Methode(n) und Techniken.

Wenn ich z.B. eine Mythenforschung im Sinne der theoretischen Position des Strukturalismus plane, werde ich mich bei meinen Erhebungen der strukturalistischen Methode und ihrer Techniken bedienen.


Verweise:
[1] Siehe Kapitel 5.2.2.1.1.1


5.2.2.1.1.3 Erwerb von Regionalkenntnissen

Zur Herausarbeitung eines wissenschaftlichen Vorverständnisses des gewählten Themas zählt die Aneignung von umfassenden Regionalkenntnissen des Gebietes, wo die Feldforschung stattfinden wird.


5.2.2.1.1.4 Erwerb von Sachkenntnissen

Zur Herausarbeitung eines wissenschaftlichen Vorverständnisses des gewählten Forschungsthemas zählt die Aneignung von umfassenden Sachkenntnissen jener Themen, welche im Rahmen der Feldforschung untersucht werden sollen, wie z.B. Migration, Religion, Kunst etc.


5.2.2.1.1.5 Sprachliche Vorkenntnisse

Zur Herausarbeitung eines wissenschaftlichen Vorverständnisses des gewählten Themas zählt die Aneignung von Vorkenntnissen jener Sprache(n), welche im Forschungsgebiet gesprochen wird (werden).

Die Sprache ist das erste und wichtigste Kommunikationsmittel zwischen ForscherIn und untersuchter Gesellschaft. Sie vermittelt den Zugang zu jener sozialen Realität, welche studiert werden soll.

Kultur- und SozialanthropologInnen stehen im Rahmen der weltweit über 6900 lebenden Sprachen[1]] in der Regel mehrere Möglichkeiten zur verbalen Kommunikation offen:

  • die Arbeit mit einer auch lokal verbreiteten Sprache europäischen Ursprungs[2],
  • die Arbeit mit einer lokalen Verkehrssprache[3]
  • oder die Arbeit in der lokalen bzw. indigenen Sprache[4], welche im Forschungsgebiet gesprochen wird.


Verweise:
[1] http://www.ethnologue.com/web.asp
[2] Siehe Kapitel 5.2.2.1.1.5.1
[3] Siehe Kapitel 5.2.2.1.1.5.2
[4] Siehe Kapitel 5.2.2.1.1.5.3


5.2.2.1.1.5.1 Sprachen europäischen Ursprungs

Im Zuge des Kolonialismus wurden europäische Sprachen (z.B. Englisch, Spanisch, Französisch, Portugiesisch, Russisch etc.) in weiten Teilen der Welt verbreitet und auch zu offiziellen Sprachen der neu entstandenen Nationalstaaten.

Die Arbeit mit einer auch lokal verbreiteten Sprache europäischen Ursprungs hat den Vorteil, dass sie den ForscherInnen leicht zugänglich ist. Der Nachteil der Kommunikation mit der europäischen Sprache liegt darin, dass sie in der Regel die Bildungssprache nur bestimmter, oft privilegierter Schichten ist. Einem/einer ForscherIn, die nur in dieser Sprache kommuniziert, ist der Zugang zu all jenen (Alltags-)Bereichen und Personengruppen verwehrt, innerhalb derer andere Sprachen gesprochen werden.

Die Notwendigkeit des Erwerbs unterschiedlicher Sprachkenntnisse hat sich deshalb immer am zu untersuchenden Feld zu orientieren. Ohne Kenntnis der im Alltag verwendeten Sprachen ist es nicht möglich, die lokalen Konzepte und Strategien der Akteure zu erfassen.

Deshalb ist neben der Kommunikation in der Sprache europäischen Ursprungs der Erwerb von sprachlichen Vorkenntnissen in einer lokalen Verkehrssprache[1] und/oder der indigenen Sprache[2] sinnvoll.


Verweise:
[1] Siehe Kapitel 5.2.2.1.1.5.2
[2] Siehe Kapitel 5.2.2.1.1.5.3


5.2.2.1.1.5.2 Lokale Verkehrssprachen und Pidgin

Der Erwerb von Vorkenntnissen der lokalen Verkehrssprache (lingua franca bzw. Pidgin), welche im Forschungsgebiet gesprochen wird, ist neben der Verwendung einer Sprache europäischen Ursprungs[1] und der lokalen bzw. indigenen Sprache[2] eine Möglichkeit zur Kommunikation im Rahmen der Feldforschung.

Lokale Verkehrssprachen werden in einem weiten Regionalgebiet als Handelssprachen und zur interethnischen Kommunikation von mehreren Gruppen verwendet, die aber an sich jede eine andere Sprache sprechen. Lingua franca bzw. Pidgin sind deshalb aus der Sicht der SprecherInnen immer Zweitsprachen und keine Muttersprache.

So gilt z.B. das Arabische in weiten Teilen Ost-Afrikas als lingua franca; ebenso das Spanische bzw. Portugiesische für gewisse Indigene in Meso- und Süd-Amerika.

Der Nachteil der Arbeit mittels einer Verkehrssprache besteht darin, dass zwar interethnische Kontaktsituationen verstanden und erforscht werden können, der muttersprachliche Alltag ohne die Kenntnis der lokalen bzw. indigenen Sprache aber nicht bzw. nur unzureichend erfasst werden kann.


Verweise:
[1] Siehe Kapitel 5.2.2.1.1.5.1
[2] Siehe Kapitel 5.2.2.1.1.5.3


5.2.2.1.1.5.3 Lokale bzw. indigene Sprachen

Neben der Arbeit mittels Sprache europäischen Ursprungs[1] und lokaler Verkehrssprache[2] besteht die Möglichkeit zur Kommunikation in der lokalen bzw. indigenen Sprache. Dabei kann es sich auch um Creol-Sprachen[3] handeln, die zur Muttersprache bestimmter Bevölkerungsgruppen geworden sind.

Die Arbeit mit der indigenen Sprache hat den Vorteil der unverzerrten Artikulation seitens der untersuchten Personen, wodurch die dahinter liegenden Denkkategorien ungefiltert zum Ausdruck kommen und erforscht werden können.

Ein weiterer Vorteil liegt in der besseren sozialen Einbindung der ForscherIn in die Gruppe, da das Sprechen der Muttersprache oft als ein Akt der Höflichkeit und des Interesses gewertet und honoriert wird.

Der Nachteil besteht darin, dass die Möglichkeit des Lernens einer indigenen Sprache, die nicht schriftlich fixiert ist, nur selten vor der Abreise zur Feldforschung gegeben ist.

In diesem Falle lohnt sich als Vorbereitung die Aneignung bestimmter Lerntechniken im Rahmen der allgemeinen Sprachwissenschaft (z.B. Gudschinsky, Sahra C. [1971] How to Learn an Unwritten Language. New York: Holt, Rinehart und Winston).


Verweise:
[1] Siehe Kapitel 5.2.2.1.1.5.1
[2] Siehe Kapitel 5.2.2.1.1.5.2
[3] https://www.ethnologue.com/subgroups/creole


5.2.2.1.2 Praktisch-organisatorische Vorbereitung

Neben der fachlich-wissenschaftlichen Vorbereitung[1] und der persönlichen Vorbereitung[2] einer Feldforschung ist ebenso die praktisch-organisatorische Vorbereitung durchzuführen.

Die praktisch-organisatorische Vorbereitung einer Feldforschung umfasst in erster Linie administrative Tätigkeiten. Diese sollten am besten in Form einer check-list zunächst übersichtlich dargestellt und im Zuge der Vorbereitung nach Erledigung abgehakt werden.

Die check-list soll zumindest die detaillierten Rubriken Projektanträge[3], Kontakte zu Institutionen im Forschungsland[4], Empfehlungsschreiben[5], Reisemodalitäten[6], Unterbringungsmöglichkeiten[7], medizinische Maßnahmen[8] und technische Ausrüstung[9] umfassen.


Verweise:
[1] Siehe Kapitel 5.2.2.1.1
[2] Siehe Kapitel 5.2.2.1.3
[3] Siehe Kapitel 5.2.2.1.2.1
[4] Siehe Kapitel 5.2.2.1.2.2
[5] Siehe Kapitel 5.2.2.1.2.3
[6] Siehe Kapitel 5.2.2.1.2.4
[7] Siehe Kapitel 5.2.2.1.2.5
[8] Siehe Kapitel 5.2.2.1.2.6
[9] Siehe Kapitel 5.2.2.1.2.7


5.2.2.1.2.1 Projektanträge

Projektanträge auf die Gewährung von Fördermitteln, etwa im Rahmen von Stipendien[1]], für das Forschungsvorhaben sollen möglichst früh bei den zuständigen Stellen eingereicht werden, um über den finanziellen Rahmen des Projektes Bescheid zu wissen.


Verweise:
[1] https://studienpraeses.univie.ac.at/stipendien/


5.2.2.1.2.2 Kontakte zu Institutionen im Forschungsland

Es ist empfehlenswert, bereits vom Heimatort aus Verbindung zu österreichischen Botschaften, Kulturinstituten, Handelsdelegationen etc. sowie Universitäten im Land, wo die Feldforschung stattfinden soll, aufzunehmen.

Diese Kontakte können sich für wertvolle Forschungshinweise, aber auch für Unterbringungsmöglichkeiten[1] oder im Falle von Krankheit oder anderen Schwierigkeiten als sehr wertvoll erweisen.


Verweise:
[1] Siehe Kapitel 5.2.2.1.2.5


5.2.2.1.2.3 Empfehlungsschreiben

Empfehlungsschreiben maßgeblicher österreichischer Institutionen (z.B. der Universität Wien) können sich im Forschungsland als überaus nützlich erweisen.

Sie umreißen kurz das wissenschaftliche Anliegen des geplanten Projektes und ersuchen um weitest gehende Unterstützung der ForscherIn.


5.2.2.1.2.4 Reisemodalitäten

Zeitgerecht vor Antritt der Feldforschung ist die (kostengünstigste) An- und Rückreisemöglichkeit bzw. die Reiseroute festzulegen.

Beachten Sie unbedingt die Einreisebedingungen des Forschungslandes (z.B. Visum, Aufenthaltsgenehmigung etc.)!


5.2.2.1.2.5 Unterbringungsmöglichkeiten

Es ist empfehlenswert, bereits vor Antritt der Reise die Unterbringungsmöglichkeiten im Forschungsland (zumindest für die ersten Tage) zu organisieren.

Kontakte zu Institutionen im Forschungsland[1] können sich diesbezüglich als nützlich erweisen.


Verweise:
[1] Siehe Kapitel 5.2.2.1.2.2


5.2.2.1.2.6 Medizinische Maßnahmen

Informieren Sie sich rechtzeitig, welche ärztlichen Vorsorgemaßnahmen (z.B. Impfungen) für ihr Forschungsland vorgeschrieben sind!

Diesbezügliche Informationen erteilen die Gesundheitsämter der Gemeinden, die Wiener Tropen- bzw. Hygiene-Institute u.a. öffentliche und private Stellen.

Da einige Impfungen eine längere Vorlaufzeit brauchen bzw. wiederholt werden müssen, um wirksamen Schutz zu bieten, ist unbedingt auf eine zeitgerechte Durchführung zu achten!

Ebenfalls ist die Zusammenstellung einer geeigneten Reiseapotheke zu planen, da in manchen Feldforschungsgebieten die medizinische Versorgung kaum oder nur mangelhaft gewährleistet ist.


5.2.2.1.2.7 Technische Ausrüstung

Überprüfen Sie vor Antritt der Feldforschung unbedingt die Funktionstüchtigkeit der technischen Ausrüstung (Notebook, Fotoapparat, Filmkamera, Diktiergerät etc.) und achten Sie auf das nötige Zusatzmaterial.


5.2.2.1.3 Persönliche Vorbereitung: Selbstreflexion der ForscherIn

Neben der fachlich-wissenschaftlichen Vorbereitung[1] und der praktisch-organisatorischen Vorbereitung [2] einer Feldforschung ist auch die persönliche Vorbereitung der ForscherInnen in Form einer Selbstreflexion von Bedeutung:

Die Zeit der Feldforschung bedeutet für alle ForscherInnen auch eine große persönlich-menschliche Erfahrung, die vielfach mit einer Initiationsphase verglichen wird.

Wie letztere birgt sie viele neue Erfahrungen, Unerwartetes, physisch wie psychisch Belastendes.

Deshalb empfehlen insbesondere amerikanische Methodenlehrbücher sich vor einer Feldforschung einer Analyse bei einem/einer Therapeuten/In zu unterziehen, um eigene Aggressionspunkte, Projektionen etc. auszuloten.

Zur Selbstreflexion der EthnographInnen siehe auch folgende Literatur:

Barrett, Stanley R. (1996) A Student´s Guide to Theory and Method. Toronto: University of Toronto Press; Davies, Charlotte Aull (2007) Reflexive Ethnography. A guide to researching selves and others. London: Routledge.

Auch ohne fachliche Unterstützung empfiehlt es sich in jedem Falle mittels Selbstreflexion seine eigenen Schwächen und Stärken und die daraus resultierenden Reaktionen unter unüblichen Konditionen kennen zu lernen.

Auch während des Feldforschungsaufenthaltes sollte diese Selbsttherapie durch die Führung eines persönlichen Tagebuches fortgesetzt werden.

Durch das spontane Aufschreiben aller persönlichen Betroffenheiten, Emotionen und Handlungen des abgelaufenen Tages lässt sich somit eine gewisse Distanz schaffen, um individuelle Befindlichkeiten und wissenschaftliche Fakten zu entwirren.


Verweise:
[1] Siehe Kapitel 5.2.2.1.1
[2] Siehe Kapitel 5.2.2.1.2

5.2.3 Wie schreibt man Feldnotizen?

Das Verfassen von Feldnotizen gehört neben anderen Strategien (Aufnehmen von Interviews, Fotografieren, Filmen, etc.) zu den zentralen ethnografischen Verfahren der Datendokumentation. Der Kern dieses Verfahrens besteht darin, Erfahrungen, Erlebnisse und Beobachtungen, die man als FeldforscherIn im Feld macht, systematisch in brauchbare Daten zu transformieren. Dabei stellen sich unterschiedliche Fragen:

  • Wie stellt sich das Verhältnis von verschriftlichten Daten und Erinnerungen[1] dar?
  • Was kann ich tun, damit ich mich an das Beobachtete und Erlebte wieder erinnere[2] ?
  • Wie kann ich die Beobachtungen zu vernünftigen schriftlichen Feldnotizen ausarbeiten[3] ?
  • Aus welchen Textgattungen[4] bestehen Feldnotizen?



Verweise:
[1] Siehe Kapitel 5.2.3.1
[2] Siehe Kapitel 5.2.3.4.1
[3] Siehe Kapitel 5.2.3.4.2.1
[4] Siehe Kapitel 5.2.3.4


5.2.3.1 Headnotes und Fieldnotes

Ein zentrales Moment des Feldforschungsprozesses besteht in der Transformation von Feldforschungserfahrungen in verschriftlichte Feldforschungsnotizen, die dann für weitere Analysen verwendet werden können. Als FeldforscherIn kommt man aber nicht nur mit fieldnotes aus dem Feld zurück, sondern auch mit "headnotes", das heißt sowohl mit verschrifltichten Daten, wie mit einem Pool von Erfahrungen und Erinnerungen. Während die verschriftlichten Daten bleiben wie sie sind, ändern sich die headnotes im Laufe der Zeit und damit auch die retrospektive Interpretation der fieldnotes. Wie Sanjek (1990: 93) unter Verweis auf Ottenberg feststellt, ist Ethnographie daher ein Produkt dieses Wechselverhältnisses zwischen fieldnotes und headnotes.


5.2.3.2 Von der ethnographischen Erfahrung zu den Feldnotizen

Nachdem der Zugang zu einem Feld geschaffen wurde, beginnt man auf unterschiedliche Art und Weise in diesem zu interagieren und zu partizipieren. Dabei kann es sich zu Beginn um informelle Gespräche und Beobachtungen handeln, welche zu einem allmählichen Kennenlernen von lokalen Routinen und einem lokalen Alltagsverständnis führen. Dies führt in weiterer Folge zu einem "Eintauchen" in andere Lebenswelten und die lokale Kultur. Die zentrale Strategie ist eine "teilnehmende Beobachtung[1] ", wobei der Anteil der Beobachtung und der Teilnahme sich je nach Phase der Feldforschung unterschiedlich gestalten wird.

Im Zuge dieser ethnographischen Erfahrung wird nicht nur explizites Wissen generiert, sondern auch implizites, so genanntes "tacit knowledge", das heißt verinnerlichtes Wissen, welches zu einem Teil der Persönlichkeit des/der ForscherIn wird und mit der Übernahme von Regeln und Verhaltensweisen der jeweiligen Kultur einhergeht. Bei diesem impliziten "tacit konwledge" handelt es sich um eine zum Teil unbewusste bzw. halb-bewusste Verinnerlichung (embodyment) anderer kultureller Praktiken. Im Gegensatz dazu stehen die bewussten Erfahrungen und die sich im Laufe der Zeit verändernden Erinnerungen (headnotes[2] ).

Der zentrale Punkt der diese ethnographische Erfahrung zu einem Teil eines wissenschaftlichen, methodischen Vorgehens macht, besteht darin, diese Erfahrung fest zu halten, explizit zu machen und zu verschriftlichen. In diesem Prozess werden diese Erfahrungen in Daten in Form von Feldnotizen transformiert. Methodisch betrachtet handelt es sich dabei um einen Kernprozess der Feldforschung.


Verweise:
[1] Siehe Kapitel 5.1.1.2
[2] Siehe Kapitel 5.2.3.1


5.2.3.3 Feldnotizen als Daten

Wie alle anderen Daten beinhalten auch Feldnotizen sowohl Informationen, Beschreibungen und Aussagen über ein Feld, als auch über die Art der Beobachtung, in diesem Fall des/der EthnographIn. Deshalb beinhalten Feldnotizen durchaus auch intime Informationen über den/die FeldforscherIn, seine/ihre Befindlichkeit, Ängste, Wünsche und Hoffnungen.

Innerhalb eines Forschungsprozesses machen Feldnotizen retrospektiv die eigenen Vorannahmen deutlich. Dies kommt z.B. dadurch zum Ausdruck, dass man beschreibt was man als neu und überraschend erlebt. Aus einem analytischen Blickwinkel macht dies (implizite) Erwartungshaltungen und möglicherweise unbewusste Grundannahmen sowie eigene Kategorien und Bewertungsschemata deutlich.

Feldnotizen veranschaulichen aber auch die Sensibilitäten des/der FeldforscherIn. Sie machen deutlich, was man zu Beginn einer Feldforschung wahrgenommen hat und was gegen Ende, was man zu gewissen Zeiten noch nicht bzw. nicht mehr - weil es selbstverständlich geworden ist - gesehen hat. Sie veranschaulichen, wofür man sensibilisiert wurde und was man in Interaktion mit dem Feld gelernt hat.

Feldnotizen machen aber auch die interaktiven Prozesse der Rollendefinition, das heißt das "role making" und "role taking", des/der FeldforscherIn deutlich. Welche Rollen sind im Feld für den/die ForscherIn vorhanden, welche bekommt er/sie zugeschrieben, wie geht er/sie damit um, was heißt dies für die Möglichkeiten der Forschung und Datengewinnung und wie verändert sich die Rolle, die man als FeldforscherIn einnimmt im Laufe der Zeit?

Feldnotizen können die ethnographische Erfahrung aber nie ungefiltert wieder geben. Die ethnographische Erfahrung selbst beruht bereits auf einer selektiven Wahrnehmung von den im Feld stattfindenden Ereignissen. Im Zuge einer Feldforschung ändert sich die Selektivität mit der man Ereignisse im Feld wahrnimmt, da diese von Wissen und Erfahrung abhängig sind.

Bei der Transformation der ethnographischen Erfahrung in verschriftlichte Daten kommt es unweigerlich zu einer weiteren Selektion: Einerseits werden nicht alle Erfahrungen verschriftlicht (d.h. sie bleiben im besten Fall headnotes[1], z.B. weil gewisse Ereignisse als nicht relevant erscheinen), andererseits bieten sich unterschiedliche Möglichkeiten der Beschreibung einer Erfahrung bzw. eines Ereignisses. Es stellt sich also die Frage, welche Strategien[2] man sowohl im Feld, wie beim Ausarbeiten der Feldnotizen am Schreibtisch[3] anwenden kann, um möglichst qualitätsvolle Aufzeichnungen zu produzieren.


Verweise:
[1] Siehe Kapitel 5.2.3.1
[2] Siehe Kapitel 5.2.3.4.2.2
[3] Siehe Kapitel 5.2.3.4.2.1


5.2.3.4 Fieldnotes als unterschiedliche Textsorten

Der Charakter von Feldnotizen unterscheidet sich nicht nur individuell und Anlass bezogen je nach ForscherIn und Projekt, sondern fieldnotes bestehen im Normalfall aus sehr unterschiedlichen und sich gegenseitig ergänzenden Formen des Schreibens und resultierender Textsorten.

So unterscheidet Clifford (1990) drei Arten des Schreibens:

1) aufschreiben[1] (inscribing): das Aufschreiben eines Wortes oder einer Phrase, um eine Beobachtung festzuhalten oder um sich daran zu erinnern, was jemand gesagt hat.

2) transkribieren[2] (transcribing): das Verschriftlichen von Erzählungen, Mythen, Erklärungen etc. mit Hilfe von InformantInnen und/oder vom Band.

3) beschreiben[3] (describing): die Produktion einer mehr oder weniger kohärenten Repräsentation der beobachteten kulturellen Realität.

Zu den Textsorten, welche die fieldnotes umfassen, gehören u.a.:

  • Stichwörter[4],
  • ausgearbeitete Feldnotizen[5],
  • Transkripte[6],
  • spezialisierte Datensammlungen[7],
  • Memos[8],
  • eine Metadatendokumentation[9] sowie
  • schriftliche Interaktionen aus dem Feld[10].



Verweise:
[1] Siehe Kapitel 5.2.3.4.1
[2] Siehe Kapitel 5.2.3.4.4
[3] Siehe Kapitel 5.2.3.4.2.1
[4] Siehe Kapitel 5.2.3.4.1
[5] Siehe Kapitel 5.2.3.4.2
[6] Siehe Kapitel 5.2.3.4.4
[7] Siehe Kapitel 5.2.3.4.5
[8] Siehe Kapitel 5.2.3.5.3.4
[9] Siehe Kapitel 5.2.3.4.6
[10] Siehe Kapitel 5.2.3.4.7


5.2.3.4.1 Stichwortzettel

Abbildung: Stichwortzettel von Margaret Mead vom Feldforschungsaufenthalt bei den Tchambuli im Frühling 1933.[3]
Abbildung: Stichwortzettel von Margaret Mead vom Feldforschungsaufenthalt bei den Tchambuli im Frühling 1933.[4]

Ein zentraler Aspekt der Verschirftlichung und des Ausarbeitens von Feldnotizen ist die Notwendigkeit sich an die Ereignisse und Erlebnisse so detailgetreu wie möglich zu erinnern. Neben Mnemotechniken kommen dabei auch andere Erinnerungshilfen, wie z.B. das Aufschreiben (inscribing[1]) von Stichwörtern, zum Einsatz. Klassischerweise macht man sich auf kleinen Stichwortzetteln Notizen, die das nachträgliche Ausarbeiten der Feldnotizen unterstützen. Heutzutage kann es sich aber auch um kurze, in ein Diktiergerät gesprochene Sätze oder in ein Handy getippte Notizen handeln. Je nach Feldsituation ist zu entscheiden, ob, wann, wie offen und wie[2] solche Erinnerungshilfen angelegt werden können.


Verweise:
[1] Siehe Kapitel 5.2.3.4
[2] Siehe Kapitel 5.2.3.4.1
[3] http://www.loc.gov/exhibits/mead/images/mm0140bp1s.jpg
[4] http://www.loc.gov/exhibits/mead/images/mm0140bp2s.jpg


5.2.3.4.1.1 Empfehlungen für das Festhalten von Stichwörtern

Um möglichst lebendige und beschreibende fieldnotes zu produzieren geben Emerson et al (1995: 32ff) folgende Empfehlungen für das Festhalten von Stichwörtern. Man sollte:

  • Kernelemente beobachteter Szenen und Interaktionen festhalten, etwa Fragmente von Handlungen bzw. Gesprächen;
  • allgemeine generalisierende Charakterisierungen vermeiden, z.B. einen Arbeitsprozess nicht als "geschickt" bzw. "ungeschickt" charakterisieren, sondern Stichwörter festhalten, die es erlauben den Prozess als solchen zu beschreiben;
  • konkrete Sinneseindrücke im Bezug auf Handlungen und Gespräche festhalten, z.B. nicht bloß behaupten, dass jemand verärgert ist, sondern seine/ihre Reaktionen und Äußerungen beschreiben und dadurch den emotionalen Zustand nachvollziehbar machen. Der Fokus sollte darauf liegen, wie Gefühle zum Ausdruck gebracht werden und nicht darauf, was vermeintliche Gefühle sind.
  • jene Sinneseindrücke festhalten, die zentral sind, aber die man leicht vergessen würde. Dazu ist es notwendig, die Selektivität der eigenen Erinnerung kennen zu lernen.
  • Stichwörter sollen generelle Eindrücke und Gefühle signalisieren auch wenn man sich in der Situation noch nicht über deren Relevanz im Klaren ist.



5.2.3.4.2 Ausgearbeitete fieldnotes

Im Gegensatz zu den Erinnerungen (headnotes)[1], dem erworbenen "tacit knwoledge[2] " und den Stichwortzetteln[3] handelt es sich bei den ausgearbeiteten fieldnotes nicht um rohe, einfach nur aufgeschriebene Daten, sondern um die Produktion einer kohärenten Beschreibung. Diese ist zentral im Feldforschungsprozess und solche Beschreibungen müssen produziert werden, können akkumuliert, später kodiert bzw. indiziert werden und bilden die Grundlage für jedwede weitere Analyse. Ausgearbeitete fieldnotes repräsentieren somit nicht nur mechanisch Erinnertes, vielmehr sind die präsentierten Fakten ausgewählt, fokussiert und bereits ansatzweise interpretiert.

Sie entstehen nicht nur aus einem Prozess des Auf- bzw. Niederschreibens (write down bzw. inscription[4]) sondern in einem schriftlichen Ausformulieren (wirte up bzw. description), welches bewusst zusammengesetzte (dichte) Beschreibungen produziert. Im Prozess der Ausarbeitung können unterschiedliche Schreibstile und Strategien[5] angewandt werden.

Abbildung: Abbildung: Fieldnotes von Margaret Mead, "Iatmul field notes for May 5, 1938.[6]

"PARTIAL TRANSCRIPTION OF PAGE:

Consider difference [between?] boys + girls
in affective vs. cognitive culture.

Diff. strong Arapesh, Mundugumor
Tjambuli (less)
?Iatmul,
Diff. slighter - Manus(?) Bali Samoa
Manus and Tj. are borderline cases.
Due to early affective assimilation of
girls to adult female standard

-impossible for boys-
Perhaps differential intellectual curiosity
of boys + girls may be partly laid
to this rather than to drive."


(Quelle: http://www.loc.gov/exhibits/mead/...[6] 06.04.2007)

Verweise:
[1] Siehe Kapitel 5.2.3.1
[2] Siehe Kapitel 5.2.3.2
[3] Siehe Kapitel 5.2.3.4.1
[4] Siehe Kapitel 5.2.3.4
[5] Siehe Kapitel 5.2.3.4.2.2
[6] http://www.loc.gov/exhibits/mead/field-iatmul.html



5.2.3.4.2.1 Das Ausarbeiten der Fieldnotes
Abbildung: Gregory Bateson und Margaret Mead beim Ausarbeiten der Fieldnotes im "Moskitozimmer" bei den Iatmul 1938.[1]

Das Ausarbeiten der fieldnotes ist im Normalfall ein zeitaufwendiger Prozess und man sollte davon ausgehen, dass für jede Stunde Beobachtungszeit zumindest eine weitere Stunde benötigt wird um die Beobachtungen in einer schriftlichen Form auszuarbeiten. Heute können solche fieldnotes zum Teil mittels Spracherkennungssoftware diktiert werden. In der Literatur findet sich die Empfehlung, fieldnotes so rasch wie möglich zu verfassen, damit der Eindruck des Erlebten möglichst „frisch“ und unverändert ist. Gespräche über erlebte Ereignisse führen dazu, das Verständnis des Erlebten zu transformieren bzw. bereits selektiv zu interpretieren, weshalb empfohlen wird, die Feldnotizen zu verfassen, bevor eine solche Transformation stattfindet. In der Praxis eines permanenten Feldaufenthaltes erweist es sich zumeist als schwierig, mit seinen fieldnotes up to date zu sein und erfordert oft äußerste Disziplin.

Die Art und Weise, wie die fieldnotes verfasst werden, ist natürlich auch vom intendierten bzw. imaginierten Publikum abhängig. Also von der Frage, ob sie anderen zur Verfügung gestellt werden, oder ob es sich um rein persönliche und intime Aufzeichnungen handelt. Wichtig ist, dass die fieldnotes auch ausreichende Details und Hintergrundinformationen beinhalten, so dass sie auch nach Jahren noch sinnvoll interpretierbar sind, wenn der unmittelbare Eindruck der Feldsituation bereits verblasst ist. Wenn man Feldnotizen im Bewusstsein verfasst, dass diese für ein breiteres Publikum bestimmt sind, so werden die Aufzeichnungen im Normalfall reichhaltiger sein, mehr Hintergrund- und Kontextinformationen beinhalten und vermeintlich selbstverständliche Details expliziter ausführen.


Verweise:
[1] http://www.loc.gov/exhibits/mead/images/mm0211bs.jpg


5.2.3.4.2.2 Stile und Strategien des Verfassens von Fieldnotes

Es existieren unterschiedliche Strategien, die Feldnotizen auszuarbeiten. Ausgangspunkt des Ausarbeitens sind die Stichwörter[1] und Notizen, welche man z.B. im Laufe eines Tages verfasst hat. Ausgehend davon kann man chronologisch vorgehen und die Ereignisse des Tages in ihrer Abfolge beschreiben oder aber das Ausarbeiten der Feldnotizen nach thematischen Prinzipien organisieren. Darüber hinaus kann man auch mit einer möglichst detaillierten lebendigen Beschreibung besonderer Ereignisse beginnen, welche dann im Rahmen der sonstigen Tagesereignisse bzw. thematischen Zusammenhänge verankert werden.

Ziel ist, aus der fragmentierten und zerstückelten Information, welche die Stichwörter darstellen, eine kohärente Beschreibung anzufertigen. Dabei ist zu beachten, dass der Großteil der Information der zu erstellenden Beschreibung nicht in den Stichwörtern festgehalten wurde, denn diese stellen nur Hilfen dar, um Erinnerungen reaktualisieren und verschriftlichen zu können. Dementsprechend werden direkte Zitate in diesen Beschreibungen nur dann eingesetzt, wenn es sich um Aussagen handelt, die direkt im Feld aufgezeichnet wurden, nicht aber, wenn es sich um eine gedächtnisgestützte Rekonstruktion des Gesagten handelt. Beim Ausarbeiten der fieldnotes handelt es sich bereits um eine erste vorläufige Interpretation in der Erfahrungen geordnet und Interaktionsmuster benannt werden. Möglicherweise werden nicht alle stichwortartigen Aufzeichnungen in die ausgearbeiteten fieldnotes inkludiert, da sie zu einem gewissen Zeitpunkt noch keinen Sinn machen, das heißt noch nicht sinnvoll interpretiert werden können. Mit großer Wahrscheinlichkeit können sie aber zu einem späteren Zeitpunkt für die Analyse des Materials relevant werden. Deshalb ist es ratsam auch vage, scheinbar unwichtige, nicht oder nur ansatzweise verstandene Details festzuhalten, da diese auf Phänomene verweisen können, die sich zu einem späteren Zeitpunkt als zentral erweisen.

Die konkreten Beschreibungen können auf doppelte Weise unterschiedlich organisiert sein: Einerseits kann die Beschreibung aus unterschiedlichen Perspektiven[2] erfolgen, andererseits kann der zeitliche Ablauf[3] der Beschreibung variieren. Weiters kann man Szenen mittels unterschiedlicher Verfahren darstellen[4] und diese Szenen miteinander in Beziehung setzten[5].


Verweise:
[1] Siehe Kapitel 5.2.3.4.1
[2] Siehe Kapitel 5.2.3.4.2.2.1
[3] Siehe Kapitel 5.2.3.4.2.2.2
[4] Siehe Kapitel 5.2.3.4.2.2.3
[5] Siehe Kapitel 5.2.3.4.2.2.4


5.2.3.4.2.2.1 Beschreibungsperspektiven

Die Beschreibung kann grundsätzlich aus drei unterschiedlichen Perspektiven erfolgen: aus der Perspektive des Ich- Erzählers, aus der Position dritter Personen bzw. aus einer „Allwissenden Perspektive“ (Emerson et al 1995: 52ff):

  • Aus der Perspektive des Ich-Erzählers kann man als EthnographIn die eigene Geschichte darstellen, in dem man festhält, was man weiß, erfahren und gefühlt hat, während man mit Anderen interagiert hat. Diese Perspektive ermöglicht es, die eigenen Erfahrungen und Reaktionen in Auseinandersetzung mit den Handlungen und Gesprächen im Feld darzustellen. Wie Emerson et al feststellen, ist diese Perspektive besonders effizient, wenn der/die EthnographIn ein Mitglied jener Gruppe ist, die er/sie studiert. Die Perspektive des Ich-Erzählers ermöglicht in diesem Fall eine „Insider-Sichtweise auf Handlungen, die durch ihr ethnographisches Interesse gefiltert ist“ (Emerson et al 1995:53). Durch diese Perspektive kann auch der natürliche Fluss der Ereignisse aus der Sicht des Gruppenmitglieds dargestellt werden. Man kann nicht nur festhalten, was Personen im Feld getan oder gesagt haben, sondern auch vermitteln, wie man sich angesichts dieser Handlungen und Aussagen gefühlt hat und wie man darauf reagiert hat. Diese Position macht es möglich, die Erfahrung des/der AutorIn, nicht nur als Mitglied einer Gruppe, sondern auch als involvierte/r teilnehmende/r BeobachterIn, im Sinne einer Selbst-Reflexionen über diese teilnehmende Beobachtung darzustellen.
  • Aus der Positionen der dritten Person beschreibt man, was die anderen tun und sagen. Man berichtet dabei, was man von Anderen im Zuge der Beobachtung gesehen oder gehört hat. Dabei kann sich der/die SchreiberIn als teilnehmende/r BeobachterIn in die Szene inkludieren und die eigenen Antworten und Reaktionen in Nebenbemerkungen anführen, die wiederum in der ersten Person geschrieben sind. Beim Schreiben aus der Position der dritten Person, sollte man Andere nur durch jene Aktivitäten und Aussagen charakterisieren, die man wirklich gesehen und gehört hat. Interpretationen sind zu vermeiden. Die Beschreibung fokussiert darauf, was Personen gesehen, gesagt und getan haben. Man sollte vermeiden über die Motive oder die Gedanken der Anderen zu spekulieren, die Beschreibung auf tatsächlich Beobachtetes beschränken und zeigen, was getan und gesagt wurde. Die wörtliche Wiedergabe von Aussagen gemeinsam mit einer Beschreibung der Gesten und der Mimik ist eines der effektivsten Mittel, um eine Person zu portraitieren. Durch diese Strategie stellt man eine andere Person ins Zentrum der Beobachtung und charakterisiert sie durch ihre Handlungen und Äußerungen. Dies führt zu einer Beschreibung aus einer „fokussierten Position der dritten Person“ (Emerson et al 1995: 57). Ethnographische Beschreibungen können auch so organisiert sein, dass man unterschiedliche solcher fokussierten Positionen dritter Personen gegenüberstellt und dadurch die unterschiedlichen Standpunkte und multiplen Stimmen im Feld vermittelt.
  • Im Gegensatz zur Position des Ich-Erzählers oder jener der dritten Person, nimmt man in der „Allwissenden Perspektive“ eine losgelöste Position „über bzw. außerhalb“ der Ereignisse ein. Man kann frei von einem Ort oder Zeitpunkt zum anderen sowie zwischen den Charakteren wechseln. Bei dieser Position werden realistische Erzählungen in einem „objektiven“ Tonfall und Stil erstellt, in denen nicht nur ein Zugang zu den offenkundigen Handlungen und Aussagen der AkteurInnen möglich ist, sondern auch zu ihren Gedanken, Gefühlen und Motiven. Es wäre nicht möglich eine solche allwissende Darstellung zu verfassen, hätte man nicht viele Stunden damit verbracht die Leute zu interviewen und sie auch in Bezug auf ihre Gedanken, Gefühle und Wahrnehmungen über bestimmte Ereignisse zu befragen. Dieser allwissende Stil produziert Feldnotizen, in welchen sich die partizipative Erfahrung des/der EthnographIn mit den Berichten der anderen vermischt. Sie reduziert und verbindet multiple Perspektiven und Beschreibungen und bringt so eine einzige, allwissende Stimme zum Ausdruck, was allerdings dazu führt, die unterschiedlichen Interpretationen konkurrierender Versionen der Welt zu ignorieren.

    Bei der Ausarbeitung von Feldnotizen sind diese Perspektiven unterschiedlich einsetzbar und auch miteinander kombinierbar. Insgesamt sollten die Feldnotizen eine Balance zwischen der Sensitivität gegenüber der Erfahrung der Anderen im Feld und einer selbst-reflexiven Aufmerksamkeit des/der FeldforscherIn im Bezug auf die eigenen Wahrnehmungen und Reaktionen diesen Anderen gegenüber zum Ausdruck bringen. Der Wechsel zwischen unterschiedlichen Perspektiven und Positionen, die in den Feldnotizen zum Ausdruck kommen, verdeutlicht diese selbst-reflexive Sensitivität gegenüber den Anderen.

    Neben der Möglichkeit, die Beschreibung aus unterschiedlichen Perspektiven vorzunehmen, kann auch der zeitliche Ablauf[1] der Beschreibung variieren.


Verweise:
[1] Siehe Kapitel 5.2.3.4.2.2.2


5.2.3.4.2.2.2 Echtzeit- und Endpunkt-Beschreibungen

Die konkreten Beschreibungen können unterschiedlich organisiert sein, so kann etwa der zeitliche Ablauf der Beschreibung variieren:

  • Beschreibungen können in Echtzeit angefertigt werden, das heißt, den realen Verlauf der Ereignisse nachvollziehbar machen. Diese Nachvollziehbarkeit beruht auf einer zum Zeitpunkt des Ereignisses jeweils unvollständigen Perspektive und einem nur teilweisen Verständnis der Situation. In diesem Fall versucht man die Ereignisse zu charakterisieren, indem man die Entwicklung des Ereignisses selbst von einem Standpunkt aus nachvollziehbar macht, der immer nur das jeweilige Vorverständnis miteinschließt, welches man selbst zu diesem Zeitpunkt hatte.
  • Im Gegensatz dazu wird eine Endpunkt-Beschreibung von dem Verständnis aus angefertigt, welches man letztlich von einem Ereignis erlangt hat. Hier werden also gezielt Fakten oder Interpretationen eingeführt, um vor deren Hintergrund zu beschreiben und zu charakterisieren, was in früheren Phasen des Ereignisses vor sich gegangen ist.

Bei Beschreibungen kann nicht nur der zeitliche Ablauf variieren, sondern diese können auch aus unterschiedlichen Perspektiven[1] erfolgen.


Verweise:
[1] Siehe Kapitel 5.2.3.4.2.2.1


5.2.3.4.2.2.3 Die Darstellung von Szenen

Zentrales Anliegen eines/r EthnographIn ist es, eine soziale Welt und ihre Menschen zu beschreiben, was durch die Darstellung unterschiedlicher Szenen dieser Welt geschehen kann.

Bei der Darstellung solcher Szenen geht es um eine Veranschaulichung der grundlegenden Charakteristika des Umfelds[1], um in diesem die wichtigsten Personen des Feldes[2] zu charakterisieren und den Dialog zwischen den Personen[3] darzustellen.


Verweise:
[1] Siehe Kapitel 5.2.3.4.2.2.3.1
[2] Siehe Kapitel 5.2.3.4.2.2.3.3
[3] Siehe Kapitel 5.2.3.4.2.2.3.2


5.2.3.4.2.2.3.1 Veranschaulichung

Die Veranschaulichung der Charakteristika des Umfelds erfolgt durch die Vermittlung konkreter sinnlicher Details der grundlegenden

  • Szenen,
  • Menschen,
  • Objekte
  • sowie der Handlungen,

die beobachtet werden. Diese möglichst bildhaften Beschreibungen sind ein Teil der Dokumentation von Tagesereignissen. In der Schilderung dieser Aspekte stehen konkrete sinnliche Details im Zentrum, wie z.B. Farbe, Form, Größe, Besonderheiten der Geräusche oder des Klangs, der Gerüche, der Gesten, Bewegungen und Gesichtsausdrücke. Solche sinnlichen Eindrücke werden miteinander kombiniert, um eine Szene möglichst bildhaft und lebendig zu beschreiben. Eine Szene sollte auch durch ihre Interaktion dargestellt werden. Bei längeren Szenen sollte man Übergangsmarkierungen benützen, wenn Zeit, Platz oder Personen sich abwechseln.

Es ist manchmal besonders schwierig, solche Beschreibungen in einer lebendigen und aussagekräftigen Art und Weise anzufertigen, was daran liegt, dass wir Fremde auf stereotype Art und Weise wahrnehmen und sie z.B. nur in Bezug auf Geschlecht, Alter, Hautfarbe oder andere physische Merkmale charakterisieren. So liest man oft von „einer jungen Frau“ einem „älteren Mann mit grauen kurzen Haaren“.

Auszug aus einer Beschreibung einer Szene:

... Istvan sitzt, wie jeden Tag, am Fuße des Denkmals und lässt sich von der Seite die Morgensonne auf den Rücken scheinen. Mit angezogenen Beine, leicht vorgebeugt und die Hände auf seine Knie gestützt, blickt er mit halbgeschlossenen Augen auf die am frühen Morgen nicht all zu häufigen Passanten. Sein entspannter Gesichtsausdruck und sein zahnloses Oberkiefer lassen in seinem unrasierten Gesicht das Kinn markant nach vorne und im Profil vor die Nase treten. Wie immer, wenn er aus dem Obdachlosenheim hierher kommt, ist er mit einer Decke, seiner warmen Jacke und, wenn er am Vortag Glück hatte und es sich leisten konnte, mit einer Packung Zigaretten ausgerüstet. Seine Kleidung, eine alte dunkle Hose und ebensolche Turnschuhe, sind ebenso wie seine Jacke hellgrau bis schwarz. Die orange Wolldecke - die er gemeinsam mit seiner Jacke ordentlich zu einer Sitzunterlage gefaltet hat - ist der einzige Farbakzent in seiner Erscheinung. Zu dem gesellt sich neben der roten Zigarettenpackung noch ein rot-weißer McDonald’s-Becher, den er sich, bevor er hier Stellung bezieht, von der Filiale auf der anderen Seite des Platzes von einem der Tabletts besorgt und der ihm für den Rest des Tages als zentrales Arbeitsmittel dient, mit dem er schweigend die Spenden der Passanten sammelt ...

5.2.3.4.2.2.3.2 Dialog

Dialoge sollten so exakt wie möglich wiedergegeben werden.
Dies kann durch direkte Zitate[1] und indirekte Zitate[2], durch die Wiedergabe der Aussagen Dritter durch Anwesende im Feld (z.B. Die Lisi sagte, dass Peter gestern gemeint hat, dass das Ganze "nur ein Schmäh" war.) sowie durch Paraphrasierung geschehen. Dabei sollte nicht nur der verbale Verlauf des Gesprächs wiedergegeben werden, sondern auch Gesten, Körperhaltungen, Gesichtsausdrücke etc. mitberücksichtigt werden. Dies kann besondere Schwierigkeiten erzeugen, solange der/die ForscherIn nicht die Sprache der Personen im Feld spricht und auch die Bedeutung der Gesten noch nicht richtig interpretieren kann. Eine Möglichkeit diese Problematik in der Anfangsphase einer Feldforschung zu umgehen besteht darin, neben den Feldnotizen Tonband- und Videoaufnahmen zu machen und diese dann (mit Hilfe eines/einer InformantIn) zu transkribieren[3] und interpretieren. Unklarheiten können so durch zusätzliche Fragen erörtert und geklärt werden.

Um Dialoge möglichst exakt rekonstruieren zu können, sollten wenn möglich, Stichworte[4] von den zentralen Interaktionssequenzen notiert werden.


Verweise:
[1] Siehe Kapitel 1.3.3.1 der Lernunterlage Das Verfassen Wissenschaftlicher Arbeiten
[2] Siehe Kapitel 1.3.3.2 der Lernunterlage Das Verfassen Wissenschaftlicher Arbeiten
[3] Siehe Kapitel 5.2.3.4.4
[4] Siehe Kapitel 5.2.3.4.1


5.2.3.4.2.2.3.3 Charakterisierung

Eine Person nur zu beschreiben ist niemals so effektiv, als darzustellen, wie sie tatsächlich lebt und dies kann durch eine Interaktion besser gezeigt werden, als durch eine isolierte Beschreibung. Für gewöhnlich werden Personen, die aktiv im Vordergrund des Ereignisses stehen detaillierter beschrieben als andere. Eine solche Beschreibung inkludiert auch die Bemerkungen dritter Personen im Feld zur Charakterisierung einer Person. Wenn bereits Charakterisierungen einer Person im Rahmen der fieldnotes vorliegen, kann sich die Darstellung einer neuen Situation auf die aktuellen Aussagen und Verhaltensweisen dieser Person beschränken.


5.2.3.4.2.2.4 In-Beziehung-Setzung von Szenen

Umfassende Beschreibungen einer Szene können verschiedene Momente umfassen. Skizzen umfassen einen Ausschnitt des Lebens, wie er in einer bestimmten Szene beobachtet wurde, während Episoden und ausführlichere Erzählungen über Interaktionen und Ereignisse einer sich entwickelnden und dynamischen Ereignisabfolge berichten.

  • Bei den Skizzen handelt es sich daher eher um statische "Schnappschüsse" bzw. Stillleben (Emerson et al 1995: 86f), in denen die Abfolge der Aktionen keine dominante Rolle spielt.
  • In einer Episode schildert der/die FeldforscherIn einen Vorfall als kontinuierliche Handlung oder Interaktion, z.B. bei simultanen, aber unterschiedlichen Interaktionen zur selben Zeit am gleichen Ort, wie sie etwa bei Beobachtung einer Schulklasse auftreten.
  • Bei Erzählungen handelt es sich um zusammenhängende Episoden, die aufgrund der AkteurInnen oder ähnlicher Aktivitäten chronologisch gereiht sind. Dabei ist es nicht zentral, eine einheitliche Geschichte zu erzählen, vielmehr geht es darum zusammenhängende Episoden nebeneinander zu stellen. Es handelt sich dabei um einen lose strukturierten "episodic (...) string of action chunks put down on the page one after an other" (Emerson et al 1995: 90).


5.2.3.4.2.2.3.4 Bedeutungen der lokalen AkteurInnen

Eine zentrale Aufgabe der Feldnotizen ist es, die Bedeutung, welche die lokalen AkteurInnen mit ihren Handlungen verbinden, zu dokumentieren.

Dabei sollte man vermeiden, in den klassischen Ethnozentrismus zu verfallen und Kategorien, Standards oder Bedeutungen der eigenen Kultur zu verwenden, um Ereignisse in einer anderen zu beschreiben. Ebenso sollte man vermeiden, die Kategorien einer lokalen Kultur zur Beschreibung einer anderen lokalen Kultur zu verwenden. Weiters sollte vermieden werden, eine (ab)wertende Haltung gegenüber den Bedeutungen der lokalen AkteurInnen einzunehmen und diese etwa als vage, widersprüchlich oder trügerisch zu interpretieren. Dies kann verhindern, die Alltagseffizienz dieser Auffassungen zu erfassen. Weitere Hindernisse die Bedeutung, welche die lokalen AkteurInnen mit ihren Handlungen verbinden, zu erfassen, bestehen in einer normativen Voreingenommenheit, welche festlegt, was die offizielle, authentischen bzw. legitime Version eines Phänomens ist. Ein weiteres Problem kann eine theoretische Voreingenommenheit darstellen, die theoretische Unterscheidungen und Kategorien auf das Feld projiziert, welche vor Ort in dieser Form jedoch keine Relevanz besitzen.

Die lokalen Bedeutungen kommen auf vielfältige Art und Weise in alltäglichen Interaktionen zum Ausdruck:

  • Dies beginnt bereits bei Anrede- und Grußformen, welche den relativen Status der AkteurInnen in Begrifflichkeiten der Hierarchie, der Nähe, des gegenseitigen Respekts, der gegenseitigen Achtung aber auch der Freundschaft und Feindschaft zum Ausdruck bringen.
  • Für alltägliche Fragen (z.B. Wie geht es?) und die Antworten, die darauf gegeben werden, gilt Ähnliches. Sie bringen das Verhältnis der AkteurInnen zum Ausdruck und vermitteln Einsichten in die Relevanz zentraler Themen, wie etwa Familie, Gesundheit, Arbeit, etc.
  • Weiters ist man als EthnographIn mit natürlich vorkommenden Beschreibungen der AkteurInnen im Feld konfrontiert. Die AkteurInnen liefern z.B. solche Beschreibungen ihrer Umwelt, ihres Wohnorts bzw. ihrer Familie, wenn sie Außenstehende in diese Bereiche einführen und ihnen die Besonderheiten dieser vorführen.
  • Solche Beschreibungen können aber auch während alltäglicher Gespräche zum Ausdruck kommen und sie zeigen sich insbesondere, wenn Außenstehenden erklärt wird, „wie Dinge zu tun sind“. Dabei sollte der/die FeldforscherIn aber nicht von vornherein davon ausgehen, dass über dieses „WIE“ bei allen AkteurInnen im Feld eine einheitliche Meinung besteht.
  • Lokale Bedeutungen kommen auch in Geschichten der AkteurInnen zum Ausdruck, in denen sie z.B. Ereignisse beschreiben, die sie beobachtet oder erlebt haben und/oder die Taten anderer kommentieren (Tratsch).
  • In den Berichten und Aussagen der AkteurInnen kommen auch spezifische Termini, Typen und Typologien zum Ausdruck, die auf zentrale lokale Unterscheidungen verweisen. Diese können aber von unterschiedlichen AkteurInnen im Feld mit verschiedenen Bedeutungshorizonten verwendet werden.
  • Ein weiterer Punkt sind indigene Kontraste, welche Einsichten in die Wahrnehmung und Beurteilungen der AkteurInnen im Feld ermöglichen.
  • Als EthnographIn sollte man aber auch danach trachten, komplexere lokale Erklärungen wann, wie und warum bestimmte Dinge auf bestimmte Art und Weise gemacht werden, zu erhalten und nach Möglichkeit die lokalen Theorien und Rationalisierungen für diese Tätigkeiten in Erfahrung bringen.


5.2.3.4.3 Organisation der fieldnotes

Die Organisation der fieldnotes kann auf unterschiedliche Art und Weise erfolgen und beginnt textintern bereits mit der unterschiedlichen Darstellung und Verknüpfung von Szenen[1].

In Bezug auf die Organisation eines größeren und im Laufe der Feldforschung wachsenden Pools von Feldnotizen können unterschiedliche Strategien verfolgt werden. Die Grundlogik des Verfassens der fieldnotes ist in vielen Fällen eine chronologische, gleichzeitig empfiehlt es sich, parallel dazu auch eine thematische Ordnungslogik zu entwickeln. Diesbezüglich existieren unterschiedliche Strategien:

Manche FeldforscherInnen verwenden von Beginn an bereits existierende, standardisierte Ordnungslogiken bzw. Kodeschemata, wie z.B. das Outline of Cultural Materials[2]] (siehe auch Theoretische Grundannahmen, Methoden und Techniken der HRAF[3]). Andere hingegen entwickeln eigene Kodeschemata im Zuge der Analyse der eigenen fieldnotes. Die Verwendung solcher Kodes variiert und reicht von einer simplen Indizierung des Materials. Dabei werden die ursprünglichen Feldnotizen mit Hinweisen in Form zentraler Begriffe oder Zahlen, die diesen begriffen zugeordnet sind, versehen, um innerhalb des Materials relevante thematische Stellen rasch auffindbar und miteinander verknüpfbar zu machen. Am anderen Ende des Spektrums stehen unterschiedliche Kodierstrategien als Teil eines analytischen Prozesses, der z.B. im Sinne der Grounded Theory darauf abzielt, Kategorien und Konzepte und in letzter Konsequenz gegenstandsbezogene Theorien zu entwickeln.

Abbildung: Margaret Mead’s Notizen zum Brautpreis bei den Arapesh, 25. März 1932. [5]

Wie solche chronologischen und thematischen Ordnungslogiken praktisch umgesetzt werden können ist auch abhängig von der Infrastruktur, die im Feld zur Verfügung steht. Solange Elektrizität vorhanden ist, können elektronische Formen der Textverarbeitung verwendet werden, welche das Kopieren und Reorganisieren gewisser Ausschnitte der Feldnotizen einfach machen und sich mit besonderer Software, wie etwa Atlas.ti[4]], besonders effizient gestalten lassen. Schwieriger ist es, wenn man nur mit Papier, Bleistift bzw. Schreibmaschine arbeiten kann. In diesem Fall empfiehlt es sich, ein Karteikarten- bzw. Zettelkastensystem anzulegen und entweder Einträge sofort auf Karteikarten, versehen mit Ort, Datum und thematischem Schlagwort zu verfassen oder chronologisch in Form eines Tagebuchs verfasste Aufzeichnungen nachträglich mittels Verweisen und Zettelkasten zu erschließen.


Verweise:
[1] Siehe Kapitel 5.2.3.4.2.2.3
[2] https://hraf.yale.edu/resources/reference/outline-of-cultural-materials/
[3] Siehe Kapitel 5.2.1.3
[4] http://www.atlasti.com/de/
[5] http://www.loc.gov/exhibits/mead/images/mm0136cs.jpg


5.2.3.4.4 Transkripte

Neben dem Aufschreiben von Stichwörtern[1] (write down) in der Feldsituation und dem Ausformulieren und Beschreiben (write up) im Rahmen des Ausarbeitens der fieldnotes, transkribiert man im Rahmen der Feldforschung auch unterschiedliche Arten von Texten (write over). Dabei kann es sich um die Transkription von Interviews[2], aber auch von Mythen, Gesängen, rituellen Texten und anderen Formen von Oralliteratur handeln. Im Prinzip stehen zumindest zwei grundlegende Formen der Transkription zur Verfügung:

  • Die Transkription von audio-visuell dokumentiertem Material;
  • Die Transkription ohne audio-visuelle Dokumentation, in Zusammenarbeit mit InformantInnen und FeldassistentInnen; Schirftkundige InformantInnen können nach einer Einschulung in grundlegende Transkriptionsregeln auch dazu angeregt werden, eigenständige Transkriptionen solcher Texte vorzunehmen.

Transkribierte Texte müssen immer auch Informationen über den/die InformantIn, den Ort, das Datum und die Situation und Art der Aufnahme des Textes beinhalten.


Verweise:
[1] Siehe Kapitel 5.2.3.4
[2] Siehe Kapitel 5.1.2.3


5.2.3.4.5 Spezialisierte Datensammlungen

Abbildung: Margaret Mead´s "Tchambuli Language Memorizing Book," ca. 1933.[4]

Im Rahmen einer Feldforschung ist es höchst wahrscheinlich, dass nicht nur Stichwortzettel[1], ausgearbeitete fieldnotes[2] und transkribierte Texte[3] als Daten produziert werden, sondern auch darüber hinausgehende spezialisierte Datensammlungen angelegt werden.

Je nach thematischer Orientierung der Feldforschung werden diese Datensammlungen einen unterschiedlichen Charakter annehmen. So kann es sich dabei z.B.

  • um eigene Aufzeichnungen zur lokalen Sprache,
  • um standardisierte Fragebögen,
  • um systematische Datenerhebungen in Bezug auf Demographie, Haushaltsstrukturen und -Zusammensetzungen in einer bestimmten Region,
  • um standardisierte Tests (z.B. zur Farbwahrnehmung oder anderer kognitiver oder psychologischer Prozesse),
  • um Zeitverwendungsprotokolle im Rahmen von "time allocation studies",
  • um die systematische Dokumentation der Aneignung und Verwendung von natürlichen Ressourcen,
  • um unterschiedliche verwandtschaftsethnologische Methoden,
  • oder um visuelle Methoden (Foto, Film) zur Dokumentation bestimmter Bereiche der lokalen Kultur handeln.

Innerhalb der Kultur- und Sozialanthropologie existieren eine ganze Reihe unterschiedlicher methodischer Verfahren zur Erforschung, d.h. zur Datendokumentation und -Analyse ausgewählter Sachbereiche, welche die hier skizzierten allgemeinen und grundlegenden Feldforschungspraktiken ergänzen und die sich an thematischen Ausdifferenzierungen der Disziplin orientieren, wie z.B. der Ethnosoziologie und Kinship Studies, der Ökonomischen Anthropologie, der Rechtsanthropologie, der Linguistischen Anthropologie, der Ritual- und Mythenforschung, der Kunstanthropologie, der Medizinanthropologie und Ethnomedizin, der Medienanthropologie, der Globalisierungs- und Transnationalismusforschung, der Organisationsanthropologie, der Friedens- und Konfliktforschung, der Migrationsforschung, der Kognitiven Anthropologie, der Anthropologie der Natur und Umwelt, der Religions- und Bewusstseinsforschung etc.


Verweise:
[1] Siehe Kapitel 5.2.3.4.1
[2] Siehe Kapitel 5.2.3.4.2
[3] Siehe Kapitel 5.2.3.4.4
[4] http://www.loc.gov/exhibits/mead/images


5.2.3.4.6 Metadatendokumentation

Abbildung: Margaret Mead’s "Bathing I Sami (Sama)" fieldnotes 30. April 1937. Bajoeng Gedé, Bali.[1]

Da im Zuge der Feldforschung unterschiedliche Methoden der Datenerhebung und Datendokumentation eingesetzt werden, ist es hilfreich eine systematische Metadatendokumentation vorzunehmen. Deren Ziel ist, in einer chronologischen Abfolge die unterschiedlichen Daten und Dokumentationsstrategien auf eine nachvollziehbare Art und Weise mit einander zu verknüpfen, so dass auch zu einem späteren Zeitpunkt nachvollziehbar ist, welche Fotografien oder Tonaufnahmen mit welchen Feldnotizen oder Transkripten in Beziehung stehen und an welchem Ort, zu welchem Zeitpunkt und mit welchen Personen die jeweilige Datenerhebung durchgeführt wurde.

Parallel dazu kann es sinnvoll sein, eigene Dateien für einzelne Personen im Feld anzulegen, welche Grundinformationen in Bezug auf grundlegende Sozialdaten, wie Alter, Ort der Geburt, nächste Verwandtschaft, besondere Funktionen und biographische Besonderheiten enthalten.

Folgender Ausschnitt aus Margaret Meads Feldnotizen stellt eine derartige Verknüpfung zwischen Fotografien, Filmaufnahmen und konkreten chronologischen Ereignissen im Feld exemplarisch dar.

Verweise: [1] http://www.loc.gov/exhibits/mead/images/mm0204gs.jpg


5.2.3.4.7 Schriftliche Interaktionen aus dem Feld

Neben den systematisch produzierten Feldnotizen, Transkripten und spezialisierten Datensammlungen werden im Laufe einer Feldforschung noch weitere Texte produziert, die als Daten dienen können. Dabei handelt es sich um schriftliche Darstellungen der Situation vor Ort, die im Laufe der Feldforschung an Dritte (Familie, Bekannte, FreundInnen, KollegInnen, SponsorInnen und AuftraggeberInnen etc.) übermittelt werden. Dabei kann es sich um Briefe und Berichte, aber auch um eMails oder um Informationen, die z.B. auf Weblogs gestellt werden, handeln.



5.2.3.4.8 Literatur

Clifford, James (1990) Notes on (Field)notes. In Fieldnotes. The Makings of Anthropology. Ed. Sanjek, Roger. Ithaca, London: Cornell University Press.

Emerson, Robert M., Rachel I. Fretz, Linda L. Shaw (1995) Writing Ethnographic Fieldnotes. Chicago, London: Chicago University Press.

Sanjek, Roger (ed.) (1990) Fieldnotes. The Makings of Anthropology. Ithaca, London: Cornell University Press.

Sanjek, Roger (1990) A Vocabulary for Fieldnotes. In Fieldnotes. The Makings of Anthropology. Ed. Sanjek, Roger. Ithaca, London: Cornell University Press.

5.2.3.5 Analyse der Fieldnotes

Neben der systematischen Datenerhebung empfiehlt es sich, nach einiger Zeit analytische Phasen im Forschungsprozess vorzusehen. Bei längeren Feldforschungen sollte man auch Phasen des Rückzugs vom Feld einplanen und mit der Analyse der gesammelten Daten bereits vor Ort beginnen. Das heißt, längere Feldforschungen sind nicht nur reine Datenerhebungszeiten, sondern inkludieren neben der systematischen Ausarbeitung der Feldnotizen auch deren erste Analyse.

Zu einer ersten Analyse der eigenen Feldnotizen gehört:

  • das Lesen des gesamten Korpus der Aufzeichnungen[1],
  • das Stellen von Fragen an die Fieldnotes[2],
  • das Kodieren der Feldnotizen[3],
  • das Verfassen von Memos[4].


Verweise:
[1] Siehe Kapitel 5.2.3.5.1
[2] Siehe Kapitel 5.2.3.5.2
[3] Siehe Kapitel 5.2.3.5.3
[4] Siehe Kapitel 5.2.3.5.3.4


5.2.3.5.1 Das Lesen der Feldnotizen als Daten

Im Gegensatz zum Aufschreiben und dem systematischen Anfertigen detaillierter Beschreibungen beim Erstellen der Fieldnotes werden diese im Zuge der Analyse als Datenset behandelt und analytisch, d.h. mit einem Blick von außen gelesen. Dies impliziert eine emotionale Distanz zu den eigenen Aufzeichnungen "and requires the ethnographer to approach her notes as if they had been written by a stranger" (Emerson et al. 1995: 145). Dieses gründliche und systematische Lesen der eigenen Aufzeichnungen dient dazu, Themen, Muster und Variationen innerhalb der Fieldnotes zu identifizieren. Es kann also dazu eingesetzt werden, analoge Phänomene bzw. Ereignisse zu identifizieren. Diese Ereignisse bzw. Phänomene können nun durch das Lesen miteinander in Verbindung gebracht werden. Dieses In-Beziehung-Setzen kann durch Kodes[1] ausgedrückt werden. Man kann aber nicht nur Ähnlichkeiten, sondern auch alternative Handlungsstrategien und lokale Interpretationen identifizieren.

Dieser Prozess des analytischen Lesens der eigenen Feldnotizen ermöglicht dem/der EthnographIn in einem relativ kurzen Zeitraum aufzunehmen, was alles beobachtet und aufgezeichnet wurde. Dadurch können auch Veränderungen in den Beziehungen mit den Menschen im Feld über die Zeit hinweg festgestellt werden. Dieses close reading ermöglicht es, Muster zu erkennen und zu vergleichen. Gleichzeitig werden durch das Lesen der gesamten Aufzeichnungen neue Einsichten, Hypothesen und Interpretationen in Bezug auf einzelne Personen und Ereignisse generiert. Im Normalfall werden auch Lücken im Datenmaterial identifiziert sowie neue Fragestellungen aufgeworfen, welche die weiteren Forschungsschritte anleiten.


Verweise:
[1] Siehe Kapitel 5.2.3.5.3


5.2.3.5.2 Das Stellen von Fragen an die Fieldnotes

Neben dem analytischen Lesen[1] kann man, sobald konkrete Fragestellungen identifiziert sind, im vorliegenden Datenmaterial auch ganz konkret und selektiv nach Informationen suchen. Der Unterschied zwischen dem allgemeinen analytischen Lesen und dem gezielten Stellen von Fragen besteht in der Selektivität, mit der die Fieldnotes gelesen werden. Vor dem Hintergrund spezifischer Fragen geht es nicht darum, das Gesamtspektrum der Daten zu erfassen, sondern man interessiert sich im Detail für ausgewählte Teile der gesamten Aufzeichnungen.

Beide Vorgehensweisen kommen auch in unterschiedlichen Strategien, die Fieldnotes zu kodieren[2] zum Ausdruck. In den Fragen, die man zu Beginn an die Aufzeichnungen stellt, kommen bereits spezifische Erkenntnisinteressen und Analyserichtungen zum Ausdruck. Manche davon werden im Laufe der Analyse und der weiteren Datenerhebung weiterverfolgt, vertieft und verfeinert, andere werden sich vor dem Hintergrund des Erkenntnisinteresses und der weiteren Forschung als wenig ertragreich erweisen und nicht weiter verfolgt werden.


Verweise:
[1] Siehe Kapitel 5.2.3.5.1
[2] Siehe Kapitel 5.2.3.5.3


5.2.3.5.3 Das Kodieren der Feldnotizen

Unter dem Kodieren der gesammelten Daten versteht man einen Prozess, bei dem Teile der Daten z.B. bestimmte Textausschnitte aus den Feldnotizen mit ausgewählten Begriffen bzw. Kategorien verknüpft werden. Diese Begriffe bzw. Kategorien werden Kodes genannt. In der Bezeichnung des Kodes kommt der Inhalt des Datenausschnitts auf eine kurze, prägnante und vergleichsweise abstrakte Weise zum Ausdruck.

Kodes können von außen, im Sinne etischer Kategorien, an das zu analysierende Material herangetragen werden. In diesem Fall werden die Kategorien zum Beispiel aus bestehenden Theorien übernommen oder bereits existierende standardisierte Kodeschemata verwendet (z.B. das Outline of Cultural Materials[1]]).

Analysestrategien, die an der Entwicklung von Theorien bzw. an der ethnographischen Darstellung und Analyse lokal verwendeter, emischer Kategorien und Verhaltensweisen interessiert sind, entwickeln eigene Kodeschemata. Die Verwendung solcher Kodes variiert. Es kann sich einerseits um eine Indizierung des Materials handeln, d.h. die ursprünglichen Feldnotizen werden mit Hinweisen in Form zentraler Begriffe versehen, um innerhalb des Materials relevante thematische Stellen rasch auffindbar und miteinander verknüpfbar zu machen. Andererseits können unterschiedliche Kodierstrategien als Teil eines analytischen Prozesses angewendet werden, die im Sinne der Grounded Theory aber auch der Ethnographie darauf abzielen, Kategorien und Konzepte zu entwickeln.

Die in den Kodes zum Ausdruck kommenden Kategorien können also

  • auf externe Ordnungslogiken und Theorien, die an die Daten herangetragen werden, verweisen,
  • zur Entwicklung gegenstandsbezogener Theorien im Sinne der Grounded Theory genützt werden,
  • oder aber ethnographisch auf Konzepte lokaler AkteurInnen und emische Kategorien als Ausdruck einer spezifischen Kultur verweisen.

Aus einer ethnographischen Perspektive besteht beim Herantragen externer Ordnungslogiken, Begriffe und Theorien die Gefahr lokale Bedeutungen, Ordnungslogiken und Theorien zu ignorieren oder zu verkennen und deshalb eurozentristisch[2] zu interpretieren.

Darüber hinaus verweisen Kodes auf spezifische Betrachtungsweisen des Inhalts, d.h. in ihnen kommt bereits eine analytische Perspektive zum Ausdruck. Eine Textstelle kann auch mit mehreren Kodes belegt werden, da in ihr mehrere Inhalte zum Ausdruck kommen können oder sie vor dem Hintergrund mehrerer analytischer Perspektiven relevant sein kann. In welcher Form kodiert wird und wie man zu den Kodes kommt, hängt also von der methodologischen Vorgangsweise und der theoretischen Orientierung ab.

Die Strategien des offenen Kodierens[3], des Kodierens vor dem Hintergrund von Fragestellungen[4], sowie vor dem Hintergrund der Konzeptualisierung einer ethnographischen Erzählung[5] werden dann angewandt, wenn man eigene Kodes aus den empirischen Daten entwickelt.


Verweise:
[1] https://hraf.yale.edu/resources/reference/outline-of-cultural-materials/
[2] Siehe Kapitel 5.2.3.4.2.2.3.4
[3] Siehe Kapitel 5.2.3.5.3.1
[4] Siehe Kapitel 5.2.3.5.3.3
[5] Siehe Kapitel 5.2.3.5.3.4


5.2.3.5.3.1 Offenes Kodieren

Ausgangspunkt des offenen Kodierens ist das Lesen der Texte und das Markieren von Textstellen durch kurze, prägnante und vergleichsweise abstrakte Konzepte (Kodes), die den Inhalt der jeweiligen Textstelle charakterisieren. Im Laufe des Lesens wird man eine Vielzahl solcher Kodes entwickeln und einzelnen Textstellen zuordnen. Man gewinnt dadurch eine Liste potentieller Kodes, welche die zu analysierenden Phänomenbereiche abbilden. Dadurch, dass man verschiedenen Textstellen denselben Kode zuweist, stellt man systematische Beziehungen zwischen unterschiedlichen und bis dato nicht miteinander verbundenen Datenausschnitten her. Beim offenen Kodieren wird man relativ schnell zu einer vergleichsweise langen Liste unterschiedlicher Kodes kommen. Eine solche Kodeliste veranschaulicht die aus den Daten entwickelten Konzepte, welche weiter analysiert werden können. Gleichzeitig kann entlang dieser Konzepte auf das Datenmaterial zugegriffen werden, das heißt alle Textstellen, die mit einem Kode belegt wurden, können leicht identifiziert und für die weitere Analyse dieses Konzepts herangezogen werden.

Der Kode selbst kann aus einem einzigen Wort oder aus mehreren möglichst prägnanten Wörtern bestehen.

Kodes sollten möglichst einheitlich und eindeutig verwendet werden. Deshalb ist es sinnvoll, die Kodes präzise zu definieren d.h. festzulegen, welche Datenausschnitte mit solchen Kodes belegt werden können. Dies ist insbesondere auch deshalb wichtig, weil sich die Bedeutung einzelner Kodes im Laufe der Analyse verändern kann und man sonst nicht feststellen könnte, dass man vor einiger Zeit mit einem bestimmten Kode noch anderes d.h. oft Allgemeineres oder Spezifischeres verbunden hat. Unterschiedliche Kodes sollten Unterschiedliches bezeichnen.


5.2.3.5.3.2 Rekodieren: von allegemeinen zu spezifischen Kodes oder umgekehrt?

Eine weitere Frage, die sich beim Kodieren stellt, ist, wie allgemein bzw. spezifisch die jeweiligen Kodes sein sollen.

Prinzipiell ist hier ein mittlerer Weg zu empfehlen. Kodes, die so spezifisch sind, dass sie nicht auf mehrere Textstellen anwendbar sind, sind ebenso unbrauchbar wie allgemeine Kodes, unter die sich große Teile des Materials subsumieren lassen.

Wenn man zu Beginn sehr spezifische Kodes vergibt, kann man in der weiteren Analyse überlegen, welche dieser spezifischen Kodes zu übergeordneten Kategorien zusammengefasst werden können. So ist es möglich, solche Kodes in einem neuen übergeordneten Kode zusammenzufassen, d.h. eine Rekodierung im Sinne einer Kodefusion vorzunehmen.

Wenn man im Gegensatz dazu tendiert, vergleichsweise abstrakte Kodes zu vergeben, wird man sich in einem nächsten Schritt mit einer Analyse all der Textstellen befassen, die mit einem solchen Kode belegt wurden. Bei dieser Analyse wird man bemerken, dass Unterschiedliches mit demselben Kode belegt wurde, was in weiterer Folge dazu führen wird, den ursprünglichen Kode zu verfeinern, das heißt in unterschiedliche Kodes aufzusplitten. Wenn es inhaltlich gerechtfertigt ist, kann der ursprüngliche Kode als Überkategorie beibehalten werden, der nun mehrere Subkategorien, die als eigene Kodes fungieren, zugeordnet sind. In diesem Sinne hätte man erste Relationen zwischen einzelnen Kodes im Sinne einer Kodehierarchie etabliert.

Beim Rekodieren, sowohl beim Kodesplitting wie bei der Kodefusion, muss das gesamte Material mittels der neu entwickelten Kodes nochmals kodiert werden. Es müssen also alle Stellen im Material identifiziert werden, die mit den ursprünglichen Kodes belegt waren und diese müssen auf Basis des neuen Kodierschemas rekodiert werden.


5.2.3.5.3.3 Kodieren vor dem Hintergrund von Konzepten und Fragestellungen

Wenn man zumindest einen Teil der vorliegenden Daten offen kodiert[1] hat, gibt es unterschiedliche Strategien, mit der Analyse fortzufahren. Erstens kann man sich ausgehend von Kodes bzw. Konzepten, die einem besonders interessant oder zentral erscheinen, dazu entscheiden an diesen weiterzuarbeiten, ohne dass man in einem ersten Schritt das gesamte vorliegende Material offen kodiert hätte. Man kann nun in den weiteren Fieldnotes systematisch nach Daten suchen, die mit dem ausgewählten Konzept in Beziehung gebracht werden können.

In weiterer Folge kann man entlang spezifischer Fragestellungen kodieren. Emerson et al. (1995: 146) identifizieren unter anderem folgende Fragen, welche das Kodieren anleiten können:

  • Was tun die Leute? Was versuchen sie zu erreichen/schaffen?
  • Wie tun sie das genau? Welche spezifischen Mittel bzw. Strategien verwenden sie?
  • Wie sprechen, charakterisieren u. verstehen Mitglieder was passiert?
  • Welche Annahmen haben sie?

Mit der Hilfe solcher Fragen lassen sich unterschiedliche Gruppen von AkteurInnen in Bezug auf ihre Handlungsstrategien und Intentionen, sowie ihre Interpretation von Ereignissen charakterisieren. Vor dem Hintergrund solcher Fragen lassen sich also ethnographische, lokalspezifische kulturelle Konzepte und emische Kategorien ergründen.

In den Fragestellungen, entlang derer kodiert wird, kommt der Analysefokus der jeweiligen Untersuchung zum Ausdruck. Innerhalb der Grounded Theory legt die Strategie des axialen Kodierens[2] nach Anselm Strauss bereits einen spezifischen Analysefokus fest. Für vergleichende Analysen hat Uwe Flick die Strategie des thematischen Kodierens [3] entwickelt.


Verweise:
[1] Siehe Kapitel 5.2.3.5.3.1
[2] Siehe Kapitel 5.2.3.5.3.3.1
[3] Siehe Kapitel 5.2.3.5.3.3.2


5.2.3.5.3.3.1 Axiales Kodieren in der Grounded Theory
Abbildung: Kodierparadigma in Anlehung an Strauss. Quelle: Disselkamp-Niewiarra (2000: 504)

Im Gegensatz zur Ergründung lokalspezifischer, emischer kultureller Konzepte stellt die Grounded Theory auf die Entwicklung gegenstandsbezogener Theorien ab. Dies tut sie ausgehend von Phänomenen, an welche nach Anselm Strauss und Juliet Corbin (1996) verschiedene Fragen gerichtet werden:

  • Was sind die ursächlichen Bedingungen des Phänomens?
  • Was ist der Kontext?
  • Was sind die intervenierenden Bedingungen?
  • Was sind die Handlungs- und interaktionalen Strategien?
  • Was sind die Konsequenzen?

Diese Fragen bringen das so genannte Kodierparadigma zum Ausdruck, welches das axiale Kodieren innerhalb der Grounded Theory anleitet und ausgehend von einem Phänomen systematisch versucht, unterschiedliche Kodes/Kategorien miteinander in Beziehung setzen. Dieses In-Beziehung-Setzen unterschiedlicher Kodes und Kategorien ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Entwicklung einer gegenstandsbezogenen Theorie.

Literatur:

Anselm Strauss & Juliet Corbin (1996) Grounded Theory: Grundlagen Qualitativer Sozialforschung. Beltz Psychologie Verlags Union, Weinheim; insbesondere p. 75-93.

5.2.3.5.3.3.2 Thematisches Kodieren

Flick (1996; 2002: 271ff) hingegen entwickelt für vergleichende Studien das Konzept des thematischen Kodierens. Hier werden ausgehend von einer Fragestellung vorab festgelegte Gruppen vergleichend untersucht. Der Forschungsgegenstand ist die soziale Verteilung von Perspektiven auf ein Phänomen oder einen Prozess und basiert auf der Annahme, dass in unterschiedlichen sozialen Welten bzw. Gruppen differierende Sichtweisen anzutreffen sind. Dies modifiziert grundlegende Annahmen der Grounded Theory, da sich das Sampling[1] nicht am jeweiligen Stand der Interpretation bereits analysierter Daten orientiert. Es steht aber auch im Gegensatz zur klassischen Ethnographie, die ihre Samplingstrategie an der Dynamik, den AkteurInnen und den Strukturen des jeweiligen Feldes ausrichtet.

Das Vorgehen orientiert sich an einer vertiefenden Analyse einzelner Fälle, bei dem zunächst ein Kategoriensystem für den einzelnen Fall entwickelt wird. In der weiteren Ausarbeitung des Kategoriensystems wird zunächst offen, dann selektiv kodiert. Selektive Kodierung bezieht sich auf die Generierung von Kategorien und thematischen Bereichen für den einzelnen Fall. Diese werden in einem nächsten Schritt zwischen den einzelnen Fällen abgeglichen, woraus eine thematische Struktur resultiert, die für die Analyse weiterer Fälle zu Grunde gelegt wird. Die Struktur wird also aus den ersten Fällen entwickelt und an allen weiteren Fällen überprüft und weiter modifiziert und dient dem Fall- und Gruppenvergleich.

Im Gegensatz zum Vorgehen der Grounded Theory werden im ersten Schritt fallbezogene Analysen und erst im zweiten Schritt fallübergreifende Gruppenvergleiche durchgeführt. (Flick 2002: 271ff)


Verweise:
[1] Siehe Kapitel 3


5.2.3.5.3.4 Kodieren vor dem Hintergrund der Konzeptualisierung einer erthnographischen Erzählung

Nach der analytischen Bearbeitung einzelner Themenbereiche bzw. Fragestellungen stellt sich die Frage, wie diese miteinander verknüpft und als zusammenhängende Ethnographie präsentiert werden können. Dazu ist es notwendig, einen roten Faden der Erzählung zu entwickeln und die einzelnen Themenbereiche mit diesem in Beziehung zu setzen. Innerhalb der Methodenliteratur liegen dazu unterschiedliche Empfehlungen und Strategien vor. Diese reichen von

  • der Entwicklung einer Kernkategorie mittels selektiven Kodierens (Grounded Theory). Diese Kernkategorie bezeichnet das zentrale Phänomen, um das herum alle anderen Kategorien integriert sind (Strauss & Corbin 1996: 94-117)
  • dem Umsetzen von Feldnotizen in eine Ethnographie, beruhend auf den Schritten (Emerson et al. 1995: 169 - 210):
  1. der Auswahl der Feldnotizexzerpte,
  2. der Erarbeitung von Erläuterungen und Verbindungen zwischen den Feldnotizen,
  3. dem Kreieren von "Exzerpt-Kommentar-Einheiten",
  4. dem Editieren der Exzerpte,
  5. dem Ordnen "Exzerpt-Kommentar-Einheiten" innerhalb eines Abschnitts sowie
  6. dem Schreiben einer Einleitung,
  7. der Herstellung eines Bezugs zu anderen Forschungen,
  8. der Vorstellung der Methoden und des Settings, sowie
  9. dem Verfassen einer Zusammenfassung
  • den eher schreibtechnischen Anweisungen zum Verfassen einer Ethnographie, die auf folgenden Schritten beruht (Spradley 1979: 204-234):
  1. der Auswahl des Publikums,
  2. der Auswahl einer These,
  3. der Erstellung einer Liste von Themen und eines ersten Entwurfes ihrer Abfolge in einem Inhaltsverzeichnis,
  4. dem Schreiben einer groben Erstversion jedes Kapitels,
  5. der Überarbeitung und Verfeinerung des Inhaltsverzeichnisses,
  6. dem Editieren des Grobentwurfes,
  7. dem Schreiben der Einleitung und der Zusammenfassung,
  8. dem Überarbeiten und Verfeinern der ausgewählten ethnographischen Beispiele und Beschreibungen,
  9. dem Schreiben der Endversion.



5.2.3.5.4 Das Verfassen von Memos

Neben den unterschiedlichen Formen des Kodierens der Feldnotizen[1] ist das Verfassen von Memos eine zentrale Strategie in der Analyse der Fieldnotes und der Entwicklung allgemeiner ethnographischer und/oder theoretischer Aussagen. Unter Memos versteht man schriftliche Protokolle, die den jeweiligen Stand der Analyse in Bezug auf bestimmte Phänomene, Kategorien bzw. Ereignisse darstellen.

Innerhalb der Grounded Theory (siehe Strauss & Corbin 1996: 169-192) werden verschiedene Memoarten unterschieden, so etwa:

  • Kodenotizen, die sich z.B. auf einzelne konzeptuelle Begriffe beziehen.
  • Theoretische Notizen, die „die Produkte des induktiven [2] und deduktiven[3] Denkens über tatsächlich oder möglicherweise relevante Kategorien, ihre Eigenschaften, Dimensionen, Beziehungen, Variationen“ etc. enthalten (ebd.: 169).
  • Planungsnotizen, die Handlungsanweisungen beinhalten, welche z.B. die Fallauswahl, die Interviewgestaltung, mögliche Vergleiche und weiter zu verfolgende Ideen enthalten (ebd.).

Emerson et al. (1995: 142-168) unterscheiden im Rahmen der Ethnographie Initial- und Integrationsmemos.

  • Initialmemos kommen in frühen Phasen der Datenanalyse zum Einsatz, wo zu einer Reihe separater Phänomenen, Themen und Kategorien anfängliche Ideen und Einsichten ausgearbeitet werden.
  • Integrationsmemos werden zu einem späteren Zeitpunkt im Forschungsablauf verfasst, wenn bereits eine Themenauswahl stattgefunden hat und vor deren Hintergrund selektiv kodiert wurde. Integrationsmemos haben einen fokussierteren Charakter und verbinden u. integrieren früher getrennte Daten und Analysepunkte. Eine solche Verbindung wird z.B. hergestellt, wenn unterschiedliche Ereignisse als Ausdruck des gleichen Themas verstanden werden oder aber einen ethnographisch bzw. theoretisch wichtigen Kontrast veranschaulichen. Zentrale Aufgabe der integrativen Memos "is to develop theoretical connections between fieldnote excerpts" (ebd.: 164).


Verweise:
[1] Siehe Kapitel 5.2.3.5.3
[2] Siehe Kapitel 2.1
[3] Siehe Kapitel 2.2

5.2.4 Literatur

Atkinson, Paul; Amanda Coffey, Sara Delamont, John Lofland, Lyn Lofland (eds.) (2001) Handbook of Ethnography. London, Thousand Oaks, New Dehli: Sage.

Beer, Bettina (ed.) (2003) Methoden und Techniken der Feldforschung. Berlin: Reimer.

Berg, Eberhard; Martin Fuchs (eds.) (1993) Kultur, soziale Praxis, Text. Die Krise der ethnographischen Repräsentation. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Bryman, Alan (ed.) (2001) Ethnography. Thousand Oaks, CA: Sage. 4 Vols.

Denzin, Norman K.; Y. S. Lincoln (eds.) (1994) Handbook of qualitative research. Thousand Oaks, CA: Sage.

Emerson, Robert M.; Rachel I. Fretz, Linda L. Shaw (1995) Writing Ethnographic Fieldnotes. Chicago, London: Chicago University Press

Disselkamp-Niewiarra, Solveigh (2000) Rekonstruktion subjektiver Gewalttheorien von Jugendlichen. In: Kraimer, Klaus (ed.) Die Fallrekonstruktion. Sinnverstehen in der sozialwissenschaftlichen Forschung. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Flick, Uwe (2004) Triangulation. Eine Einführung. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften

Flick, Uwe (2002) Qualitative Sozialforschung. Eine EInführung. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuchverlag

Geertz, Clifford. (1987) Dichte Beschreibung. Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Hirschauer, Stefan; Klaus Amann (eds.) (1997) Die Befremdung der eigenen Kultur. Zur ethnographischen Herausforderung soziologischer Empirie. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Sanjek, Roger (ed.) (1990) Fieldnotes. The Makings of Anthropology. Ithaca, London: Cornell University Press.

Spradley, James (1979) The Ethnographic Interview. Fort Worth [u.a.]: Holt, Rinehart and Winston

Strauss, Anselm ; Juliet Corbin (1996) Grounded Theory: Grundlagen Qualitativer Sozialforschung. Beltz Psychologie Verlags Union, Weinheim;

van Maanen, John (1988) Tales of the Field. On Writing Ethnography. Chicago/London: The University of Chicago Press.


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