Einführung in die Religions- und Bewusstseinsforschung - Das Spektrum der Religionen

From Eksa
Revision as of 18:58, 11 September 2020 by Schmidc90 (talk | contribs)
Jump to: navigation, search

↵ Zurück zur Hauptseite

Contents

Einführung in die Religions und Bewusstseinsforschug - Das Spektrum der Religionen

verfasst von Manfred Kremser und Veronica Futterknecht

Kapitelübersicht

1 Ethnographisches Fallbeispiel - Das Spektrum religiöser Kultur in St. Lucia / Karibik

1.1 Christliche Konfessionen
1.2 Die Blumengesellschaften La Rose und La Marguerite
1.3 Religiöse Konzepte afrikanischer Provenienz
1.4 Kélé
1.4.1 "ngai bai an kélé" — einen Kélé "geben"
1.4.2 Die Vorbereitungen einer Kélé-Zeremonie
1.4.3 Der Ort der Opferhandlungen
1.4.4 Die Opfergaben und Ritualobjekte
1.4.5 Das Opfertier und seine Reinigung
1.4.6 "Feeding Shangó" — Die Opferhandlungen
1.4.6.1 Die Lieder und Gebete
1.4.6.2 Libationen mit Rum und Wasser
1.4.6.3 Das Speiseopfer
1.4.6.4 Das Blutopfer
1.4.6.4.1 Die Köpfung des Opfertieres
1.4.6.4.2 Die Annahme des Opfers
1.4.6.5 Die „zweite Fütterung von Shangó“
1.4.7 Der Spruch des Kalebassen-Orakels
1.4.8 Die kreative Kommunion mit den Ahnen
1.4.9 Das Festmahl der Ritualgemeinschaft
1.5 Rastafari
1.6 Traditionelle Medizin
1.7 Landwirtschaftliche Arbeit und Mondmythen

2 Ethnische Religionen

2.1 Bön in Tibet
2.1.1 Das Studium des Bön in der KSA
2.1.1.1 Entwicklung des Bön nach Hoffmann
2.1.1.2 Einteilung nach Kvaerne
2.1.1.3 Die drei Bedeutungen des Begriffs Bön
2.1.2 Entwicklung des Bön nach Christoph Baumer
2.1.3 Einteilung des Bön nach Tenzin Namdak
2.1.4 Vorstellungen des Kosmos im Bön: "Die drei kosmischen Welten"
2.1.4.1 Die obere Welt Lhayül
2.1.4.1.1 Die friedfertigen Gottheiten
2.1.4.1.2 Die zornvollen Gottheiten
2.1.4.2 Die mittlere Welt Miyül
2.1.4.3 Die Unterwelt Ogyül
2.1.5 Literatur

3 Weltreligionen

3.1 Sikhismus
3.1.1 Gründung und wesentliche Glaubensinhalte
3.1.2 Verhältnis zu Hinduismus und Islam
3.1.3 Äussere Merkmale seiner Anhänger
3.1.4 Körperliche und geistige Ideale
3.1.5 Literatur
3.2 Buddhismus
3.2.1 Die Fahrzeuge des Buddhismus
3.2.1.1 Hinayana oder Theravada
3.2.1.2 Mahayana
3.2.1.3 Vajrayana
3.2.2 Grundlagen der buddhistischen Lehre
3.2.2.1 Die Vier Edlen Wahrheiten
3.2.2.2 Die Drei Gifte des Geistes
3.2.3 Tibetischer Buddhismus
3.2.3.1 Nyingma-Tradition
3.2.3.2 Dzogchen
3.2.4 Literatur

4 Neue religöse Bewegungen

4.1 Hinduistischer Hintergrund
4.1.1 Sri Ramana Maharishi
4.1.2 Mata Amritanandamayi/Amma
4.1.3 Bhagvan/Osho
4.2 Weitere
4.2.1 A Course in Miracles
4.2.1.1 Entstehungsgeschichte
4.2.1.2 Philosophie und Praxis
4.2.2 Avatar/Harry Palmer
4.2.2.1 Entstehungsgeschichte
4.2.2.2 Philosophie und Praxis
4.2.3 Samarpan
4.2.3.1 Philosophie und Praxis
4.3 Buddhistischer Hintergrund
4.3.1 Thich Nhat Hanh
4.3.1.1 Tiep
4.3.1.2 Hien
4.3.1.3 Die Rechte Achtsamkeit
4.3.1.4 Die Sieben Wunder der Achtsamkeit
4.3.1.5 Vier Objekte zum Praktizieren von Achtsamkeit
4.3.1.5.1 Körper
4.3.1.5.2 Empfindungen/Gefühle
4.3.1.5.3 Geist
4.3.1.5.4 Objekte des Geistes
4.3.1.6 Literatur
4.3.2 Chögyam Trungpa (Shambhala)
4.3.2.1 Das Leben Chögyam Trungpa Rinpoches
4.3.2.2 Die Shambhala-Vision
4.3.2.3 Geschichte eines Mythos
4.3.2.4 Die Lehre nach Chögyam Trungpa
4.3.2.4.1 Der ursprüngliche Punkt - Die fundamentale Gutheit
4.3.2.4.2 Die Praxis der Sitzmeditation
4.3.2.5 Die Shambhala-Zentren
4.3.2.6 Literatur
4.3.3 Sogyal Rinpoche
4.3.4 Dzogchen-Community
4.3.5 Vipassana / S.N. Goenka

5 Transformationen in afrikanischen Religionen

5.1 Afrikanische Traditionelle Religionen (ATR)
5.2 Afrikanische Diaspora Religionen (ADR)
5.2.1 Kontinuitäten und Diskontinuitäten
5.2.1.1 Die Metapher der Vase
5.2.2 Afrikanischer Ursprung — amerikanisches Amalgam
5.2.3 Die Vielfalt religiöser Kultur in Afroamerika
5.2.3.1 Die 5 Kategorien nach Simpson
5.2.4 Die gemeinsamen Charakteristika
5.2.4.1 Himmel und Erde
5.2.4.2 Spirituelle Arbeit und rituelle Inszenierung
5.2.4.3 Der initiatorische Prozess
5.2.4.4 Possession — Die Dynamik der Verkörperung
5.2.5 Die unterschiedlichen lokalen Traditionen
5.2.5.1 Vodou in Haiti
5.2.5.2 Santería in Kuba
5.2.5.3 Orisha (Shangó) in Trinidad und Tobago
5.3 Afrikas Digitale Diaspora Religionen (ADDR)
5.3.1 Die ontologische Ebene
5.3.2 Die sozio-kulturelle Ebene
5.3.3 Information und Kommunikation
5.3.4 Das Ringen um religiöse Kultur und Identität im Cyberspace
5.4 Literatur


↵ Zurück zur Hauptseite


↑ Nach oben


↵ Zurück zur Übersicht

1 Ethnographisches Fallbeispiel - Das Spektrum religiöser Kultur in St. Lucia / Karibik

verfasst von Manfred Kremser und Veronica Futterknecht

Foto: Die Piton, das Wahrzeichen St. Lucias. (Manfred Kremser © 1988)

Als konkretes Anschauungsbeispiel für die Gleichzeitigkeit und Parallelität religiöser Traditionen innerhalb eines geographisch äußerst begrenzten Raumes dient die folgende ethnographische Momentaufnahme aus den 1980-er Jahren. Sie soll das Spektrum gelebter religiöser Kultur auf einer kleinen karibischen Insel beleuchten.

Das religiöse Profil der Karibik und damit auch St. Lucias wird durch die Tatsache, daß mehrere religiöse Traditionen gleichzeitig sowohl nebeneinander als oft auch ineinander verwoben existieren, äußerst komplex.

Die offizielle Religion in St. Lucia ist das katholische Christentum. Daneben gibt es aber starke Einflüsse und Elemente afrikanischer Religionen, sowie auch Spuren indischer Religionen. Seit Mitte der 1970er Jahre hat die Ausbreitung der Rastafari-Bewegung ein weiteres Element hinzugefügt.

Um die Beziehung von Religion und spiritueller Macht in St. Lucia zu kontextualisieren, wird im Folgenden kurz auf jede dieser religiösen Traditionen in ihren verschiedensten Facetten verwiesen — auf ihre grundsätzlichen Glaubensinhalte, einige ihrer wichtigsten Praktiken, aber auch, wie diese das tägliche Leben beeinflussen. Was jedoch weit komplexer und daher auch in diesem Rahmen kaum beschreibbar ist, ist die Art und Weise, in der viele St. Lucianer im täglichen Leben Glaubensinhalte wie auch Praktiken aus verschiedenen religiösen Traditionen miteinander verbinden.

  • Abbildung: Landkarte der Karibikinsel St. Lucia
  • Abbildung: Die karibische Inselgruppe der Kleinen Antillen

Inhaltsverzeichnis

Weitere Kapitel dieser Lernunterlage

2 Ethnische Religionen
3 Weltreligionen
4 Neue religöse Bewegungen
5 Transformationen in afrikanischen Religionen


Nächstes Kapitel: 1.1 Christliche Konfessionen


↑ Nach oben


Vorheriges Kapitel: 1 Ethnographisches Fallbeispiel - Das Spektrum religiöser Kultur in St. Lucia / Karibik

1.1 Christliche Konfessionen

verfasst von Manfred Kremser und Veronica Futterknecht

Die weitaus überwiegende Mehrzahl der St. Lucianer gehört heute christlichen Konfessionen an, wobei seit der französischen Vorherrschaft im 18. Jahrhundert der Katholizismus bei weitem dominiert. Im Laufe der letzten dreißig Jahre hat jedoch die Anzahl der Katholiken abgenommen. War St. Lucia vor 30 Jahren noch zu 97 % römisch-katholisch, so belaufen sich heute vorsichtige Schätzungen auf maximal 80 Prozent. Dieser Trend ist im wesentlichen auf das Anwachsen protestantischer Kirchen aus den USA zurückzuführen. Protestanten waren seit langem durch die anglikanische (lt. Census von 1980 ca. 2,7%) und methodistische (0,8%) Kirche vertreten, wenn auch nur in vergleichsweise kleiner Anzahl. Trotzdem war ihr Einfluß vor allem auf dem Gebiet der Erziehung deutlich spürbar. Jedoch seit 1960 haben andere Konfessionen wie Sieben-Tage-Adventisten (4,3%), Baptisten (1,4%), Pentecostalisten (1,3%) und Zeugen Jehovahs ihre Mitgliederzahlen deutlich erhöht. Daneben werben u.a. Presbyterianer, Kongregationalisten, Bretheren, die Heilsarmee, Moravianer, Menoniten, A.M.E. (Zion) und die Church of God verstärkt um neue Mitglieder.

Foto: Das Altarbild von Dunstan St. Omer in der katholischen Kirche von Roseau / St. Lucia (Manfred Kremser © 1982)

Ein anderer Trend war durch Veränderungen innerhalb der römisch-katholischen Kirche selbst gekennzeichnet. Veränderungen, die dazu führten, die Messfeier in Englisch anstatt in Latein zu zelebrieren, mehr Rollen für Laien innerhalb der Kirche zu schaffen, die Entwicklung des lokalen Klerus zu fördern und das Engagement der Kirche in sozialen und weltlichen Angelegenheiten der Gesellschaft wahrzunehmen, sind alle als Teil dieses Trends anzusehen, die römisch-katholische Kirche für die St. Lucianische Bevölkerung relevanter zu machen. Die meisten dieser Veränderungen, die nach dem 2. Vatikanum (1962-1965) eingeführt wurden, sind als Antwort auf die stark anwachsende öffentliche Meinung zustande gekommen.

Foto: Beim Kreuz eines katholischen Friedhofs mit "afrikanischen" Trommeln (Manfred Kremser © 1985)

Eine andere interessante Entwicklung im religiösen Bild St. Lucias war die Zunahme der Anzahl von individuellen Straßenpredigern, die nicht unbedingt einer spezifischen Konfession zuzuordnen sind. Ausgerüstet mit der Bibel, ihrer Stimme und ihrem Charisma, verkünden diese Prediger das Wort Gottes zu jeder gegebenen Zeit und an jedem beliebigen Ort, wo immer gerade die Leute vorbeikommen. Einige von ihnen wurden aufgrund der Unterhaltung, die sie während des Predigens lieferten, überaus bekannt. Ihre Orientierung ist jedoch grundsätzlich christlich.

Es gab auch Bemühungen, die unterschiedlichen Kirchen zusammenzubringen, um in gemeinsamen Fragen zusammenzuarbeiten. Die ökumenische Bewegung ist nach einem Anwachsen in den letzten Jahren wieder versiegt. Aber im allgemeinen gibt es heute zwischen den Kirchen mehr offizielle Toleranz und Akzeptanz als in der Vergangenheit.


Nächstes Kapitel: 1.2 Die Blumengesellschaften La Rose und La Marguerite


↑ Nach oben


Vorheriges Kapitel: 1.1 Christliche Konfessionen

1.2 Die Blumengesellschaften La Rose und La Marguerite

verfasst von Manfred Kremser und Veronica Futterknecht

Foto: La Rose Prozession nach der Festmesse (Manfred Kremser © 1985)

Eine wichtige Rolle im Prozeß der Herausbildung neuer sozio-religiöser Gruppierungen seit den Zeiten der Sklaverei spielte die katholische Kirche. Unter ihrer Obhut entsprangen eine Reihe von religiösen Bruderschaften, die auch den Charakter von Selbsthilfeorganisationen aufwiesen. Vielleicht am bekanntesten wurden die brasilianischen „Confrarias" mit ihren üppigen Festlichkeiten, den sogenannten „Congadas". Unter französischem Kolonialeinfluß und im Umfeld der katholischen Kirche entwickelten sich auf mehreren karibischen Inseln sogenannte „Schutzpatron-Gesellschaften". Sie stellten für die Sklaven die einzige legale Form der Selbstorganisation dar.

Heute finden sich die derartige „Gesellschaften" nur noch auf der kleinen karibischen Insel St. Lucia. Unter dem Namen „La Rose" und „La Marguerite" bilden diese „Flower Societies" mit ihren Blumenfestivals ein Symbol kreolischer Kultur und gelten als Ausdruck nationaler Identität dieses erst seit 1979 unabhängig gewordenen Kleinstaates. Vor allem die „La Rose Festivals" zeugen von der Vitalität der kreolischen Kultur, die eine vielfältige Mischung aus afrikanischen, französischen und britischen Traditionen darstellt.

Erste Berichte dieser Blumenfestivals stammen bereits aus der Mitte des 18. Jahrhunderts — also aus einer Zeit, in der die Insel St. Lucia heftigst von Franzosen und Engländern umkämpft war und allein in diesem Jahrhundert 14 Mal den Besitz zwischen ihnen wechselte. Erst am Wiener Kongress 1814/1815 wurde St. Lucia der britischen Krone endgültig übertragen bzw. zuerkannt. So war es auch nicht verwunderlich, daß diese politische Rivalität in der expressiven Kultur der Blumengesellschaften ihren Ausdruck fand.

Bei ihren Seancen und großen Festlichkeiten imitierten sie zunächst ihre weißen Herren und deren monarchische Hofstaaten, was schließlich zur Persiflage der kolonialen Machtstrukturen führte. Die Blumengesellschaften, die wichtige Segmente in der Sozialstruktur der Insel bildeten, waren hierarchisch strukturiert:

An ihrer Spitze standen ein König und eine Königin, gefolgt von anderen Würdenträgern nach dem Muster der sozio-ökonomischen Struktur der kolonialen Gesellschaft — meist nach englischem Vorbild.

Nach der Königinmutter, den Prinzen und Prinzessinnen, Präsident oder Generalgouverneur kam eine große Anzahl von pseudo-legalem, militärischem und professionellem Personal. Darunter waren z. B. Magistrat, Sekretär, Rechtsanwälte, Richter, Polizisten, Soldaten, Doktor, Krankenschwestern, Matronen, Blumenfrauen und -mädchen verschiedenster Rangordnungen, Vorsänger, und nicht zuletzt die Musiker mit ihren Instrumenten: Trommeln, Geigen, Gitarren, Banjos, Quartros, Rasseln und Horn.

Foto: La Rose Blumenfrauen in Festtagskleidung (Manfred Kremser © 1985)

Beeindrucken heutzutage die prunkvollen Kostüme der Blumengesellschaften vor allem an ihrem großen Festtag — für „La Rose" am 30. August, dem Tag der heiligen Rosa von Lima; für „La Marguerite" am 17. Oktober, dem Tag der heiligen Maria Marguerita von Alacoque — so zeichnet die Erinnerung an die Anfänge dieser Schicksalsgemeinschaften ein anderes Bild:

Die aus Afrika gewaltsam verschleppten und versklavten Menschen wurden nicht nur ihrer materiellen Existenz beraubt. Sogar das Trommeln und Tanzen auf afrikanische Art wurde ihnen verboten, denn die Sklavenherren sahen darin eine ernsthafte Gefahr von Revolten. Um diesen Verboten zu entgehen, mußten die Sklaven in die äußere Hülle des weißen Mannes schlüpfen. Durch Imitation versuchten sie ihren Herren zu gefallen; den Schritt von der Parodie zur Persiflage gönnten sie sich selbst.

Zwischen den „La-Rose"- und den „La-Marguerite"- Gesellschaften entwickelte sich alsbald diese charakteristische Rivalität, die bis zum heutigen Tage das Verhältnis zwischen ihnen bestimmt und in fast allen ihren Liedern besungen wird.

Leitet sich diese Rivalität ursprünglich aus den feindlichen Positionen zwischen Engländern und Franzosen, später zwischen Bonapartisten und Republikanern sowie deren jeweiligen Sympathisanten und Gegnern unter den Sklaven ab, so entwickelte sie sich schließlich zu einer sozialen und kulturellen Rivalität. Diese kennzeichnet sich nun durch die jeweilige Herkunft aus unterschiedlichen sozialen Schichten innerhalb der kreolischen Gesellschaft, an deren Basis auch jeweils unterschiedliche Geschmäcker bezüglich der Produktion expressiver Kultur standen. Während „La Rose" das heiße Element in der Kultur verkörpert und daher die Farbe „Rot" und „Rosa" für ihre Kostüme, Dekoration, Fahnen, Transparente usw. auserkoren hat, so repräsentiert „La Marguerite" das kalte Element der Kultur; dementsprechend ist ihre Farbe „blau".

Die Mitglieder der „La-Rose"- Blumengesellschaft lieben nichts mehr als Bewegung und sinnliche Stimulation. Sie bauen ihre ganze Reputation auf ihre spektakuläre Performance auf: reden, musizieren, tanzen, singen und trinken. Wenige von ihnen besitzen viel Geld. Als Arbeiter verdienen sie nur niedrige Löhne. Viele sprechen nur Kreolisch, und die meisten können weder lesen noch schreiben.

Foto: Ehrentanz des Präsidenten beim La Rose Festival in Babonneau (Manfred Kremser © 1982)

„La Marguerite" hingegen zieht solche Leute an, die sozial reserviert sind — etwa praktizierende Katholiken und „ernsthafte" Eltern, die ihren Kindern eine solide und konventionelle Erziehung zu geben versuchen. Viele von ihnen besitzen kleine Unternehmen oder sind ganzzeitig beschäftigte Angestellte. Sie sprechen sowohl Kreolisch als auch Englisch und können immer lesen und schreiben. Man kann sagen, daß die Mitglieder der „La-Marguerite"- Gesellschaften der Mittelklasse von St. Lucia angehören.

„La-Rose"- und „La-Marguerite"- Organisationen polarisieren ihre Gesellschaft in zwei repräsentative Hälften . Egal, ob man Mitglied der einen oder der anderen Vereinigung ist, wird man in St. Lucia auf Grund von Verhalten, Glauben und Sittenkodex entweder als „La Rose" oder als „La Marguerite" identifiziert. Dieser Gegensatz läßt sich auf die Formel „Oralkultur versus Schriftkultur" reduzieren — sowohl im Hinblick auf deren jeweils spezifischen Modus kultureller Produktion als auch bezüglich ihrer sozialen Konnotationen .

Historisch gesehen waren diejenigen, die nach dem schriftkulturlichen Modus funktionieren, die weißen Herren, also die dominante Klasse in St. Lucia. Folglich wird dieser Modus immer mit dem Begriff der Macht und des hohen Ansehens assoziiert.

Der orale Modus hingegen, wie auch die Einstellungen und Konventionen, die er verkörpert, wurde abgewertet und mit der Unterschicht assoziiert. Aus diesen Gründen ist es nicht überraschend, daß diese beiden Organisationen in der Geschichte immer antagonistisch waren.

Während die „Marguerites" den Primat ihres Kodex durchsetzten, war die Reaktion der „Roses" darauf bedacht, den Wert ihrer eigenen Tradition mit Nachdruck zu behaupten.


Nächstes Kapitel: 1.3 Religiöse Konzepte afrikanischer Provenienz


↑ Nach oben


Vorheriges Kapitel: 1.2 Die Blumengesellschaften La Rose und La Marguerite

1.3 Religiöse Konzepte afrikanischer Provenienz

verfasst von Manfred Kremser und Veronica Futterknecht

Die andere religiöse Tradition, die in St. Lucia durch mehrere Jahrhunderte hindurch Seite an Seite mit dem Christentum existiert, ist weit schwieriger zu definieren. Dennoch ist in vielerlei Hinsicht ihr Einfluß genauso mächtig als der des Christentums. Diese Tradition kann weder mit einem einzigen Namen bezeichnet werden, noch weist sie eine repräsentative Organisation oder ähnliches auf. Sie wurzelt in den verschiedenen ethnischen Religionen Afrikas, welche die afrikanischen Vorfahren der heutigen afroamerikanischen Inselbevölkerung während der Zeit der Sklaverei mitbrachten und in unterschiedlicher Art und Weise weiter tradierten. In der Kolonialzeit wurde diese Tradition für illegal und subversiv gehalten. Deshalb war sie von Anbeginn an eine Untergrundtradition in St. Lucia. Es ist teilweise diesem Umstand zuzuschreiben, daß diese religiöse Tradition vielmehr in Fragmenten denn als integriertes System überlebt hat.

Wir wollen nun einige dieser Fragmente betrachten, und zwar diejenigen, die halbwegs intakt überlebt haben. Der die meisten Lebensbereiche durchdringendste Korpus von Glaubensvorstellungen und Praktiken bezieht sich auf die spirituelle Welt. Die meisten St. Lucianer glauben auf irgend eine Weise, daß es — zusätzlich zur materiellen Welt des Menschen und der Natur — eine unsichtbare Welt gibt, die von unterschiedlichen Wesenheiten mit übernatürlichen Mächten bewohnt wird.

Diese Mächte können sowohl zum Guten als auch zum Bösen hin verwendet werden, und die Wesenheiten manifestieren sich unter bestimmten Bedingungen in ganz bestimmten Formen. Sie alle haben ihre spezifischen Funktionen und Namen: bolòm, soukouyan, djab lamè'', usw. Wie auch im Christentum ist die spirituelle Welt das Schlachtfeld eines andauernden Krieges zwischen Gut und Böse. Es wird angenommen, daß sich eine Person durch bestimmte Praktiken mit den Kräften des Bösen verbinden kann. Dies kann dem Zweck dienen, um entweder selbst Wohlstand zu erlangen, oder auch um Anderen zu schaden, über sie Macht zu gewinnen, und vieles andere mehr.

Solch eine Person wird jan gajé genannt (aus dem Französischen "gens engagé", d.h. jemand, der „mit dem Teufel verlobt“ ist oder mit ihm im Bunde steht). Ein jan gagé wird überaus gefürchtet. Er/Sie kann nicht alleine bekämpft werden. Man ist auf Hilfe angewiesen: entweder durch die Kraft christlicher Gebete, oder durch einen gadè, oder auch durch beides.

Ein gadè ist eine Person — ähnlich wie ein Wahrsager — die bestimmte Kräfte hat. So z.B. kann er/sie in die Zukunft sehen, Heilmittel gegen diabolische Krankheiten zusammenbrauen, Erfolg bei Prüfungen oder beim Jobsuchen sicherzustellen, usw. Vom gadè wird angenommen, daß er seine Kraft für gute Zwecke benützt. Doch kann natürlich auch er bestochen werden und sich zum Bösen verwenden.

Im allgemeinen werden diese spirituellen Kräfte und ihre menschlichen Agenten mit der Nacht in Verbindung gebracht. Ihre Manifestationen und ihre Stärke sind dann am heftigsten, wenn die Dunkelheit hereinbricht. Angeblich verlieren einige ihre Macht, sobald die Sonne wieder aufgeht. Tatsächlich hängt dies nicht nur mit der Natur solcher rund um die Welt verbreiteten Glaubensvorstellungen zusammen, sondern vor allem auch mit der „Untergrund“-Natur dieser Tradition, welche nur geheim weitergegeben werden konnte. „Obeah“ gilt in den Landesgesetzen St. Lucias und der meisten karibischen Territorien nach wie vor als Verbrechen .

Die Geheimhaltung und offizielle Feindseligkeit, die viele der Ideen und Praktiken dieser Fragmente der Religion umgibt, machen es äußerst schwierig, das Gute vom Schlechten oder Wertlosen zu trennen. So z.B. ist ein gadè oft eine wertvolle Quelle, was das Wissen über medizinische Heilpflanzen betrifft — denn in traditionellen Wissensystemen wird Heilung im allgemeinen als Teil der Religion betrachtet. Aber offizielle Einstellungen über den gadè machen es in der Regel eher schwierig, dieses Wissen zu erlangen und zu prüfen.

Im allgemeinen kann behauptet werden, daß die weitaus überwiegende Mehrheit der St. Lucianer — wissentlich oder unwissentlich — ein bestimmtes Maß an Glauben an die spirituelle Welt afrikanischer Religionen in sich tragen, während sie gleichzeitig auch dem christlichen Glaubenssystem anhängen. Dieser Glaube kann sich zum Beispiel in Fällen von Krankheit manifestieren, bei denen westliche medizinische Praktiken nicht effektiv waren, so daß man sich dann an den gadè wendet. In anderen Fällen wird der Patient von allem Anfang an die Heilmittel vermischen. Oder in wieder einem andern Fall wird jemand, der in einer dunklen Nacht allein nach Hause geht, ein christliches Gebet sprechen. Gleichzeitig wird er aber auch sein Hemd umgekrempelt tragen , und — sobald er zu Hause ankommt — rückwärts eintreten.

Bei genauerer Betrachtung kann man bei den meisten St. Lucianern die eine oder andere Vorstellung oder Praxis vorfinden, die sie aus der fragmentierten afrikanischen religiösen Tradition beziehen — ganz gleich, ob es der betreffenden Person bewußt ist oder nicht.


Nächstes Kapitel: 1.4 Kélé


↑ Nach oben


Vorheriges Kapitel: 1.3 Religiöse Konzepte afrikanischer Provenienz

1.4 Kélé

verfasst von Manfred Kremser und Veronica Futterknecht

Die lokale Shangó-Tradition namens „Kélé“

Kélé ist ein afrikanisches Ritual zur Anrufung afrikanischer Ahnen und Gottheiten, dessen Höhepunkt die Opferung eines unbefleckten Schafes bildet.

Dieses Ritual wird von Zeit zu Zeit in der nordöstlichen Region der Insel durchgeführt, vor allem in den Orten Babonneau, Fond Assau und Umgebung. Es ist genau diese Region St. Lucias, in welche die letzten noch in Afrika geborenen und aufgewachsenen Einwanderer als Kontraktarbeiter ("Indentured Labourers") geschickt wurden. In diesem Gebiet haben sich bis heute ganz bestimmte afrikanische Traditionen unter den sogenannten „Djiné“, also den Leuten von „Guinea“ (= Afrika) fast ungebrochen erhalten.

Foto: Das Kélé-Opferritual im April 1988 geleitet von Hohepriester Etienne Wells Joseph (Manfred Kremser © 1988)

Die Kélé- Zeremonie beinhaltet die Verehrung der Gottheiten Shangó, Ogun und Eshu. Diese religiösen Konzepte gehen auf die Yoruba-„Orisa“ zurück und haben durch ihren Transfer nach St. Lucia vielerlei Reinterpretationen erfahren:

• Shangó zählt unbestritten zu den populärsten afrikanischen Orisas in der Neuen Welt. In St. Lucia tritt uns der Name Shangó nicht nur in Form so genannter Donnersteine entgegen, die auch das Zentrum des Kélé -Altars bilden, sondern Kélé selbst wird oft als Shangó- bzw. Chango bezeichnet. Für die Djiné stellen die Shangó -Steine die physische Repräsentation des Donnergottes dar. Durch sie wird in der rituellen Handlung die Verbindung zwischen Mensch und Gott hergestellt. Daher werden in allen Häusern von Djiné -Familien mit Kraft geladene Shangó -Steine aufbewahrt. Ihnen werden sowohl beschützende als auch heilende Eigenschaften zugeschrieben.

• Ogun wird als göttlicher Repräsentant des Eisens wahrgenommen, weswegen von den Djiné alle Arten von eisernen Geräten an den Altar bei der Kélé -Zeremonie gelegt werden. In der Moderne gilt Ogun vor allem als Beschützer der Autofahrer und anderer Berufe, deren Arbeit an das Eisen bzw. Eisengeräte gebunden ist. Viele Indizien aus neuesten ethnographischen uns ethnohistorischen Untersuchungen lassen vermuten, daß der Ursprung des Kélé in St. Lucia auf das Ogun -Festival in Ado-Ekiti/Nigeria zurückreicht.

In St. Lucia kam es dann zu einer Synkretisierung der beiden religiösen Yoruba-Traditionen für Shangó und Ogun, aus deren Verschmelzung sich der Kélé -Kult in der Diaspora entwickelte, dies vor allem auf den kleinen karibischen Inseln, wo zu wenige Repräsentanten einer spezifischen afrikanischen Religion lebten, um die Tradition unbeeinflußt von den benachbarten Traditionen aufrecht zu erhalten.

Neben Shangó und Ogun finden wir in der auf diese Weise neu entstandenen Kélé-Tradition noch eine dritte personifizierte Gestalt vor, die von den Djiné mit dem Namen Eshu bzw. Akeshew bezeichnet wird und als Widersacher der beiden Ersteren auftritt.

Die Assoziation von Eshu mit dem gefährlichen Inhalt der Kalebasse, die am Ende jeder Kélé -Zeremonie orakelhaft zerschmettert wird, führte in den Augen christlich-klerikaler Kritiker oft irrtümlicherweise zur Gleichsetztung von Akeshew mit dem Teufel, sowie der Hohepriester des Kélé mit Schwarzmagiern.

Foto: Das Kélé-Opferritual im April 1983 geleitet von Hohepriester Noah Delaire (Manfred Kremser © 1983)

Die Riten der Kélé-Zeremonie wurden von Familien weitergegeben, die sich selbst als „Nèg Djiné“ identifizierten. Es gibt einen Hohepriester, der seine Rolle an einen anderen weitergibt, bevor er stirbt. Alle Teilnehmer, inklusive des Hohepriesters, sind auch praktizierende Christen, die keine Schwierigkeit damit haben, die beiden Traditionen in ihrem persönlichen Leben miteinander zu verschmelzen.

Im südlichen Teil von St. Lucia, in einem Dorf namens Piaye, wird von einer weiteren „Djiné“-Gruppe die Abhaltung eines Koutoumba — und anderswo in St. Lucia eines Kont — anläßlich des Todes einer Person von den Praktiken der afrikanischen Religionen und nicht vom traditionellen europäischen Christentum hergeleitet.

Inhalt

1.4.1 "ngai bai an kélé" — einen Kélé "geben"

Im Rahmen der afroamerikanischen Religionen der Gegenwart nimmt der Kélé in St. Lucia in vielerlei Hinsicht eine Sonderstellung ein. Im Gegensatz zu den meisten anderen Kulten Afro-Amerikas, wie z.B. Voodoo, Candomblé, Umbanda, Macumba und Santería ist dieser fast rein afrikanisch erhaltene Minderheitskult der Djiné keinerlei Synkretisierung mit christlichen Religionen eingegangen. Im Zentrum der kultischen Handlungen eines Kélé -Rituals steht das blutige Opfer eines Schafbockes, welches in Verbindung mit Gaben von Speise und Trank für die afrikanischen Götter Shangó, Ógùn und Eshu dargebracht wird. Vor allem wegen der Praxis dieses „heidnischen“ Blutopfers zählt der Kélé zu den umstrittensten kulturellen Traditionen der kleinen karibischen Insel St. Lucia. Vor dem Hintergrund dieses Spannungsverhältnisses zwischen afrikanischem Erbe und westlich orientierter religiöser wie kultureller Wertungen konzentriert sich die folgende Dokumentation auf die Beschreibung der Opferhandlungen und Opfergaben dieses afrikanischen Ritual in der Diaspora, sowie der sie beeinflussenden neuen gesellschaftlichen und ökologischen Bedingungen.

Foto: Msgr. Patrick A.B. Anthony im Interview mit den Hohepriestern des Kélé (Manfred Kremser © 1983)

Ein Djiné , der sich an seinen Hohepriester wendet, um ihn mit der Abhaltung einer Kélé -Zeremonie für ein aktuelles Anliegen zu betrauen, sagt, daß er einen Kélé „geben“ möchte („ngay bay an Kélé“) . Diese Formulierung, wie auch die bei einem Kélé tatsächlich in großen Mengen veräußerten Opfergaben, Nahrungsmittel und Getränke, erinnern an den Charakter von Verdienstfesten, der den Kélé -Zeremonien in der Vergangenheit tatsächlich zukam.

Traditionellerweise wurden Kélé -Zeremonien von den Hohepriestern oder anderer führender Oberhäupter der Djiné-Familien mehrmals jährlich „gegeben“, wobei sämtliche Djiné dazu geladen wurden. In diesen Fällen galten sie entweder der Danksagung, oder auch um „die afrikanischen Ahnen der gegenwärtigen Ritualgemeinschaft um Schutz in allen wichtigen Angelegenheiten zu bitten — gute Ernte, Gesundheit und Erfolg im Leben.“ Es sind auch Fälle bekannt, in denen ein Kélé „gegeben“ wurde, um die Ahnen um Beistand für eine bevorstehende Gerichtsverhandlung zu bitten.

In anderen Fällen wurde in Erinnerung an einen kürzlich verstorbenen Vorfahren zum Jahrestag seines Ablebens von dessen Familie ein Kélé „gegeben“; ebenso nachdem der Verstorbene einem hinterbliebenen Familienmitglied im Traum erschienen war und um Nahrung gebeten hatte. Die Verweigerung von Nahrung für das verstorbene Familienmitglied konnte eine Krankheit oder ein anderes Unglück mit sich bringen. Aus diesem Grunde wurden von den Djiné früher zu den verschiedensten Zeiten des Jahres — mit Ausnahme der Fastenzeit — Kélé-Zeremonien abgehalten.

In den letzten Jahrzehnten jedoch kam es — bedingt durch die rasch voranschreitende Verwestlichung zahlreicher Lebensformen, sowie durch das Aussterben der alten traditionsbewussten Djiné — zu einem Rückgang dieser Tradition, so daß gegenwärtig nur ein- bis zweimal im Jahr eine Kélé -Zeremonie stattfindet. Diese wird in der Regel vom Hohepriester alljährlich am Sonntag nach Ostern und zum Jahreswechsel „gegeben“ .


1.4.2 Die Vorbereitungen einer Kélé-Zeremonie

Wenn ein Djiné aus einem der oben erwähnten Motive einen Kélé „geben“ möchte, wendet er sich zunächst an den Hohepriester, dem er sein Anliegen persönlich vorbringt. Traditionellerweise war es üblich, alle übrigen Mitglieder der erweiterten Großfamilie, sowie insbesondere die mit speziellen Funktionen an der Kélé - Zeremonie ausgestatteten Djiné persönlich einzuladen, sobald der Termin und die Lokalität für die Abhaltung des Opfer-Rituals fixiert war. Dies galt vor allem für die Assistenten des Hohepriesters, die Trommler und Tänzer, die Köchinnen für die Verarbeitung des geopferten Schafbocks, sowie für diejenige Person, der die Köpfung des Opfertieres anvertraut wurde — zumeist ein Fleischhauer.

Handelte es sich beim bevorstehenden Kélé um ein wichtiges Anliegen der gesamten erweiterten Großfamilie, so wurden alle Familienmitglieder gebeten, einen bestimmten Anteil an den erforderlichen Nahrungsmitteln und Getränken bereitzustellen. Es ist unbestritten, daß in der Vergangenheit diese reziproken Hilfeleistungen wie vor allem die sie begleitenden kommunikatorischen Prozesse zur Stärkung der Solidarität innerhalb der Djiné-Familien beitrugen.

Foto: Die Zubereitung des Yams in Breiform (Manfred Kremser © 1985)

In jüngster Zeit wird die Ankündigung jedoch über die Medien vorgenommen, vor allem via Radio im „community diary“, wie auch über die lokale Presse. Aus diesem Grunde finden sich neben den geladenen Djiné auch zahlreiche Interessenten ein, die nie zuvor einer Kélé -Zeremonie beigewohnt hatten. Als unvermeidliche Folge dieses „clash of culture“ betrachten einige von ihnen das Ritual als ein Stück afrikanischer Exotik in der eigenen Heimat; andere treten dem Blutopfer mit gemischten Gefühlen entgegen; und auch solche Stimmen, die mit Verachtung auf dieses „heidnische“ Blutopfer herabblicken, halten nicht mit ihren abwertenden Kommentaren zurück.

Die Tage vor der Zeremonie werden von derjenigen Familie, welche den Kélé „gibt“, zur Bereitstellung der Nahrungsmittel und Getränke verwendet. Zunächst wird ein geeigneter Schafbock entweder unter den eigenen Beständen ausgesucht, oder auch käuflich erworben. Sodann werden größere Mengen von Yams, Cassava, Plantanen und Blattsalat aus den eigenen Gärten herbeigeschafft; die übrigen Nahrungsmittel, sowie auch die alkoholischen und nicht alkoholischen Getränke, werden am Markt in der Hauptstadt Castries eingekauft. Die Gesamtausgaben für das Opfertier, Nahrungsmittel und Getränke beliefen sich im Jahre 1983 auf zirka EC$ 800,00 (= € 300,—).

Die für den Altar bestimmten Ritualobjekte und Opfergaben müssen vom Hohepriester persönlich beschafft werden, da es sich — wie im Falle des Inhalts der Kalebasse — um geheimzuhaltende Substanzen handelt.


1.4.3 Der Ort der Opferhandlungen

Die Abhaltung einer Kélé -Zeremonie mit den damit verbundenen Opferhandlungen ist nicht an einen bestimmten Ort gebunden. Es gibt — im Gegensatz zu den anderen afro-amerikanischen Kulten wie z.B. Voodookeine Kulthäuser oder feststehenden Opferplätze. Vielmehr hängt die Wahl des Ortes der Durchführung der Kélé-Zeremonie jeweils von der Person ab, die einen Kélé „gibt“. In den meisten Fällen ist dies ein genügend großer Platz im Gehöft dieser Person, der zirka 80 Personen rund um den zu errichtenden Altar fassen kann. Andernfalls wird die Opferzeremonie im Gehöft des Hohepriesters abgehalten, welches vor allem aufgrund seiner vielfältigen juridischen wie auch medizinischen Funktionen innerhalb der Djiné-Gemeinschaft zu einem vielfrequentierten Treffpunkt wurde.

Foto: Der Hohepriester Noah Delaire bei der Opferhandlung am Altar (Manfred Kremser © 1983)

In jüngster Zeit ist man dazu übergegangen, die Kélé -Zeremonie bei solchen Djiné abzuhalten, deren Gehöft ein Rum-Shop miteinschließt, um auch die Versorgung derjenigen Gäste, die sich als Ergebnis der Ankündigungen in den Medien als Zuschauer einfinden, vor allem mit alkoholischen Getränken und zunehmend auch mit Fleischspeisen zu gewährleisten. Damit wird die ursprüngliche Idee einer Kommunion aller Anwesenden — unter Einbeziehung der Ahnen sowie der afrikanischen Gottheiten — über Bord geworfen und einer Kommerzialisierung der Weg geebnet. Ursprünglich wurde nämlich das Fleisch des Opfertieres unter allen Mitgliedern der Kultgemeinde sowie unter allen anderen Personen, die sich zum Kélé eingefunden hatten, verteilt. Dieses mußte zur Gänze am gleichen Tag konsumiert werden.


1.4.4 Die Opfergaben und Ritualobjekte

Am Morgen desjenigen Tages, an dem die Kélé-Zeremonie stattfindet, errichtet der Hohepriester gemeinsam mit seinen Assistenten den Altar, der oft auch Ógùn bezeichnet wird. Dabei wird vor allem darauf geachtet, daß er so ausgerichtet wird, daß die Teilnehmer während ihrer Opferhandlungen nach Osten blicken — denn „es ist immer weise, zur aufgehenden Sonne zu blicken“. Dementsprechend werden auch die Ritualobjekte und Opfergaben , die in den vorangegangenen Tagen vorbereitet wurden, in folgender Reihenfolge angeordnet:

• Zunächst wird eine Anzahl von Shangó -Steinen halbkreisförmig aneinander gereiht. Dabei handelt es sich teilweise um amerindische Stein-Äxte, teilweise um nicht eindeutig identifizierbare „Donnersteine“ bis zu einer Größe von ca. 45 cm Länge. Von einigen dieser Shangó -Steine wird behauptet, daß sie von den ersten Djiné aus Afrika mitgebracht worden wären; andere wiederum wurden oft Jahre nach einem Blitzschlag bei hohen Bäumen gefunden.

Foto: Shangó-Steine bilden das Zentrum des Kélé-Altars (Manfred Kremser © 1988)

• Daneben wird ein balanmin, eine dünne Eisenstange, die bei der Feldarbeit als Grabstock verwendet wird, fest in den Boden gerammt. Diese Eisenstange repräsentiert Ógùn , den Gott des Eisens .

• An diesen wird ein Schößling einer Kokosnußpalme angebunden. Die Kokosnuß zählt angeblich zu den Lieblingsgerichten von Ógùn, das Palmblatt wird von den Yoruba als „Kleidung Ógùn s“ bezeichnet.

• Ein „medizinischer Farn“ namens pat makak wird an der Basis der Eisenstange und rund um die Shangó -Steine herum ausgebreitet.

Foto: Von allen Opfergaben wird Eshu, repräsentiert durch die Kalebasse, als Erstem gegeben (Manfred Kremser © 1985)

• Von den einzelnen Teilnehmern an der Kélé -Zeremonie werden Ackerbaugeräte und Werkzeuge aus Eisen zu beiden Seiten der Shangó -Steine aufgelegt, wie z.B. Spaten, Gabeln, Buschmesser, Sägen und Äxte — sie gelten als die Insignien von Ógùn .

• Ein Gewehr, welches als einziges der Eisengegenstände bereits während der Zeremonie zweimal aufgenommen wird, um genau zu den beiden Höhepunkten der Kélé-Zeremonie abgefeuert zu werden — einmal im Moment der Köpfung der Opfertieres, das zweite Mal im Moment des Zerschlagens der Kalebasse am Ende der Opferhandlungen.

• Eine Kalebasse mit geheimgehaltenem Inhalt, den magischen Substanzen der Djiné, oft auch als djinéfication bezeichnet — angeblich ein Gemisch aus den zu Asche verbrannten verdorbenen Kräutern mawi und mannmetamann — wird neben dem Schößling der Kokosnußpalme plaziert. Mit dieser Kalebasse wird Eshu assoziiert, der Widersacher von Shangó und Ógùn. Um zu verhindern, daß er seinen schadenbringenden Einfluß auf die Kultgemeinde überträgt, muß er von allen Opfergaben ebenfalls etwas abbekommen — und zwar als Erster.

Foto: Kélé-Altar mit Kalebasse (=Eshu), Donnersteinen (=Shangó) und Eisengabel (=Ogun) (Manfred Kremser © 1985)

• Mehrere Knollen rohen Yams der Sorte der Sorte yam potijé. Yams, in Breiform zubereitet, gilt neben dem Fleisch des Schafbocks als eine der Lieblingsspeisen von Shangó.

• Zirka sieben Kerzen, die am äußeren Rand der halbkreisförmig angeordneten Shangó -Steine leicht in den Boden verankert aufgestellt werden.

• Je eine Flasche mit weißem Rum und mit Olivenöl. Es wird gesagt, daß Ógùn weiße Getränke bevorzugt — in Nigeria wird ihm daher auch weißer Palmwein geopfert; für Shangó hingegen, dessen Farbe rot ist, verwendet man in Nigeria das rötliche Palmöl.

• Ein Krug gefüllt mit reinem Trinkwasser.

Foto: Die Getränke Rum und Wasser inmitten von Yams und Shangó-Steinen (Manfred Kremser © 1985)

• Ein Glas, ein Teller und ein Messer, welches zum Zerschneiden des rohen Yams verwendet wird.

• Das Opfertier, ein weißer Schafbock, wird mit einem Strick an den Grabstock gebunden.


1.4.5 Das Opfertier und seine Reinigung

Während in den meisten afro-amerikanischen Religionen Kleintiere wie Hühner als Opfertiere Verwendung finden, ist es im Kélé ausschließlich ein weißer Schafbock, der gleichermaßen am Höhepunkt der Zeremonie geopfert wird.

Bei der Auswahl dieses männlichen Opfertieres wird größte Sorgfalt darauf verwendet, daß der Schafbock, der älter als ein Jahr sein muß, in freier Natur aufgewachsen ist — denn Shangó liebt weder geknechtete Menschen, noch unfreie Tiere. Deshalb wurden in der Vergangenheit von den Hohepriestern des Kélé sowie von solchen Djiné-Familien, die regelmäßig Kélé-Zeremonien abhielten, an den Hängen des La Sorcière-Bergmassivs makellose weiße Schafböcke gezogen, um sie nach vollendeter Reife als Opfertiere zu verwenden.

Foto: Die Reinigung des Opfertiers im Bach. (Manfred Kremser © 1985)

Die Wahl eines Opfertieres der Farbe weiß, der Lieblingsfarbe von Ógùn, der wir auch bei anderen Opfergaben im Kélé begegnen, ist ein symbolischer Ausdruck für die durch das Ritual herbeizuführende Reinigung. Im therapeutischen Kontext traditioneller afrikanischer Medizin gilt dementsprechend die Farbe weiß — im Zyklus der Triade schwarz-rot-weiß, analog dem kosmischen Kreislauf von der Nacht (= Dunkelheit, Krankheit) über die Morgenröte (= Übergang, Gefahr) zum Tag (= Helligkeit, Gesundheit) — als letzter Schritt der Gesundung im Sinne der Reintegration des Patienten in die göttliche Ordnung. Ebenso begegnen wir in den afro-amerikanischen Kulten der Farbe weiß als religiöser Erfahrungsqualität im Sinne der Gottesnähe des Heilsuchenden (es sei in diesem Zusammenhang auf die etymologische Verwandtschaft der Worte „Heil“ und „heilen“ bzw. „heil werden“ selbst in der deutschen Sprache verwiesen).

Erst in jüngster Zeit wird das Opfertier auch von anderen Kleinbauern angekauft, wobei der Preis eines mittelgroßen Schafbockes 1985 zirka EC$ 240,— (= € 100,—) betrug. Die Kosten werden von derjenigen Person getragen, welche den Kélé „gibt“. Bei der Auswahl spielt auch die Größe des Opfertieres eine wichtige Rolle. Laut den Regeln der Tradition soll es nämlich alle Personen ernähren, die an der Zeremonie teilnehmen: Djiné, die aktiv partizipieren, geladene Gäste und sonstige Anwesende — im Durchschnitt sind dies zwischen 50 und 100 Personen .

Bevor das Opfertier an den Altar geführt wird, muß es einer Reinigung unterzogen werden. Als Auftakt der Zeremonie erscheint der Hohepriester, gekleidet in einem langen weißen Mantel aus dünner Baumwolle und einer schwarzen Fell-Mütze, und bindet das Opfertier vom Grabstock los. Sodann schneidet er mit einem Messer einige Haare von den Enden des Schweifes und der Ohren des Schafbockes ab und wirft sie in die Kalebasse . Anschließend marschiert die gesamte Kultgemeinde unter Trommelbegleitung zu einem nahegelegenen Fluß oder Bach. Dort wird das Opfertier vom Hohepriester oder seinem Stellvertreter einer Reinigung unterzogen, wobei zunächst jedes der vier Beine einzeln gewaschen wird. Anschließend erfolgt die Waschung des gesamten Körpers, beginnend vom Kopf, über den Rücken hinweg, bis einschließlich des Schweifes — denn es wird gesagt, daß den afrikanischen Gottheiten Shangó und Ógùn nur reine Gaben dargebracht werden dürfen .


1.4.6 "Feeding Shangó" — Die Opferhandlungen

Nachdem die Ritualgemeinschaft an den Altar zurückgekehrt ist, wird das nunmehr gereinigte Opfertier wieder am Grabstock festgebunden. Es werden die Kerzen angezündet. Sodann teilt der Hohepriester allen anwesenden Personen in kreolischer Sprache mit großer Ernsthaftigkeit den Anlaß der bevorstehenden Opferhandlungen mit. Ebenso ladet er alle Djiné sowie auch die übrigen Personen, die daran teilnehmen wollen, ein, irgendeinen persönlichen Gegenstand auf den Boden zwischen die Ritualobjekte zu legen, falls Glück oder besonderer Erfolg erwünscht sind. Sodann wird ein Kreis rund um den Altar gezogen, in den außer den aktiven Ritualteilnehmern niemand eintreten darf. Frauen sind zur Gänze von der Teilnahme am Opferritual ausgeschlossen.

Foto: Der Hohepriester Etienne Wells Joseph vorm Kélé-Altar mit den Opfergaben (Manfred Kremser © 1985)

Die "Feeding Shangó"-Opferhandlungen im Kélé-Ritual inkludieren:

Danksagungen und Bitten, Gebete und Lieder in afrikanischer Sprache,

Libationen mit Rum und Wasser,

• Opfergaben von rohen Speisen,

• das Köpfen des Schafes und das Trinken seines Blutes,

• Opfergaben von gekochten Speisen.


1.4.6.1 Die Lieder und Gebete

Das Opferritual beginnt damit, daß sich der Hohepriester vor dem Altar niederkniet und einen Gesang in afrikanischer Sprache anstimmt. Die Lieder werden zu verschiedenen spezifischen Kélé -Trommelrhythmen gesungen, namentlich Adan, Kere, Gbudu, Kugbu und Ere. Zu den am häufigsten gesungenen Liedern gehören:

Abbildung: Liedtext

Bei jeder Strophe, der ein Trommelwirbel folgt, beugt sich der Hohepriester so weit nach vorne, bis er mit seiner Stirne den Boden berührt. Dem schließen sich Gebete an, die ebenfalls in afrikanischer Sprache gesprochen werden:

Abbildung: Gebet

Dieses Idiom konnte im Verlaufe unserer Forschungen teilweise als Ekiti-Dialekt des Yoruba aus dem süd-westlichen Teil Nigerias identifiziert werden. Mit Ausnahme einiger weniger älterer Djiné wird es von keinem der Anwesenden mehr verstanden.

Die Gebete beginnen immer mit den Anrufungen von Ógùn. Daran schließen sich die vorgetragenen Anliegen an, weswegen der Kélé gegeben wird. Es sind dies oft der Wunsch nach Gesundheit und Reichtum, sowie die Bitte um Schutz der Kinder vor Krieg und anderem Unheil.


1.4.6.2 Libationen mit Rum und Wasser

Noch während der Hohepriester vor dem Altar kniet und Ógùn anruft, nimmt er die Flasche mit weißem Rum, gießt etwas davon in das Glas und besprengt damit dreimal die Gegenstände, die rund um den Altar liegen. Anschließend gießt er einen Schluck weißen Rums in die Kalebasse. Schließlich trinkt er selbst den Rest aus dem Glas. Dann gießt er etwas Wasser aus dem Krug in das Glas und wiederholt die gleiche Prozedur des Besprengens und Trinkens, wobei jedesmal, wenn das Glas geleert wird, die Trommeln wirbeln. Diese Libationen mit weißem Rum und Wasser werden sodann von seinem Stellvertreter, und schließlich von allen anderen Mitgliedern der Ritualgemeinschaft, die um Glück und Erfolg bitten wollen, in der gleichen Art durchgeführt.

Foto: Francois, der Sohn des verstorbenen Hohepriesters Noah Delaire, bei der Libation (Manfred Kremser © 1985)


1.4.6.3 Das Speiseopfer

Diesem Libationsopfer folgt die „erste Fütterung von Shangó mit rohen Nahrungsmitteln: Unter Begleitung von heftiger Trommelmusik und Gesang gießt der Hohepriester etwas Olivenöl in den Teller. Dann nimmt er mehrere Knollen des rohen Yams der Sorte yam potijé (portugiesischer Yams), macht mit dem Messer mehrere Kreuzzeichen hinein und schneidet sie in kleine Würfel, die er in das Olivenöl eintaucht. Anschließend wirft er einige dieser eingeweichten Yams-Stücke auf den Altar mit den Ritual-Objekten, andere wirft er in die Kalebasse. Nach wie vor kniend wirft er weitere Yams-Würfel nach allen vier Himmelsrichtungen, bevor er schließlich nochmals den Altar dreimal mit etwas weißem Rum besprengt. Sodann verstummen die Trommeln und der Gesang. Der Höhepunkt steht bevor.

Foto: Die Fütterung von Shangó mit rohem Yams der Sorte "Yam Potigé" (Manfred Kremser © 1985)


1.4.6.4 Das Blutopfer

Die Etablierung des Kontaktes mit der Welt der göttlichen Wesen, Ógùn und Shangó, sowie mit der Welt der afrikanischen Ahnen, welche als Bindeglieder zwischen den Menschen und diesen göttlichen Wesen fungieren, wird im Ritual des Kélé nach der Darbringung von Libations- und Speiseopfern endgültig durch das Blutopfer vollzogen.

Foto: Auf die Schärfung der Machete wird peinlichst geachtet (Manfred Kremser © 1985)

Der Übergang von der menschlichen Ordnung zur göttlichen Ordnung wird durch die Farbe rot, der Farbe des Blutes des Opfertieres, markiert.

Foto: Der Kopf des Schafbocks nach der Köpfung (Manfred Kremser © 1985)

Die Anerkennung des Blutes als die heilige Lebenskraft, sowohl im Menschen als auch im Tier, bildet auch im Kélé die Basis des Blutopfers. Durch dieses Opfer — also durch das Zurückgeben des heiligen Lebens, welches im Opfertier zum Vorschein kommt — leben die göttlichen Wesen und die Ahnen; folglich leben auch die Menschen und die Natur. Durch das Blutopfer wird die mächtige Potenz des Blutes in vielerlei Hinsicht nutzbar gemacht, vor allem zum Zwecke der Fruchtbarkeit und der Heilung.

Das Vergießen des Blutes ist also nicht Endzweck, sondern Voraussetzung für die Nutzbarmachung der göttlichen Kraft im menschlichen Leben.


1.4.6.4.1 Die Köpfung des Opfertieres

Der Hohepriester führt die Köpfung des Opfertieres nicht selbst durch. Er gibt lediglich die Anweisungen an seine Assistenten, die den Schafbock zunächst vom Grabstock losbinden und an die westliche Seite des Altares bringen. Laut Aussage einiger Informanten führte der Hohepriester in der Vergangenheit das Opfertier dreimal bzw. siebenmal entgegengesetzt zum Uhrzeigersinn rund um den Altar herum, ehe die Köpfung vollzogen wurde. Heute entfällt diese Praxis. Geblieben ist jedoch die ungeheure Spannung in der Atmosphäre, die sich unmittelbar vor der Köpfung aufbaut. Während einer der Assistenten des Hohepriesters ein Gewehr von den um den Alter herum angeordneten Ritualobjekten aufhebt, dieses lädt und sich für den Salut-Schuß bereitmacht, den er genau im Augenblick der Köpfung abzufeuern hat, plazieren sich die beiden Trommler an der Seite des Hohepriesters, um sich für den Trommelwirbel vorzubereiten, der der Köpfung unmittelbar zu folgen hat.

Foto: Hochspannung unmittelbar vor der Köpfung des Opfertiers (Manfred Kremser © 1985)

Wenn alle bereitstehen, wird der Schafbock von drei Assistenten vom Boden gehoben. Einer zieht an dem Seil, welches um den Hals des Opfertieres herumgebunden ist, die beiden anderen Assistenten halten je ein Hinterbein des Schafbockes, wobei sie heftig in die entgegengesetzte Richtung ziehen, so daß der Hals des Tieres straff gespannt wird. Ein weiterer Assistent — zumeist ein Fleischhauer — steht mit einer neuen zuvor bestens geschärften Machete bereit, um auf Kommando des Hohepriesters mit einem einzigen wohlgezielten Hieb die Köpfung zu vollziehen. Im selben Moment, indem die Machette den Hals des Opfertieres durchtrennt, wird der Salut-Schuß abgefeuert und die triumphierenden Zurufe der umstehenden Menschenmenge mischen sich mit dem Trommelwirbel, dem sogleich auch Gesang in afrikanischer Sprache hinzugefügt wird. Der Kopf des Schafbockes rollt zu Boden und wird im nächsten Moment vom Hohepriester ergriffen, der das herausspritzende Blut in seiner anderen Hand auffängt und zum Mund führt, um es schlürfend zu trinken. Während die übrigen aktiven Teilnehmer an der Kélé-Zeremonie das von einem Assistenten aus der Halsschlagader aufgefangene Blut des Opfertieres aus einem Glas oder einer Kalebasse trinken, besprengt der Hohepriester mit dem restlichen Blut des Tierkopfes die Shangó - Steine sowie sämtliche an den Altar gelegten Ritualobjekte und Opfergaben. Anschließend tanzt der Hohepriester barfuß auf dem zu Boden geronnenen Blut des Schafbockes.


1.4.6.4.2 Die Annahme des Opfers

Für die Annahme des Opfers durch Shangó und Ógùn ist entscheidend, daß die Köpfung des weißen Schafbockes mit einem einzigen Hieb gelingt. Ist dies nicht der Fall, so wird gesagt, daß das Opfer wegen irgendwelcher Unregelmäßigkeiten während der Kélé-Zeremonie von den Göttern bzw. den Ahnen nicht akzeptiert wurde. In diesem Fall muß von der für das Mißlingen des Opfers verantwortlichen Person in nächster Zeit ein weiterer Kélé „gegeben“ werden, ansonsten wird ihr irgendein Unheil zustoßen. Aus diesen Gründen wird allergrößte Sorgfalt bei der Köpfung des Schafbockes angewandt.

Foto: Der Augenblick der Köpfung mit einem einzigen Machetenhieb (Manfred Kremser © 1985)

Im Falle der Annahme des Opfers durch Shangó und Ógùn — wenn also die Köpfung mit einem Hieb gelingt — gelten die mit dem Blut des Opfertieres besprengten Gegenstände als gesegnet . Die positiven Folgen können zum Beispiel sein, daß der Arbeit mit den gesegneten, meist eisernen Geräten und Werkzeugen mehr Erfolg beschieden sein wird; oder auch, daß ihre Besitzer bei deren Gebrauch nicht in Arbeitsunfälle verstrickt werden. Aus demselben Grunde legt der gegenwärtige Hohepriester des Kélé, der hauptberuflich ein Chauffeur bei einer Möbelfirma ist, immer seinen Autoschlüssel an den Altar. Nach dessen Segnung durch das Blut des von Ógùn angenommenen Opfertieres wird er nach eigenen Aussagen davor geschützt, in Verkehrsunfälle verwickelt zu werden. In anderen Fällen wird berichtet, daß die am Altar zu kleinen Würfeln zerschnittenen und anschließend zum Zwecke des Aussetzens verteilten Yams-Knollen später ertragreicher sein sollen, als gewöhnliche Yams-Pflanzen.

Foto: Die Ritualobjekte und Opfergaben besprengt (=gesegnet) mit Blut (Manfred Kremser © 1985)

Der Zeitpunkt der Schlachtung des Opfertieres am Ende des ersten Teils der Kélé-Zeremonie, der „ersten Fütterung von Shangó“ mit rohen Speisen, symbolisiert den durch das Blutopfer vollzogenen Übergang im Sinne einer Wandlung zum nunmehr sakralisierten zweiten Teil der Kélé-Zeremonie, der „zweiten Fütterung von Shangó“ mit gekochten Speisen.


1.4.6.5 Die „zweite Fütterung von Shangó“

Foto: Das Zerlegen des Opfertiers (Manfred Kremser © 1985)

Der Köpfung des Opfertieres folgt eine längere Pause in der Kélé-Zeremonie, während der verschiedene Volkstänze wie zum Beispiel Solo, Kont, Bélé und Debotte aufgeführt werden. In der Zwischenzeit wird der Körper des Schafbocks entfellt und tranchiert.

Das Fleisch wird zum Kochen in die Küche gebracht, in der mehrere Djiné-Frauen beschäftigt sind, die Speisen zuzubereiten. Das Herz, die Leber und die Genitalien (inklusive Hoden) des Opfertieres werden separat gekocht und sind als Opfergaben für Shangó und Ógùn bestimmt. Der Rest des Schafbockes wird für die Mitglieder der Kultgemeinde sowie für die übrigen Anwesenden nach kreolischer Küche zubereitet, ebenso die Beilagen. Für Shangó und Ógùn jedoch werden die Beilagen nicht nach kreolischen Rezepten gekocht, sondern im Mörser nach afrikanischer Art zu Brei zerstampft — denn die afrikanischen Gottheiten und Ahnen ziehen das Essen in Breiform der kreolischen Küche vor.

Nachdem die Speisen fertig zubereitet sind, werden je ein Teller mit separat gekochtem Fleisch, Yams und Reis an den Altar gebracht. Dort werden sie in ähnlicher Form wie bei der „ersten Fütterung von Shangó “ geopfert — mit dem wesentlichen Unterschied, daß es sich nun um gekochte Speisen handelt. Bevor der Hohepriester und anschließend die übrigen Kultteilnehmer von den Speisen essen, werfen sie mehrere Bissen auf die Ritualobjekte am Altar und nach den vier Himmelsrichtungen; denn auch Eshu, der im Westen sitzt, muß gestillt werden, damit er nicht übelbringend interveniert.

Foto: Die Fütterung Shangos mit gekochten Speisen (Manfred Kremser © 1985)

Weitere Libationsopfer schließen sich dem an. Zusätzlich werfen der Hohepriester und sein Stellvertreter die nicht aufgebrauchten Speisen des Altars in die umstehende Menschenmenge und rufen mit ihrem Lied die jungen Knaben auf, mitzumachen und all das zu tun, was die Djiné schon immer gemacht hätten. Auf diese Weise soll die Tradition auch in Zukunft fortgesetzt werden.


1.4.7 Der Spruch des Kalebassen-Orakels

Das formale Ende des Kélé-Rituals wird von einem der Assistenten des Hohepriesters mit einem Tanz eingeleitet, den er mit zuerst langsamen und majestätisch anmutenden Schritten beginnt. In der rechten Hand führt er eine Machete akrobatisch durch die Luft; in seiner Linken hält er die mit „schwarzer Magie“ gefüllte Kalebasse.

  • Foto: Der Tanz mit Kalebasse (Eshu) und Machete (Ogun) (Manfred Kremser © 1985)
  • Foto: Kurz vor der Entscheidung des Kalebassenorakels (Manfred Kremser © 1985)

Während sich die Trommeln wie auch der Tanz zu fast ekstatischer Leidenschaft steigern, zerschmettert der Tänzer mit einer abrupten Bewegung die Kalebasse am Boden, indem er sich nach Westen wirft, dorthin, wo der Tod angesiedelt ist. Im Augenblick des Aufberstens der Kalebasse auf dem Boden wird ein weiterer Salut-Schuß abgefeuert, der das formale Ende der Zeremonie markiert.

Keiner der Anwesenden darf auch nur einen Tropfen des gefährlichen Inhalts der Kalebasse abbekommen, da ihm ansonsten Krankheit oder ein noch schwerwiegenderes Übel droht. Geschieht dies trotzdem, so hat er in nächster Zeit einen Kélé zu „geben“, um sich von diesen schädigenden Einflüssen zu reinigen.

Foto: Diese Lage der Kalebassenteile verkündet die Annahme des Opfers (Manfred Kremser © 1985)

Außerdem läßt sich an der Art und Weise, wie die zerbrochenen Kalebassenteile am Boden liegenbleiben, ablesen, ob das Opfer angenommen wurde oder nicht: Kommen die Teile so zu liegen, daß die Außenseite der Kalebasse am Boden aufliegt und die Innenseite frei nach oben schaut, ist dies ein gutes Zeichen; im anderen Falle, wenn ein oder mehrere Kalebassenscherben mit ihrer gekrümmten Seite nach oben liegenbleiben, so bedeutet dies, daß das Opfer wegen irgendwelcher Unregelmäßigkeiten von den afrikanischen Gottheiten Shangó und Ógùn zurückgewiesen wurde. Als Konsequenz droht bevorstehendes Unglück. Um dieses abzuwenden, müssen die dafür Verantworlichen in naher Zukunft einen Kélé „geben“.


1.4.8 Die kreative Kommunion mit den Ahnen

Wird eine Kélé -Zeremonie anläßlich des Gedenkens an einen jüngst verstorbenen Hohepriester oder ein führendes Mitglied der Djiné-Familien abgehalten, so begibt sich die Kultgemeinde im Anschluß an das Ritual, welches vom späten Morgen bis knapp vor Sonnenuntergang dauert, ans Grab des Verstorbenen, um ihm dort — in ähnlicher Weise wie es zuvor am Altar des Kélé -Ritualplatzes für die afrikanischen Götter Shangó und Ógùn geschah — die Opfergaben darzubringen.

Foto: „Feeding the ancestors“ am Familiengrab des Hohepriesters Noah Delaire (Manfred Kremser © 1985)

In diesem Falle nimmt der Hohepriester die bei der „zweiten Fütterung von Shangó für den Ahnen reservierten Speisen und Getränke vom Altar auf und gibt sie in einen speziell dafür bereitgehaltenen Holzteller. Anschließend begeben sich die Familienmitglieder sowie die gesamte Kultgemeinde im Rahmen einer feierlichen Prozession unter Begleitung von Kélé-Trommeln und -Gesängen an das zuvor gereinigte Grab des Ahnen, welches sich in den meisten Fällen im katholischen Ortsfriedhof befindet. Dieses wird zunächst am Kopfende mit einigen Büscheln des „medizinischen Farnes“ pat makak vom Altar dekoriert. Darin werden mehrere Kerzen aufgestellt und angezündet. Am Fußende des Grabes werden die Opfergaben abgestellt.

Foto: Gebete und Libationen für den verstorbenen Hohepriester (Manfred Kremser © 1985)

Sodann tritt unter den Anwesenden andächtige Stille ein. Der Hohepriester, die Trommler und die männlichen Familienmitglieder treten hintereinander an das Grab heran, adressieren stille Gebete an den Ahnen, nehmen von den gekochten Opferspeisen, werfen einige Bissen auf das Grab und essen dann selbst davon, greifen anschließend zum Rum, geben dem Ahnen durch Sprühen zu trinken und trinken dann selbst davon. Ein leiser Trommelwirbel beendet die Kommunion jedes einzelnen Nachkommen mit dem Ahnen.

Die Wirksamkeit des Ahnenkults als eines spirituellen Prinzips der Einheit manifestiert sich hier in der Kontinuität der lebenden und toten Generationen. Das Verhältnis zu den Ahnen beruht auf einem Prinzip des Austausches und der wechselseitigen Anteilnahme. Durch das Opfer für die Ahnen werden ihre Kräfte erneuert, und so können sich die Lebenden wieder unter ihren Schutz stellen.

Sobald diese Opferhandlungen abgeschlossen sind, stimmen die Trommeln wieder die afrikanischen Kélé-Gesänge an. In kollektiver Erinnerung an die verstorbenen Djiné und ihre afrikanischen Ahnen tanzt dazu die gesamte Kultgemeinde, die sich rund um das Grab versammelt hat.


1.4.9 Das Festmahl der Ritualgemeinschaft

Noch vor Sonnenuntergang kehrt die Kultgemeinde wieder an den Ort der Kélé-Zeremonie zurück. Inzwischen wurden von einigen weiblichen Djiné, die sich als Köchinnen zur Verfügung gestellt hatten und daher nicht an das Grab mitgekommen waren, die Speisen für die gesamte Kultgemeinde nach kreolischer Küche zubereitet. In der Reihenfolge der Rangordnung der Mitglieder der Kélé-Ritualgemeinschaft erhalten sie alle je einen Teller mit mehreren Fleischstücken des geopferten Schafbockes garniert mit verschiedenen Vegetabilien wie Yams, Plantanen, Brotfrucht, Reis und Salat. Dazu gibt es alkoholische wie auch nicht alkoholische Getränke.

Foto: Kreolische Speisen für die alle Teilnehmer am Kélé-Ritual (Manfred Kremser © 1983)

Traditionellerweise wurde von demjenigen Djiné, der den Kélé „gab“, streng darauf geachtet, daß alle Anwesenden vom Fleisch des Opfertieres zu essen bekamen. Der Schafbock mußte zur Gänze noch am selben Tag verspeiset werden. Nichts von den zubereiteten Speisen durfte übrigbleiben. Ebenfalls mußte sichergestellt werden, daß alle, die sich zur Kélé -Zeremonie eingefunden hatten, ausreichend mit Nahrung und Getränken versorgt wurden. Da die Kélé -Zeremonien abwechselnd jeweils bei einem anderen Djiné stattfanden, wurde langfristig das Prinzip der Gruppenreziprozität eingehalten.

Im Anschluß an das Festessen rufen die Trommeln wieder zum Tanz zu den afrikanischen Kélé-Rhythmen auf. Nur mehr von wenigen Tänzerinnen und Tänzern können die dazugehörigen Tanzbewegungen richtig ausgeführt werden. Unter dem Applaus der Umstehenden geben die Alten ihr Repertoire wieder. Die Kélé-Trommeln suggerieren mit dem Gesang jeje modi moli moje, mode aiyos („kommt Ihr jungen Menschen und tut, was wir schon immer getan haben“) die Aufforderung an die Jugend, mitzumachen. Spontan treten jüngere Tänzer hervor und versuchen — zuweilen unter dem Gelächter der Zuschauer — die Tanzbewegungen der Alten zu imitieren. Und alsbald formieren sie sich in rivalisierenden Gruppen zum Tanz-Wettbewerb.

Foto: Trommel, Tanz und Gesang zum fröhlichen Ausklang (Manfred Kremser © 1983)

Bis in die Nachtstunden hinein währt das Fest, welches nunmehr nach der Erfüllung der religiösen Verpflichtungen gegenüber den afrikanischen Göttern und Ahnen in erster Linie einem sozialen, kommunikativen und künstlerisch-expressiven Zweck innerhalb der anwesenden Djiné-Familien dient. Bevor sich die Mitglieder der Kultgemeinde nach Hause begeben, nimmt jeder seinen am Beginn der Kélé-Zeremonie an den Altar gelegten und nunmehr durch das Blut des Opfertieres gesegneten (Eisen)-Gegenstand wieder zu sich.

Lediglich die Shangó-Steine müssen noch eine ganze Woche lang unberührt am selben Ort liegen bleiben, ehe sie am darauffolgenden Sonntag nur vom Hohepriester selbst im Rahmen einer kleinen Zeremonie entfernt werden dürfen. Denn im Augenblick der Darbringung des Blutopfers wurden sie angeblich von Shangó mit solch geballter Energie geladen, daß eine vorzeitige Berührung verhängnisvolle Folgen haben könnte. Erst wenn sie wieder etwas „abgekühlt“ sind, werden sie vom Hohepriester ihren Besitzern zurückgegeben. Dann allerdings besitzen sie heilkräftige Wirkungen — sie sind nun frisch aufgeladen — und werden in weiterer Folge auch für therapeutische Zwecke eingesetzt.

In regelmäßigen Intervallen bedürfen sie aber der neuerlichen „Aufladung“ — und dies geschieht erst wieder beim nächsten Kélé.


Nächstes Kapitel: 1.5 Rastafari


↑ Nach oben


Vorheriges Kapitel: 1.4 Kélé

1.5 Rastafari

verfasst von Manfred Kremser und Veronica Futterknecht

Foto: Chikalot, ein Roots Rasta beim Trocknen von Erdnüssen (Manfred Kremser © 1985)

Der jüngste weit verbreitete religiöse Einfluß in St. Lucia ist die Rastafari Philosophie und Religion. Während es — wie bei allen Glaubenssystemen — dogmatische und andere Unterschiede unter ihren Anhängern gibt, können die Grundsätze von Rastafari wie folgt zusammengefasst werden:

Haile Selassie von Äthiopien — aus der Linie von König Salomon — ist die höchste menschliche Manifestation von Gott auf Erden.

• Die Afrikaner sind das auserwählte Volk, auf welches in der Bibel Bezug genommen wird; sie wurden in Gefangenschaft genommen und überallhin verstreut.

Der Westen ist Babylon und ist zur Zerstörung verdammt, soferne er nicht seinen Kurs ändert.

Afrika ist das spirituelle und natürliche Heimatland der Schwarzen. Deshalb ist die „Repatriation“'', also die Rückkehr in die Heimat — spirituell und schließlich auch physisch — eine Notwendigkeit.

Marihuana ist ein heiliges Kraut, gegeben zum Zwecke der Heilung der Nation ("for the healing of the Nation")''; es wird in der Meditation wie in der gemeinschaftlichen Verehrung verwendet.

Neben diesen Grundsätzen gibt es noch eine Reihe anderer Glaubenssätze, wie z.B. die Bedeutung von Marcus Garvey — ähnlich in der Position wie Johannes der Täufer — im Sinne eines Vorläufers von Haile Selassie. Aber der Interpretationsrahmen ist in vielen Fällen sehr breit. So werden viele Anhänger als Rastafari betrachtet, ohne notwendigerweise zu glauben, daß z.B. die Königin von England „die Hure von Babylon“ ist, von der im Buch der Offenbarung die Rede ist. Selbst die „Dreadlocks“-Haartracht (Löwen-Mähne, König von Juda), das am deutlichsten zur Schau getragene Symbol, welches mit Rastafari assoziiert wird, wird nicht notwendigerweise als eine absolute Notwendigkeit für jemand betrachtet, der ein überzeugter Rastafari ist.

Die Präsenz von Rastafari geht in St. Lucia auf die frühen 1970er Jahre zurück. Die Bewegung hat sich sowohl im urbanen als auch im ländlichen Bereich der Insel sehr rasch ausgebreitet. Ihre Anhänger waren vor allem junge Leute, besonders junge Männer, welche die Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten der St. Lucianischen Gesellschaft in allen Bereichen — Wirtschaft, Politik, Erziehung, Rechtssystem — in Frage stellten und dagegen protestierten. Sie wiesen auf die Klassen- und Rassenvorurteile in der St. Lucianischen Gesellschaft hin und forderten diese in der Tat heraus, ihren erklärten christlichen Prinzipien gerecht zu werden.

Aus diesen Gründen, wie auch wegen ihrer kompromißlosen Einstellung was den Gebrauch von Marihuana betrifft (der nach der Rechtslage St. Lucias illegal ist), kamen Rastafari permanent in Konflikt mit dem Gesetz. Zusätzlich gab es die unvermeidlichen Probleme aufgrund unseriöser Personen, die die Bewegung für ihre eigenen Zwecke mißbrauchten und damit Rastafari als Ganzes in Verruf brachten. Selbst der Ausdruck „Dread“, dem im Bewusstsein der Rastafari philosophische und moralische Bedeutung zukommt, wurde auf diese Weise mit kriminellem Verhalten assoziiert.

Die Bewegung erhielt die größte Aufmerksamheit in der Mitte der 1970er Jahre, als von vielen Leuten grundlegende Fragen über die Natur und die weitere Entwicklung von Gesellschaften weltweit gestellt wurden. Die zunächst kompromisslose Moral der Rastas trug dazu bei, die Aufmerksamkeit auf die Heucheleien und die Ungerechtigkeiten der St. Lucianischen Gesellschaft zu richten.

Der Rastafari-Einfluß machte sich auch in einem breiter angelegten Bewusstsein eines natürlichen Lebensstils bemerkbar, der mehr im Einklang mit der Umwelt steht; ebenso in einer Betonung, die eigenen Resourcen zu nutzen; wie auch darin, daß ein besonderer Wert auf Kreativität gelegt wurde, besonders was das Handwerk betrifft. Ihr Einfluß trug dazu bei, eine allgemeine Neubewertung der Traditionen des ländlichen St. Lucia zu stimulieren und zu unterstützen. So wurde z.B. die Tradition der kooperativen Arbeit („koudmen“) vor allem unter der Jugend wieder sehr verbreitet, die sie ansonsten vielleicht nicht kennengelernt hätte.

Foto: Mitglieder der Zimbabwe Roots Farm bei der kooperativen Arbeit "koudmen" (Manfred Kremser © 1985)

In den 1980er Jahren verlor die Bewegung wieder einige ihrer Anhänger und auch etwas von ihrer starken öffentlichen Präsenz. Das war teilweise auf eine größere Akzeptanz der Tatsache zurückzuführen, daß weder Rastafari noch die Gesellschaft über Nacht verschwinden werden; teilweise aber auch auf die Tatsache, daß sich einige Rastas in Bereiche der Gesellschaft integriert hatten, ohne ihre Glaubensüberzeugungen aufzugeben. Auf diese Weise demonstrierten sie, daß eine friedliche Koexistenz möglich ist.

Heute liegt die Betonung weniger auf offener Konfrontation, sondern vielmehr auf internen Organisationsformen, die sicherstellen sollen, daß ihren Kindern eine Zukunft ermöglicht wird, in der sie an ihren Glaubenshaltungen festhalten und dennoch innnerhalb der Gesellschaft leben können.

Es bleibt abzuwarten, wie sich auf lange Sicht gesehen die breitere Gesellschaft St. Lucia’s und Rastafari einander anpassen werden; aber in den 40 Jahren ihrer Präsenz in St. Lucia hatte die Rastafari-Bewegung einen ungeheuren Einfluß auf die Meinung aller Menschen, die mit ihr in Berührung gekommen sind — sei es Freund oder Feind.


Nächstes Kapitel: 1.6 Traditionelle Medizin


↑ Nach oben


Vorheriges Kapitel: 1.5 Rastafari

1.6 Traditionelle Medizin

verfasst von Manfred Kremser und Veronica Futterknecht

In den Kommunitäten überall in St. Lucia gibt es zahlreiche traditionelle Heiler, auf die mit verschiedenen Namen Bezug genommen wird:

• "bushdoctor" bzw. "African bushdoctor", '

"doktè wazyé", '

"obeahman" oder

• "gadè". '

Foto: Der "African bushdoctor" Norris Lionell mit Buschmedizin (Manfred Kremser © 1982)

Diese Männer oder Frauen betätigen sich im Wahrsagen, Heilen, Beraten und in der Behandlung vieler Krankheiten, die das menschliche Gemüt, den Körper und den Geist beeinflussen. Sie erhalten ihre Ausbildung nicht von irgendeiner formalen Erziehungsinstitution. Vielmehr repräsentieren sie die Fortsetzung eines alten Erbes von Wissen, Weisheit und Fertigkeiten über das menschliche Leben und die Umwelt, welches mündlich von Generation zu Generation weitergegeben wurde.

Innerhalb dieses allgemeinen Bereiches der traditionellen Medizin können wir die Arbeit der traditionellen Hebamme nicht hoch genug einschätzen. Sie wird in den Kommunitäten als „''fanm chay'' oder „''chas fanm'' bezeichnet. Diese lokalen Hebammen haben seit Generationen Babies zur Welt gebracht und postnatale Behandlung für Mütter und ihre Babies bereitgestellt. Bedingt durch die Ausdehnung der schulmedizinischen Versorgung auf entlegene Gebiete und den leichteren Zugang zu den Spitälern werden heute die Dienste der traditionellen Hebamme oder „chas fanm“ nicht mehr so viel beansprucht wie früher. Dennoch sind noch viele von ihnen in den Dörfern tätig und stellen vor allem in Notfällen ihre wertvollen Dienste zur Verfügung.

Der gute Buschdoktor besitzt in der Regel ein breites Wissens über pflanzliche Heilmittel, Basisversorgung und pharmazeutische Medizinen. Er oder sie können konsultiert werden, um Buschmedizin "wimèd wazyé" für verschiedene gesundheitliche Beschwerden zu verabreichen, wie zum Beispiel Erkältungen, Gelenksschmerzen, Magenverstimmungen, etc., oder auch einen Trank zu mischen, der das System von Unreinheiten reinigt und abführend bzw. ausscheidend wirkt. Klienten, die mit der Wirksamkeit von Medikamenten, die von einem konzessionierten Arzt verschrieben wurden, nicht zufrieden sind, mögen zuweilen auch den Buschdoktor für zusätzliche medizinische Behandlungen aufsuchen.

Es gibt eine sehr weit verbreitete Meinung in St. Lucia, dass westlich ausgebildete Ärtze nicht alles wissen, was mit Krankheiten zusammenhängt, und dass einige Krankheiten tatsächlich jenseits ihres Verstehensbereiches liegen. Daher bleibt die Popularität des Buschdoktors bei Leuten aus allen gesellschaftlichen Schichten erhalten, trotzdem sich die schulmedizinische Versorgung bis in entlegene Teile der Insel ausbreitet. Die Heilmittel des Buschdoktors werden auch in Bereichen jenseits des rein Medizinischen für wirkungsvoll gehalten. So zum Beispiel mag er/sie in der Lage sein, Schutz gegen das Böse zur Verfügung zu stellen, menschliche Angelegenheiten zu beeinflussen wie z.B. den Erfolg in der Liebe sicherzustellen oder auf den Geliebten einzuwirken. Auch vermag er/sie, eine Unglückssträhne umzukehren, oder einfach in verschiedenen Schwierigkeiten Rat anzubieten.

Foto: Medizinische Farne am Kélé-Altar zwischen den Shangó-Steinen (Manfred Kremser © 1985)

Buschdoktoren hatten sehr viel unter sozialen wie anderen Vorurteilen der Gesellschaft zu leiden und wurden in ihrer Aktivität eingeschränkt. Die seit der Sklaverei und dem Kolonialismus vererbten Vorurteile gegen die indigene Kultur afrikanischer Menschen wurde in vielen negativen offiziellen Einstellungen der Kirche und des Staates gegenüber der Arbeit des Buschdoktors zum Ausdruck gebracht. Sie wurde geächtet und als anti-religiös gebrandmarkt, als das Werk des Bösen, als Hexerei und Zauberei. Selbst die etablierten Ärzte versuchten tatkräftig die Buschdoktoren zu diskreditieren, wahrscheinlich weil sie in ihnen eine unwillkommene Konkurrenz erblickten. Dennoch haben Untersuchungen gezeigt, dass der Einfluss des Buschdoktors sehr tief in der Gesellschaft verankert ist, dass sogar diejenigen Leute, deren Stimmen in der Öffentlichkeit so negativ sind, unter privaten Umständen den Buschdoktor selbst konsultieren.

Die Buschdoktoren in St. Lucia sind alles andere als anti-religiös. Tatsächlich sind sie gewöhnlich sehr eifrig praktizierende Christen, für die Gott und ihr christlicher Glaube eine zentrale Rolle in ihrer Arbeit spielt. Viele unter ihnen akzeptieren keinerlei Bezahlung für ihre Arbeit von ihren Klienten, da sie ihre Arbeit nicht wirklich als die ihrige, sondern als die von Gott oder einer Gottheit selbst betrachten. Ihre Talente und Fertigkeiten wurden ihnen von Gott verliehen, um seine Arbeit fortzusetzen. Folglich sind Gebete und Rituale gewöhnlich sehr zentrale Aspekte ihrer Arbeit. Ein anderes wichtiges Element ist ihr Glaube. Diejenige Person, die Behandlung oder Beistand sucht, muss an den Heiler und seine Arbeit glauben, andernfalls würde alles viel schwieriger sein, und eine erfolgreiche Behandlung seitens dieses Heilers wäre beinahe unmöglich. Traditionelle Medizin und die Heiler, die damit arbeiten, sind ein sehr wichtiges Betätigungsfeld in den Kommunitäten St. Lucias. Fast jeder einzelne St. Lucianer hat daraus bereits Nutzen gezogen.


Nächstes Kapitel: 1.7 Landwirtschaftliche Arbeit und Mondmythen


↑ Nach oben


Vorheriges Kapitel: 1.6 Traditionelle Medizin

1.7 Landwirtschaftliche Arbeit und Mondmythen

verfasst von Manfred Kremser und Veronica Futterknecht

Die landwirtschaftlichen Tätigkeiten des ländlichen Volkes sind heute noch von vielen Mythen und populären Glaubenskonzepten gekennzeichnet, die diese Praktiken beeinflussen. Dabei könne drei Hauptkategorien solcher Glaubensvorstellungen identifiziert werden:

Foto: Organischer Landbau als Projekt der Zimbabwe Roots Farm (Manfred Kremser © 1985)

• Diejenigen, bei denen der Mond eine Rolle spielt. Dabei scheinen die Mondphasen sehr wichtig zu sein, um Entscheidungen bezüglich des Auspflanzens und der allgemeinen Handhabung von Pflanzen und Tieren zu machen. Die Größe des Mondes, seine Position, und selbst seine Bewegung können entscheidende Faktoren in der landwirtschaftlichen Arbeit sein. Der Umstand, daß die Dinge während der richtigen Mondphase gemacht werden, mag die Größe des Ernteertrages des Farmers bestimmen, das Ausmaß des Erfolges bei der Unkrautbekämpfung, die Größe der Bäume und selbst das Geschlecht eines Baumes oder eines Tieres.

• Glaubensvorstellungen, die mit bösen Geistern assoziiert werden. In den ländlichen Bereichen St. Lucias existieren noch viele abergläubische Vorstellungen, die landwirtschaftlichen Praktiken beeinflussen können. Die Leute glauben an die Existenz des Bösen und an die Fähigkeit bestimmter Menschen, es zu bändigen und für destruktive Zwecke gegen Andere einzusetzen. Daher enthält die Arbeit der Farmer Maßnahmen, die auf den Schutz vor dem Bösen abzielen, oder auch darauf, die Wirkungen des wahrgenommenen Bösen zu heilen. Viele von ihnen mögen unter den Instruktionen eines "gadè" oder Buschdoktors handeln und bestimmte Gegenstände an spezifischen Stellen im Garten anbringen, oder ein bestimmtes Ritual als Teil der Arbeit durchführen. Es gibt sogar verschiedenartige Pflanzen, die — wenn man sie entsprechend dem Volksglauben an strategischen Stellen im Garten pflanzt — böse Geister fernhalten können. Tatsächlich glauben die Menschen auch an die Existenz von guten Geistern, die zum Schutz und für Glück nutzbar gemacht werden können.

• Es gibt auch allgemeine Mythen, die in keine der obigen Kategorien fallen. So glauben Farmer, daß bestimmte seltsame Verhaltensweisen die Produktion beeinflussen können. So z.B. kann ein bestimmtes Zurückschneiden eines männlichen Obstbaums ihn zum Tragen veranlassen, das Fingerzeigen auf eine Kürbisblüte kann diese abfallen lassen, und das Anbrennen von Baumstämmen kann die Produktion erneuern. Es gibt Dutzende solcher bislang wissenschaftlich unbestätigter Theorien in ganz St. Lucia, an die die Farmer glauben und die sie bei ihren täglichen landwirtschaftlichen Arbeiten befolgen, trotz der häufig vorgebrachten Skepsis junger Landwirte, die vom formalen Erziehungssystem her kommen.

Foto: Organischer Landbau wird von Rastafari bevorzugt (Manfred Kremser © 1986)

Die moderne Erforschung traditioneller Mythen, die in der landwirtschaftlichen Arbeit im Überfluß vorhanden sind, wächst ständig. Tatsächlich wird durch diese Forschungen mehr und mehr die wissenschaftliche Basis für viele dieser Glaubensvorstellungen enthüllt. Trotz der Tatsache, daß viele von ihnen unbewiesen und durch keinerlei Indizien erhärtet sind, herrscht heute dennoch die öffentliche Meinung vor, daß die moderne landwirtschaftliche Planung diese tief verwurzelten kulturellen Überzeugungen von St. Lucianischen Farmern nicht ignorieren darf, da in ihnen Generationen von wissenschaftlich fundiertem Wissen über die Umwelt begründet liegen mögen.


↵ Zurück zur Übersicht


↑ Nach oben


Vorheriges Kapitel: 1.7 Landwirtschaftliche Arbeit und Mondmythen

2 Ethnische Religionen

verfasst von Manfred Kremser und Veronica Futterknecht

Inhaltsverzeichnis

Weitere Kapitel dieser Lernunterlage

1 Ethnographisches Fallbeispiel - Das Spektrum religiöser Kultur in St. Lucia / Karibik
3 Weltreligionen
4 Neue religöse Bewegungen
5 Transformationen in afrikanischen Religionen


Nächstes Kapitel: 2.1 Bön in Tibet


↑ Nach oben


Vorheriges Kapitel: 2 Ethnische Religionen

2.1 Bön in Tibet

verfasst von Manfred Kremser und Veronica Futterknecht

Im Folgenden soll die prä-buddhistische[1] Religion des Bön in Tibet in seinen unterschiedlichen Aspekten beleuchtet werden.

Bön war die vorherrschende Religion Tibets als im 8. Jahrhundert der Buddhismus ins Land gelangte. Bön war und ist geprägt von starken schamanischen und animistischen Elementen, hat jedoch im Laufe der Jahrhunderte eine Vermischung mit buddhistischen Glaubensinhalten erfahren.

Seit 1977 ist die Bön-Religion als fünfte Weisheitsschule, neben den vier Schulen des tibetischen Buddhismus[2], offiziell vom Dalai Lama anerkannt.

Verweise:
[1] Siehe Kapitel 3.2
[2] Siehe Kapitel 3.2.3

Inhalt

2.1.1 Das Studium des Bön in der KSA

Der Artikel “The Study of Bon in the West: Past, Present and Future” des norwegsichen Anthropologen Per Kvaerne, die Einleitung zu dem Buch “New Horizons in Bon Studies“ (2000: S. 7ff), befaßt sich mit den verschiedenen Forschern und Wissenschaftern sowie deren Arbeit und Erkenntnissen, die maßgeblich an der Erforschung des Bön in Tibet beteiligt waren und sind.

Die Hauptfragen, die man sich hier stellte, lauten:

Was ist die Verbindung zwischen dem frühen, prä-buddhistischen Bön und den gegenwärtigen, organisierten religiösen Schulen des Bön?

Was ist die Beziehung zwischen Bön und Buddhismus?

Des Weiteren muß David L. Snellgrove erwähnt werden, der als einer der ersten westlichen Wissenschafter ausgedehnte Forschungsreisen in die Himalayaregionen unternommen hat und immer wieder mit Bön-Gemeinschaften zusammentraf. Er entdeckte, daß die Bönpos eine umfangreiche und unerforschte Literatur besaßen. 1960 traf Snellgrove einige gelehrte Bönpo- Mönche aus Tibet und er begann mit ihnen zusammen zu arbeiten. Das erste und sichtbarste Resultat dieser Zusammenarbeit war die Publikation „The Nine Ways of Bon“ (1967), welche zum ersten Mal eine systematische Präsentation der Lehren des Bön für den Westen zur Verfügung stellte. Es war dies die Zusammenarbeit mit dem Bön-Gelehrten und Abt des Klosters Menri in Dolanji, Nordindien, Löpon Tenzin Namdak. Die Hauptaussage deren gemeinsamer Theorien war die Feststellung, daß der post- 11. Jhd.- Bön keine unheimliche Perversion des Buddhismus darstellt, sondern eher eine eklektische Tradition ist, die gerade ihre buddhistischen Elemente betont statt sie zu negieren. Nichtsdestotrotz betonte Snellgrove immer wieder, daß der wirkliche Hintergrund des Bön in der buddhistischen Mahayana Tradition Nordindiens vermutet werden muß. Grundsätzlich hat Snellgrove den Bön als eine Form des Mahayana Buddhismus betrachtet.

Geoffrey Samuel ist Professor für Anthropologie der Universität Newcastle, Australien, und seine Hauptforschungsgebiete sind die Religionen Tibets. Er hat ein Modell für die frühe historische Entwicklung der Tibetischen Religion vorgeschlagen. Die erste Etappe (vor dem 7.Jhd.) ist gekennzeichnet von der ursprünglichen schamanischen Religion der Tibeter, zuerst in ihrer lockeren, staatenlosen Form und später in einer Proto-Staaten Prägung. Diese wird gefolgt von einer Periode der „Hofreligion“; Bönpo-Priester waren hier sowohl von der schamanischen Religion wie auch der frühen Religion Zhang Zhungs beeinflusst.


2.1.1.1 Entwicklung des Bön nach Hoffmann

Helmut Hoffmann, deutscher Indologe und Tibetologe, war der erste, der sich selbst die Aufgabe setzte, die Thematik des Bön in einem umfassenden Werk zu bearbeiten: „Quellen zu Geschichte der tibetischen Bön-Religion, 1950“.

Seine Arbeit ist eindrucksvoll und fundamental. Hoffmann behauptete, daß die ursprüngliche Bön-Religion charakterisiert war von einer totalen Abhängigkeit der Tibeter von ihrem natürlichen Umfeld. Um mit dieser Angst und Ehrfurcht, die die Natur und ihre Erscheinungen in ihrem Bewußtsein hervorgerufen hatte, umgehen zu können, verehrten die Tibeter Naturgeister und bedienten sich der Magie und Divination. Ihre komplett Natur-verwurzelten und Natur-dominierten religiösen Ideen drehten sich um die Mächte und Kräfte des unwirtlichen Hochlandes und begründeten so den Glauben an zahllose Götter, Geister und Dämonen. Hoffmann bediente sich in diesem Zusammenhang zweier Termini: Animismus und Schamanismus. Er ging davon aus, daß die ursprüngliche Bön-Religion die nationale tibetische Ausformung einer alten animistisch-schamanischen Religion war, die anfänglich nicht nur in Sibirien, sondern auch in Innerasien, Ost- und Westturkistan, der Mongolei, Mandschurei und in China vorherrschend war.

Der zweite wichtige Punkt in Hoffmanns Theorie war eine konkrete chronologische Abfolge der Entwicklung des Bön: Gemäß Hoffmann kann die Geschichte des Bön in drei Perioden gegliedert werden:

1.) Die prä-buddhistische Periode, die von einer animistisch-schamanischen Kultur und Auffassungsweise geprägt war.

2.) Diese Zeit war gekennzeichnet von dem Entstehen einer organisierten Priesterschaft und einer konkreten Doktrin, unter dem Einfluss von West-Tibet. So spielten die Einflüsse von Shivaismus, Gnostizismus und buddhistischem Tantra hier eine Rolle.

3.) Diese Etappe ereignete sich nach dem Triumph des Buddhismus. Anhänger des Bön waren nun gezwungen sich in entlegenere Gebiete Tibets zurückzuziehen und haben, um das Überleben ihrer Religion zu sichern, essentielle Elemente des Buddhismus kopiert.


2.1.1.2 Einteilung nach Kvaerne

Per Kvaerne schlägt in diesem Zusammenhang eine leicht unterschiedliche Einteilung vor:

1.) Die autochthone, prä-buddhistische Religion, die mit Samuels ursprünglich schamanischer Religion korrespondiert.

2.) Ein organisierter Kult, der möglicherweise die Person des Königs im Fokus hatte, beeinflusst von benachbarten Religionen wie Indien oder Iran und der sich sowohl in Tibet wie auch im Reich Zhang Zhung etablierte.

3.) Eine gegenwärtige Volksreligion oder „Religion ohne Namen“, die oftmals in der westlichen Literatur als Bön bezeichnet wurde.

4.) Die post-11. Jhd. organisierte, monastische Bön-Religion, die sich Yungdrung-Bön, unveränderlicher Bön, nennt. Diese Strömung stellte den Hauptforschungsschwerpunkt der letzten 50 Jahre dar.

Per Kvaerne plädiert in jedem Fall dafür, den Bön, trotz all seiner Gemeinsamkeiten mit dem Buddhismus, als eine eigenständige, separate Religion zu betrachten. Die gegenwärtige Mystifizierung des Bön betrachtet Kvaerne sehr kritisch und erwähnt hier die westlichen Projektionen in Bezug auf Tibet und seine Religionen. Nachdem sich die Begegnungen zwischen dem Westen und Tibet vervielfachen, wächst auch die Gefahr der Missinterpretationen. Bön ist ein Gebrauchsartikel im globalen Supermarkt der Religionen geworden, ein Objekt der New Age ökonomischen und ideologischen Ausbeutung. Es bleibt, diese kritischen Gedanken während des Studiums des Bön zu reflektieren.

Per Kvaerne plädiert in jedem Fall dafür drei Bedeutungen des Begriffs „Bön“ abzustecken und zu definieren um ein Studium und ein vergleichendes Arbeiten zu ermöglichen. Als Professor für Geschichte und Tibetologie der Universität Oslo gilt er als herausragend auf dem Gebiet der systematischen, wissenschaftlichen Erforschung Tibets und seiner religiösen und kulturellen Vielfalt. Seine Publikationen umfassen: An Anthology of Buddhist Tantric Songs: A Study of the Caryāgīti. Tibet: Bon Religion. A Death Ritual of the Tibetan Bonpos. The Bon Religion of Tibet: Iconography of a Living Faith.


2.1.1.3 Die drei Bedeutungen des Begriffs Bön

Die drei Bedeutungen des Begriffs Bön nach Per Kvaerne sind:

1.)

Bön bezeichnet die prä-buddhistische Religion Tibets, die schrittweise vom Buddhismus im 8. und 9. Jahrhundert verdrängt wurde. Diese Religion, die nur unperfekt auf der Basis alter Dokumente rekonstruiert werden konnte, scheint die Person des Königs, der als heiliges Wesen mit übernatürlichen Fähigkeiten erachtet wurde, ins Zentrum zu rücken. Ausführliche Rituale wurden von professionellen Priestern, genannt Bönpos, ausgeführt. Es ist möglich, daß hier die religiöse Doktrin und Praxis Bön genannt wurde. In jedem Fall war dieses religiöse System essentiell verschieden vom Buddhismus.

Die Rituale, die die Bönpo-Priester ausführten, waren vor allem darauf ausgerichtet, die Seele einer toten Person sicher in ein glückseliges Land zu befördern. Hier wurden Tieropfer angewandt, ein Yak, Pferd oder Schaf wurde stellvertretend geopfert. Diese Zeremonien hatten zweierlei Sinn: einerseits sollten sie das Glück der Verstorbenen im Land der Toten garantieren, andererseits sollte ihr nützlicher und wohlwollender Einfluß und das Wohlergehen und die Fruchtbarkeit der Lebenden gesichert werden.

2.)

Bön kann sich darüber hinaus auch auf eine Religion Tibets beziehen, die im 10. und 11. Jahrhundert in Tibet in Erscheinung trat, zur selben Zeit als sich gerade der aus Indien kommende Buddhismus im Erstarken befand. Diese Religion, die in einer ungebrochenen Tradition bis zum heutigen Tag fortbesteht, hat viele offensichtliche Gemeinsamkeiten mit dem Buddhismus, im Besonderen was Doktrin und Praxis betrifft, und zwar soviel, daß ihr Status als unabhängige, individuelle Religion zu bezweifeln wäre. Manche Forscher behaupten, Bön könnte als eine unorthodoxe Form des Buddhismus bezeichnet werden. Tibetische Buddhisten betrachten den Bön in jedem Fall als eine eingeständige Religion. Oftmals wurde die Tatsache, daß die Anhänger dieser Religion, die Bönpos, davon überzeugt sind, daß ihr Glauben älter als der Buddhismus ist, von westlichen Wissenschaftlern ignoriert oder geleugnet.

3.)

Der Begriff Bön wird weiters dazu verwendet, ein weites und umfangreiches Feld des „Volksglaubens“ zu bezeichnen, das von Divination (Prophezeiung) über den Kult der Lokal-Gottheiten bis hin zu Konzeptionen über die Seele reicht. Die tibetische Verwendung bezieht sich bei solchen Praktiken im Allgemeinen nicht auf den Begriff Bön, und nachdem sie weder einen essentiellen Teil des Buddhismus noch des Bön (wie in 2.)) darstellen, wäre der Begriff „nameless religion“ von V.R. Stein hier angebracht.


2.1.2 Entwicklung des Bön nach Christoph Baumer

- Urtümlicher oder Ursprünglicher Bön (Dö-Bön)

Dieser so benannte Bön dauerte hinein bis ins 1. Jahrhundert n. Chr. und bezeichnet eine namenlose Volksreligion, die sich mittels Zaubersprüchen und Opferritualen um die Besänftigung meist feindseliger Geister und Dämonen bemüht. Da die archaischen Gottheiten und Rituale lokaler Art waren, gab es keine einheitliche Lehre. Diese Epoche läßt sich deshalb auch als Lha-Bön, Bön der Gottheiten, bezeichnen.

- Irrender Bön (Kyar-Bön)

Die zweite Phase dauert bis zum 9. Jahrhundert n. Chr. Vermutlich wurden zu dieser Zeit die ersten Anstrengungen unternommen, die vielen verschiedenen lokalen Zeremonien zu vereinheitlichen und eine entsprechende Religionslehre zu entwickeln. Da es noch keine angemessenen Bestattungsrituale für die Könige gab, wurden Bönpo aus westlichen Nachbarländern eingeladen um neue Totenrituale einzuführen. Diese Epoche wird auch Dur- Bön, Bön der Gräber, genannt.

- Angepaßter oder Systematischer Bön (Gyur-Bön)

Diese Epoche beginnt im 11. Jahrhundert und ist durch vollständige Systematisierung des Bön zu einer einheitlichen Heilslehre geprägt. Obwohl diese letzte Entwicklung zur Assimilierung vieler buddhistischer Glaubensvorstellungen geführt hat, hat der Bön auf seinen Anspruch, die erste Religion Tibets zu sein, nie verzichtet.

Literatur:

Baumer, Christoph: Bön-Die lebendige Ur-Religion Tibets. Graz 1999.


2.1.3 Einteilung des Bön nach Tenzin Namdak

Tenzin Nadmak, der als der führende Theologe der Bönpo gilt, teilt die Geschichte des Bön folgendermaßen ein:

- Primitiver Bön

Er wies als Naturreligion viele Ähnlichkeiten mit dem Schamanismus der zentralasiatischen Völker auf. (Siehe ursprünglicher Bön)

- Alter oder Ewiger Bön (Yungdrung Bön)

Vom erleuchteten Meister Tönpa Shenrab gegründet, hat der ewige Bön gewisse schamanische Vorstellungen aus dem primitiven Bön übernommen. Nach einer Phase des Niedergangs im 8. Jhd. erfährt er eine Wiederbelebung im 9.Jhd. und gelangte so in Zentral-und Osttibet im 11.Jhd. zu neuer Blüte.

- Neuer Bön

Verbreitete sich im 19. Jahrhundert von den östlichen Provinzen Kham und Amdo ausgehend und übernahm viele Elemente der buddhistischen Schule der Nyingmapa[1].


Obwohl sich die Bönpo bis heute in Anhänger des Alten oder Neuen Bön aufteilen, bleiben die beiden Gruppen eng miteinander verbunden.

Verweise:
[1] Siehe Kapitel 3.2.3.1


2.1.4 Vorstellungen des Kosmos im Bön: "Die drei kosmischen Welten"

Basis der Vorstellungen des Kosmos bildet die Annahme,

daß Götter und Geister die bedrohlichen Naturkräfte lenken, und sich durch Opfer besänftigen und günstig stimmen lassen .

Es gibt keine einzelne, übermächtige Gottheit, die den Kosmos lenkt, vielmehr besteht dieser aus einem dynamischen Gleichgewicht göttlicher und dämonischer Kräfte, die sich gegenseitig beeinflussen. Zu diesen Einflußfaktoren gehört auch der Mensch, der die Welt zeitlich gesehen nach den Geistern und Göttern betreten hat und sich ihnen deshalb anpassen muß. Hat er einmal eine solche übersinnliche Kraft aktiviert – beispielsweise durch das Übertreten eines Tabus – gerät die bisherige Harmonie aus dem Gleichgewicht. Der betreffende Mensch wird krank. Erst die Besänftigung der erzürnten Macht kann den vorangegangenen Zustand wieder herstellen bzw. den Kranken genesen lassen.

Gemäß dieser holistischen Weltanschauung ist der Mensch stets auf das engste mit der ihn umgebenden Umwelt verbunden. Deshalb besteht die Aufgabe des Bönpo- Priesters darin, zwischen den unsichtbaren Mächten und den Menschen zu vermitteln, damit das ursprüngliche Gleichgewicht wieder hergestellt wird.

So entstand eine unübersehbare Anzahl an lokalen Göttern und Geistern, denen allen ihr menschlicher Charakter gemeinsam ist: sie können wohlwollend oder bösartig sein, sind häufig launisch und leicht beleidigt, worauf sie die Menschen rasch mit einem Unglück oder einer Krankheit bestrafen.

Das Universum der Götter und Geister des Bön läßt sich in drei Sphären gliedern:

Lhayül, Miyül, Ogyül, entsprechend der himmlischen, der mittleren und der unteren Welt.

Das Zentrum bildet der heilige Berg Kailash, die Spitze des Kailash ragt wie eine kosmische Zeltstange durch ein Loch in die neun himmlischen Zonen hinauf und verbindet so Himmel und Erde. Durch die Öffnung dringt das ewige Licht, das Sonne, Mond und Sterne sowie die Erde erleuchtet. Zwischen dem Himmelszelt und der lotusförmigen Erde befindet sich die Mittelwelt, zu der auch unser Luftraum gehört. Die Bönpo nennen den Kailash Yungdrung Gutse, was soviel wie „neun übereinandergestapelte Swastiken“ bedeutet. Unter der Erde breitet sich die ebenfalls neun-stufige Unterwelt aus.


2.1.4.1 Die obere Welt Lhayül

Die himmlische Welt Lhayül

Lhayül ist die Heimat der weißen, friedfertigen Lha-Gottheiten. Grundsätzlich den Menschen gegenüber positiv eingestellt, können sie, bei Mißachtung von Geboten oder einem fehlerhaft ausgeführten Ritual, dennoch bestrafen. (Der Name Lhasa (Götter-Ort) leitet sich von hier ab.)

Neben den Lha werden aber auch die Gestirne, Sonne, Mond und Sterne, verehrt. Sonne und Mond gelten noch heute als Glückszeichen und werden in den Dörfern sowohl von Bönpo als auch von Buddhisten oft auf die Haustüre gemalt.

Grundsätzlich wird zwischen friedfertigen und zornvollen Gottheiten unterschieden. Darüber hinaus wird im Bön die weitere Unterteilung getroffen zwischen erleuchteten Gottheiten, die den karmischen Kreislauf und Geburt und Tod verlassen haben und Gottheiten, die von dieser Welt sind, den Gesetzen von Karma unterliegen und noch keine vollständige Erleuchtung erlangt haben.


2.1.4.1.1 Die friedfertigen Gottheiten

Die Gruppe der „Vier Grossen Seligen“, „the Four Transcendent Lords“, (P. Kvaerne) umfaßt die wichtigsten und beliebtesten friedfertigen Götter und besteht aus einer weiblichen und drei männlichen Gottheiten. Diese göttliche Tetrade ist ewig, manifestiert sich aber in jedem kosmischen Weltzyklus unter einem anderen Namen. Es sind dies die Mutter aller Wesen Satrig Ersang, der Gott der Weisheit Shenlha Wökar, der Weltgott Sangpo Bumtri sowie der Lehrmeister Tönpa Shenrab.

Satrig Ersang steht an der Spitze, ihr Name bedeutet etwa „erleuchtete Weisheit“, ihre beliebteste Erscheinungsform ist die der Chamma, der „liebenden Mutter“. Sartig Ersang wird gerne mit dem buddhistischen Bodhisattva Prajnaparamita verglichen, eine weibliche Gottheit der Weisheit und des Mitgefühls, doch haben wir es hier mit einem eigenständigen Konzept des Bön zu tun. Ihr essentieller Charakter ist die Weisheit, ihre Farbe ist Gelb, ihr Thron von Löwen umgeben, sie ist dem Osten zugeordnet.

Shenlha Wökar ist der erste Gott der männlichen Triade; er herrscht über den Norden. Sein Name läßt sich als „Priester-Gott des weißen Lichts“ übersetzen. Er gilt als Gott der Weisheit, als das ruhende göttliche Prinzip. Per Kvarene bezeichnet ihn als „unconditional being“ oder „supreme being“, als „body of Bon“ und zieht eine Verbindung zu Buddha Amithaba. Seine Farbe ist weiß, sein Thron wird von zwei Elephanten getragen.

Sangpo Bumtri ist der zweite Gott der Triade, ihm wird große Verehrung zuteil, er gilt als der Lenker des aktuellen Weltzeitalters. Per Kvaerne zieht hier eine Verbindung zum Hindu-Gott Brahma, doch besteht kein Zweifel, daß Sangpo Bumtri eine authentische tibetische Gottheit ist. Er tritt als Schöpfer des Universums, als Weltgott, auf. Sein Name reflektiert seine Bedeutung: sangs meint soviel wie „erleuchtet“, bum hunderttausend. Er ist also der erleuchtete Herr der unzähligen Lebewesen. Zwei kleine Khyung- Vögel stützen seinen Thron, er ist dem Westen zugeordnet.

Tönpa Shenrab wird als die dritte männliche Gottheit verehrt. Er ist der vergöttlichte Lehrer in unserem Zeitalter, wird oftmals mit Buddha Shakyamuni verglichen, doch die linksdrehende Swastika auf seiner Brust macht eine Verwechslung unmöglich. Geboren wurde Shenrab im Jahre 16016 v. Chr. im unvergänglichen Reich Olmolungring, welches als Zentrum der Zivilisation gilt und vom Berg Yungdrung Gutse beherrscht wird. Dieses Land soll ein Teil von Tazig (Persien) gewesen sein (vgl. M.A. Nicolazzi: Mönche, Geister und Schamanen, 1995). Die Beschreibung dieses Landes paßt aber auch um das Gebiet um den heiligen Berg Tise (Kailash), das einst den zentralen Teil des Landes Zhang Zhung bildete. Tönpa Shenrab ist die Himmelsrichtung des Südens zugeordnet. Die heiligen Lehren empfing er vom Weisheitsgott Shenlha Wökar. Shenrab war in seinem ersten Lebensabschnitt ein weltlicher Fürst, der frommen Königen half und feindliche Dämonen bekämpfte. Zeit seines Lebens war Shenrab ein Prediger des Bön, er hielt nicht nur den Menschen, sondern auch den Geistwesen Vorträge und erörterte mit ihnen eine Vielzahl an philosophischen und religiösen Fragen.

Zu den Gottheiten des Himmels zählt auch der Khyung -Vogel, der häufig als schützender Begleiter des Lehrers Shenrab Miwoche auftritt. Laut Per Kvaerne stellt dieser mythische Vogel ein altes tibetisches Konzept dar, ursprünglich unabhängig vom indischen Garuda, mit dem es erst später identifiziert wurde.

Dem Khyung – einem Wesen, halb Mensch, halb Vogel – kommt in der Bon-Religion eine große Bedeutung zu. Er diente bereits dem Bon-Stifter Tenpa Sherab, der ihn gegen das Schloß seiner Feinde anfliegen ließ, und er war Schützer der Shang-Shung-Dynastie. Westlich des Kailash soll ihm ein ganzes Tal gewidmet sein, so geht aus der Bon-Überlieferung hervor, in dem sich Khyunglung Ngulkar Karpo, das sagenhafte Silberschloß befand. In allen Bon-Litaneien wird dieser Ort als das heilige Land des Bon beschworen und alle Spuren deuten darauf hin, daß es im Sutley-Tal liegt. (Vgl. Bruno Baumann: Auf der Suche nach Shangri-La)

Khyung ist der unerbittliche Feind der Schlangen, sein Sieg über sie symbolisiert den Triumph der himmlischen Mächte über die bedrohlichen Kräfte der Dunkelheit. Laut Christoph Baumer ist der Raubvogel Khyung eine alttibetische Gottheit und weist keine Parallelen mit dem indischen Garuda auf.


2.1.4.1.2 Die zornvollen Gottheiten

Dazu gehören die und die Mu. Es soll 360 Dü geben, dessen König in einem neunstöckigen schwarzen Palast wohnt. Sie sind Dämonen himmlischer Sphären und stehen auf der Erde mit Krähen und schwarzen Schweinen in Verbindung. Die Macht dieser Dämonen wirkt auf die Menschen sehr beängstigend, weil sie auf Orte, Körper und Taten schädigend einwirken können. Die Mu hingegen haben die Gewohnheit die Menschen zu erschrecken und sie mit Durst oder Wassersucht zu plagen. Auch werden die Mu mit den Geistern von Verstorbenen in Verbindung gebracht. Dort, wo sie leben gibt es einen See aus geschmolzenem Metall, der als der Aufenthaltsort der Verstorbenen gilt.

Zu den zornvollen Gottheiten werden auch die Tutelargötter (Schutzgottheiten) oder Meditationsgottheiten (Yidam) gezählt. In der Auffassung des Bön werden innerhalb der erleuchteten Gottheiten jene, die in friedvoller Manifestation, von jenen, die in zornvoller Verkörperung erscheinen, unterschieden. Tantrische Praktiken, Rituale und Meditation entfalten sich rund um diese Gottheiten. (P. Kvaerne) Wie im tantrischen Buddhismus wird auch im Bön unter Tantra ein Lehrsystem verstanden, das dem Lernenden aufzeigt mit welchen Meditationspraktiken und Ritualen er sich der Erleuchtung annähern kann. Die Tutelargottheiten lassen sich auch als persönliche Schutzgottheiten verstehen, die sich in einem bestimmten Lehrzyklus dem Meditierenden offenbaren. Auf der höchsten Stufe erkennt der Meditierende, daß die Götter letztendlich über keine eigene Existenz verfügen, sondern Schöpfungen der karmischen Kräfte sind, die sich in seiner Person bündeln. Diese Erfahrung entspricht derjenigen des Verstorbenen im Zustand des Bardos, wenn er die wohlwollenden und furchterregenden Gottheiten als Projektionen karmischer Energien erkennt. Mit ihren vielen Armen schwingen die Yidam schreckliche Waffen, ihre Gesichter drücken Zorn und Kampfeslust aus. Umgeben von einem Feuerkranz, treten sie mit den Füssen die Feinde des Bön nieder. Sie werden nicht in sitzender Haltung dargestellt, sondern in einem dynamischen Tanzschritt. Dieser Tanz, der das Gleichgewicht der Kräfte im Kosmos aufrecht erhält, wird in jedem Kulttanz von den Trägern der furchterregenden Masken symbolisch wiederholt.

Auch wenn diese Yidam des Bön auf den ersten Blick ähnlich aussehen wie die buddhistischen Tutelargottheiten, besitzen sie ihre eigene Charakteristik und eine unverwechselbare Ikonographie.


2.1.4.2 Die mittlere Welt Miyül

Der Name zeigt an, daß diese Welt die unsere ist, Mi bedeutet Mensch und Yül Welt. Die in der vorbuddhistischen Zeit mächtigen Tsen-Geister halten sich vor allem in dieser mittlern Welt auf, sie hausen am liebsten in Felsen, Schluchten, Gletschern und Bäumen. Sie sind ortsgebunden und werden als Herrscher über einen bestimmten Bezirk und dessen Einwohner verehrt. Sie sind kriegerische Gottheiten, treten meist gepanzert und beritten auf und haben eine rote Körperfarbe. Sie gelten als überaus mächtig und leben in der buddhistischen Tradition als Beschützer der Lehre weiter. Sie sind die Beherrscher der unzähligen Nyen. Gerade die Tsen waren es, die sich häufig eines Menschen bedienten, um zukünftige Ereignisse kundzutun. Ein Gutteil der im alten Tibet so zahlreichen Besessenheitsmedien, deren Rat und Weissagung in allen Angelegenheiten so gerne in Anspruch genommen wurde, waren Sprachrohr der Tsen. Wurden die Tsen mißachtet oder beleidigt, so rächten sie sich durch das Abschießen unsichtbarer Pfeile, die Krankheit und Verderben brachten. Die Verehrung der Tsen ist in der tibetischen Volksreligion bis heute lebendig geblieben.

Neben den Tsen gehören auch die untergeordneten Astralgeister der Nyen zur Miyül-Mittelwelt. Sie wohnen in der Sonne, im Mond und in den Sternen und können Pest, Pocken und Lähmungen verursachen. Sie gelten als überaus bösartig. Manchmal steigen sie sogar ins Wasser, was darauf schließen läßt, das sie möglicherweise mit den Klu verwandt sind.

Mit den Tsen und Nyen eng verwandt sind die lokalen Berggottheiten, die oftmals keine eigene Bezeichnung haben, sondern bloß Yül-LhaLokalgottheit“ genannt werden. Sie vermitteln zwischen Himmel und Erde und tragen so zur universellen Harmonie bei. Die Berggeister sind launenhaft und unberechenbar, genauso wie das Wetter, das sie kontrollieren. Sie herrschen über das umliegende Gebiet, sind sehr sensibel und reagieren empfindlich auf Fehlleistungen des Menschen, indem sie Hagel- oder Schneestürme auslösen, Dürre bewirken oder Erdbeben veranlassen können. Deshalb genießen sie bei allen Tibetern - Bönpo wie Buddhisten - besondere Verehrung. (Auf jedem Paß und manchem Gipfel findet sich ein „Lhatse“, ein der Gottheit geweihter Steinhaufen, den jeder Reisende mit einem kleinen Stein erhöht.) Jeder Berg hat seinen eigenen Charakter, seine spezifische energetische Ausstrahlung und beeinflußte wesentlich nicht nur das Klima und die Wetterverhältnisse seiner Umgebung, sondern auch die Lebensweise der in seinem Umfeld lebenden Menschen. Der Berg wachte auch als Schutzgottheit über die Einhaltung der gesellschaftlichen Normen zwischen all jenen Menschen, die in seinem Einflußbereich lebten. Verstieß auch nur ein Einzelner gegen die religiöse oder soziale Ordnung der Gemeinschaft, so konnte der Berg bzw. seine Gottheit dem Dorf seinen Schutz entziehen.

Einige besonders auffällige Berge wurden als Sitz bedeutender Berggottheiten verehrt. Der heiligste Berg Tibets ist der Yungdrung Gutse (Kailash, 6714m), er ist die Residenz des wichtigen Bön-Schutzgottes Ku-Lha Gekhö. Der Berg ist Ursprung vier großer Flüsse (Sutlej, Indus, Brahmaputra, Karnali), bildet zusammen mit diesen vier Quellen ein riesiges Mandala, der Berg repräsentiert den zentralen Weltenbaum, die vier Quellen die vier äußeren Tore. Der Kailash wird sowohl von Buddhisten, Bönpo, Hindus und Jainas verehrt.

Die ursprünglich animistische Verehrung der tibetischen Berg-Gottheiten fand, ihrer großen Bedeutung wegen, auch in den Buddhismus Eingang. Als Schutzgottheiten der buddhistischen Lehre wurden sie in die Kosmologie und das Pantheon der tibetischen Buddhismus integriert, und die Rituale wurden zu einem wichtigen Aufgabenbereich der buddhistischen Mönche und Lamas.


2.1.4.3 Die Unterwelt Ogyül

Die wichtigsten Bewohner der Unterwelt („Og“ bedeutet unten) sind die Klu-Wassergeister und die Sadag-Erdgeister.

Die Klu, die als Schlangengeister später den indischen Nagas zugeordnet wurden, herrschen über die verschiedenen Gewässer. Viele Klu sind weiblichen Geschlechts und heißen dann Lumo. Diese Geister leben sowohl in der Unterwelt als auch in der mittleren Welt der Menschen und symbolisieren so die Verbindung zwischen den beiden Daseinsbereichen. (So wie der Khyung-Vogel die mittlere und die obere Welt verknüpft.)

Die Klu werden sehr geschätzt und gefürchtet, einerseits können sie Regen bringen, andererseits gelten sie als Verursacher von Lepra und Geschwüren. Der natürliche Feind der Klu-Schlangen ist der Khyung-Vogel, der in seinem Schnabel eine Schlange hält und so als Besieger der unberechenbaren Lu-Geister verehrt wird.

Die Sadag-Erdgeister konfrontieren in erster Linie den seßhaften Ackerbauern mit ihrer Macht. Da sie die Erdoberfläche bewohnen, kann kein Feld gepflügt, keine Ernte eingebracht oder kein Haus gebaut werden, ohne daß sie vorher durch Gebet und Opfer beschwichtigt werden, das sie sonst mit Krankheiten bestrafen würden.

(Kloster Samye, das erste buddhistische Kloster in Tibet: Dessen Mauern wurden von Sadags und andern Bön-Gottheiten immer wieder zum Einsturz gebracht. Erst Padmasambhava war in der Lage; die Macht der Erdherren zu brechen und den Klosterbau zu Ende zu bringen.)

In gewissem Sinne haben die Sadag und die Klu eine ökologische Funktion, da sie mit Argusaugen darüber wachen, daß das natürliche Gleichgewicht des Lebensraumes durch die Eingriffe der Menschen nicht unüberlegt gestört wird. Diese bewahrende Rolle zeigt sich besonders bei Tabus wie denjenigen des übermäßigen Jagens oder Rodens, der Ausbeutung von Erzen oder der Verunreinigung von Quellen und Gewässern.

Die Bönpo-Priester gelten als die Vermittler zwischen der Welt der Menschen und der Welt der Geister.

(Luftbestattung der Tibeter: Angst; die Geister könnten durch das Ausheben eines Grabes gestört werden.)

Diese Traditionen gründen auf einem ganzheitlichen Weltbild, wonach die Mißachtung eines Tabus in der Welt der Menschen automatisch eine entsprechende Auswirkung in der Welt der Geister nach sich zieht. Das eintretende Unheil, wie z.B. eine Krankheit, wird als Symptom für eine gestörte moralische Ordnung gedeutet. Genesung wird als Ausdruck einer wiederhergestellten kosmischen Ordnung betrachtet.

Sowohl Bön wie auch buddhistischer Lamaismus binden durch ihr pantheistisches Weltbild den Menschen in ein engmaschiges aber weitverzweigtes horizontales Netz von Glaubenssätzen und Ritualen ein, das auch die Natur und deren Mächte und die Tiere umfaßt.

Nur ein beständiger Austausch - die Aufrechterhaltung einer sensiblen Balance zwischen Geben und Nehmen - konnte die Lebensgrundlage der Menschen sichern und ein glückliches Leben gewährleisten. Achtsamer und respektvoller Umgang mit der Natur und Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse ihrer Wesenheiten bildeten für die Tibeter die Basis für ein harmonisches Zusammenleben zwischen Götter, Naturgeistern und Menschen.

(Das war ein kurzer Ausschnitt des Pantheons der Götter und Geister des Bön.)


2.1.5 Literatur

Hoffmann, Helmut. 1950. Quellen zur Geschichte der tibetischen Bön-Religion. Wiesbaden

Kvaerne, Per. 1995. The Bon Religion of Tibet. London: Serindia Publ.

Baumer, Christoph. 1999. Bön: Die lebendige Ur-Religion Tibets. Graz: Akad.Dr.-u.Verl.-Anst.

Karmay Samten Gyaltsen. 2000. New Horizons in Bon Studies. Osaka: National Museum of Ethnology

Samuel, Geoffrey. 2005. Tantric Revisionings: New understandings of Tibetan Buddhism and Indian religion. Aldershot: Ashgate

Tenzin Wangyal Rinpoche. 2004. Wonders of the natural Mind: The essence of Dzogchen in the native Bon tradition of Tibet. Delhi: New Age Books

Schuster, Gerhard. 2000. Das Alte Tibet: Geheimnisse und Mysterien. Wien: NP-Buchverl.

Nicolazzi, Michael Albrecht. 1995. Mönche, Geister und Schamanen: Die Bön- Religion Tibets. Solothurn: Walter

http://www.bonfoundation.org/[1]

https://web.archive.org/web/20080509145033/https://www.yungdrung-bon.net/[2]

http://www.ligmincha.org/[3]

Verweise:
[1] http://www.bonfoundation.org/
[2] https://web.archive.org/web/20080509145033/https://www.yungdrung-bon.net/
[3] http://www.ligmincha.org/


↵ Zurück zur Übersicht


↑ Nach oben


Vorheriges Kapitel: 2.1 Bön in Tibet

3 Weltreligionen

verfasst von Manfred Kremser und Veronica Futterknecht

In den folgenden Kapiteln wird ein Überblick über die grossen Weltreligionen gegeben, sowie ihre Philosophien und ihre praktischen Zugänge zu religiöser Praxis vergleichend besprochen.

Im speziellen wird hier auf den Buddhismus und den Sikhismus eingegangen, die beide in meinen eigenen Feldforschungen in Süd- und Südostasien eine Rolle gespielt haben und spielen.

Inhaltsverzeichnis

Weitere Kapitel dieser Lernunterlage

1 Ethnographisches Fallbeispiel - Das Spektrum religiöser Kultur in St. Lucia / Karibik
2 Ethnische Religionen
4 Neue religöse Bewegungen
5 Transformationen in afrikanischen Religionen


Nächstes Kapitel: 3.1 Sikhismus


↑ Nach oben


Vorheriges Kapitel: 3 Weltreligionen

3.1 Sikhismus

verfasst von Manfred Kremser und Veronica Futterknecht

In den folgenden Kapiteln wird die Religion der Sikhs, Sikhismus, die sich vor etwa 500 Jahren in Nordindien entwickelt hat, besprochen.

Foto: Gläubige Sikhs beim heiligen Bad nahe des Goldenen Tempels in Amritsar, Nordindien (http://news.bbc.co.uk/1/hi/in_pictures/4470894.stm)

Inhalt


3.1.1 Gründung und wesentliche Glaubensinhalte

Mit einem Alter von etwa 500 Jahren ist die Religion der Sikhs eine der jüngsten Religion weltweit. Geographisch hat sie ihre Wurzeln im Bundesstaat Punjab im westlichen Nordindien und kann als eine Stifter- wie Erlösungsreligion betrachtet werden. Ihr Begründer ist Guru Nanak, der 1469 in einem Dorf in der Nähe von Lahore im heutigen Pakistan in eine streng vom hinduistischen Glauben geprägte Familie hineingeboren wird.

Foto: Guru Nanak, der Begründer des Sikhsimus (http://www.singhsabha.com/)

Am Beginn des Sikhismus steht ein mystisches Offenbarungserlebnis, in dem Nanak eine göttliche Stimme vernimmt, die ihn anweist, an einen einzigen Gott zu glauben, der in vollständiger Formlosigkeit nur im Inneren, nur im Herzen eines jeden Menschen wahrnehmbar und erfahrbar sei. Die Inhalte dieses Erlebnisses stehen in starkem Kontrast zu der Religion seines Elternhauses. Dennoch wendet sich Nanak vom Hinduismus ab und setzt sich intensiv für die Ideen und Glaubensinhalte des Sikhismus sowie deren Verbreitung ein.

Als Essenz der Botschaft Guru Nanks kann die schlichte Glaubensformel „Nam, Dan, Isnan“ angesehen werden, was ein Meditieren über den Namen Gottes, ein Verteilen von Almosen, sowie eine reine Lebensweise impliziert.

Bis heute existiert im Sikhismus keine genaue Gottesvorstellung, verehrt werden insgesamt zehn Gurus, sowie das Heilige Buch „Granth Sahib“.


3.1.2 Verhältnis zu Hinduismus und Islam

Im Unterschied zum Hinduismus, wo ja die Verehrung von einer Vielzahl (auch bildlich dargestellter) Götter ein wesentliches Element der Religion ausmacht, soll sich ein Sikh kein bestimmtes Bild von Gott machen, da ein allzu genaues Bild die persönliche, subjektive, innere Erfahrung von Gott trübt und unscharf werden lässt. Auch wendet sich Guru Nanak gegen äußerliche religiöse Rituale und Zeremonien, in dem Glauben, sie könnten dem wahren religiösen Erleben im Weg stehen und von einer wahren Konzentration auf Gott ablenken. Stattdessen soll man äußere Rituale in eine innere Sphäre der Andacht übertragen. Weiters spricht er sich gegen alle Praktiken, die auf Trennung, Unterscheidung und Dualität beruhen aus, da sie dem Konzept von Gott als dem Einen, dem Zeit- und Formlosen widersprechen.

Die Religion der Sikhs lehnt das indische Kastensystem zwar prinzipiell ab, trotzdem wird es als Regelsystem in bestimmten Fragen des sozialen Lebens immer wieder anerkannt. Demzufolge steht auch das Frauenbild der Sikhs in großem Widerspruch zu jenem der Hindus und Muslime: man verurteilt die in Indien verbreitete Witwenverbrennung (sati) scharf, doch ist im Alltag der Sikhs bedauerlicherweise dennoch keine Verwirklichung von Gleichberechtigung erkennbar, das hinduistische Modell der ergebenen Ehefrau scheint weithin sehr verbreitet zu sein.

Seit Jahrhunderten stehen sich Muslime und Hindus im Punjab feindlich gegenüber, es war der Sikhismus, der die Befriedung und Versöhnung zwischen diesen beiden Religionsgemeinschaften propagiert. Guru Nanak gilt bis heute als ein Symbol der Versöhnung zwischen Hinduismus und Islam.

Nicht nur hat er hinduistische und muslimische Glaubenselemente in der Religion der Sikhs vereint, auch ist er dafür eingetreten, dass Gott abwechselnd mit muslimischen oder hinduistischen Namen benannt wird.

Aus diesem Gedanken entwickelt er auch die Idee so genannten Langars, der Freiküchen, in denen Mensche, egal welcher Religion- und Glaubenszugehörigkeit, gemeinsam, in einem neutralen Umfeld, eine Mahlzeit zu sich nehmen können. Diese Langars sind von Anfang an von der Absicht getragen,Verständnis und Toleranz zwischen den Religionen zu schaffen und zu unterstützen.


3.1.3 Äussere Merkmale seiner Anhänger

Foto: Gläubige Sikhs bei einer religiösen Prozession, Punjab, Nordindinen (http://news.bbc.co.uk/2/hi/in_pictures/5298402.stm)

Unter dem vierten Guru Ram Das fällt die Gründung von Amritsar als Hauptpilgerzentrum der Sikhs. Die Stadt Amritsar liegt ideal an der Route zwischen Kabul und Delhi, ihr Goldener Tempel gilt als das Hauptheiligtum der Sikhs, der von Guru Arjun Dev erbaut worden ist.

Im Laufe der Zeit gewinnt der Sikhismus immer mehr an Popularität. Einen großen Zulauf erfährt die Glaubensgemeinschaft vor allem aus den Reihen der Muslime. Der Mogul-Kaiser Jehangir lässt als Reaktion auf diese Bewegung Guru Arjun Dev zu Tode foltern. Der sechste Guru, der Sohn von Arjun Dev, hat daraufhin die Bewaffnung der Sikhs angeordnet, und dieser Religion, als Antwort auf die Anfeindungen, die sie während ihrer gesamten Geschichte erfahren haben, die militärische Komponente verliehen.

Der neunte Guru Tegh Bahadur wird von Muslimen zu Tode verurteilt, als er sich weigert, zum Islam überzutreten. Vor seiner Hinrichtung beschwört er seinen Sohn, den zehnten und letzten Guru Gobindh Singh, seinen Tod zu rächen. Nun vollendet sich die Umwandlung der Sikhs in eine Kriegergemeinschaft mit festgelegten Riten und Eiden.

Gobindh Singh erlässt eine Kleiderordnung, weiters die Verordnung, sich im Laufe seines Lebens

-- niemals die Haare zu schneiden,

-- das Haar mit einem Eisenkamm zu befestigen und unter einem Turban zu tragen,

-- einen Eisenarmreif am Handgelenk,

-- einen Säbel,

-- sowie knielange Hosen zu tragen.

Diese Vorschriften basieren auf der religiösen Überzeugung, wonach der Mensch in perfekter Form von Gott geschaffen ist, und es deshalb keine Legitimation für den Menschen gibt, sein Äußeres, wie auch immer geartet, zu verändern.

Nachdem der zehnte Guru Gobindh Singh ohne Kinder geblieben ist und sich auch sonst kein geeigneter Nachfolger gefunden hat, wird bis heute das Heilige Buch „Granth Sahib“, die vollständige Sammlung der Glaubens-, Lebens- und Wertvorstellungen der Sikhs, als göttlich anerkannt, und als lebender Guru verehrt.


3.1.4 Körperliche und geistige Ideale

Das Leben im Diesseits

Innerhalb des Sikhismus kann eine starke Betonung des Diesseits und der Gegenwart festgestellt werden. Ziel des Lebens ist nicht das Streben nach Erlösung oder das Eingehen in ein Paradies, sondern das Ideal einer physischen und spirituellen Ganzheit in der Gegenwart. Es gilt das Ideal der physischen Unversehrtheit, um im Hier und Jetzt in bester Voraussetzung seinen Körper wie auch seinen Geist einsetzen, die Aufgaben und Herausforderungen des Alltags bestmöglich meistern zu können. Gesundheit und körperliche Fitness sind die Grundlage, sein Leben im Diesseits bestmöglich zu gestalten, wie auch die Garantie für die ständige Verteidigungsbereitschaft seiner Religion. Bedeutend ist, dass Angehörige des Sikhismus in keiner Weise dazu neigen, Verantwortung über ihr Leben auf Gott abzuwälzen, sondern jeder einzelne sich als Schmied seines eigenes Glückes erkennt, und so für sich, sein Leben und seine Taten vollste Verantwortung übernimmt.

Militanz und Kampf

Militanz und militärische Verteidigungsideen sind, wie unschwer zu erkennen ist, aus der Entstehungsgeschichte des Sikhismus gewachsen, und bis heute untrennbar mit politischen wie religiösen Idealen und Vorstellungen vereint. Militante Politik und Religion sind in einen Synkretismus zur Erhaltung und Verteidigung des Sikhismus getreten, einer Religion, die seit ihres Entstehens außerordentlicher Feindschaft ausgesetzt gewesen ist. Bis in die Gegenwart ist die Doktrin der Untrennbarkeit von religiöser und politischer, von geistiger und von weltlicher Macht wesentliches Element im Glaubens der Sikhs.


3.1.5 Literatur

Stukenberg, Marla. 1995. Der Sikh-Konflikt: Eine Fallstudie zur Politisierung ethnischer Identität. Stuttgart: Steiner

Stukenberg, Marla. 1995. Die Sikhs: Religion, Geschichte, Politik. München: Beck

Delhi Sikh Gurdwara Management Committee. 1999. What is Sikhism. New Delhi: Gurupdesh Printers

Delhi Sikh Gurdwara Management Committee. 1997. The Sikh Religion: An Outline of its Doctrines. New Delhi: Gurupdesh Printers

http://religion.orf.at/projekt02/tvradio/orientierung/or_011111.htm[1]

https://web.archive.org/web/20071012015208/http://www.wien-vienna.at/indexmedien.php?ID=1791[2]

https://web.archive.org/web/*/http://www.amnesty.at/cont/presse/2001/usa9-11_5.html[3]

Verweise:
[1] http://religion.orf.at/projekt02/tvradio/orientierung/or_011111.htm
[2] https://web.archive.org/web/20071012015208/http://www.wien-vienna.at/indexmedien.php?ID=1791
[3] https://web.archive.org/web/*/http://www.amnesty.at/cont/presse/2001/usa9-11_5.html


Nächstes Kapitel: 3.2 Buddhismus


↑ Nach oben


Vorheriges Kapitel: 3.1 Sikhismus

3.2 Buddhismus

verfasst von Manfred Kremser und Veronica Futterknecht

"Die noch immer revolutionäre Einsicht des Buddhismus lautet: Leben und Tod sind im Geist, und nirgendwo sonst. Der Geist ist die universelle Basis jeder Erfahrung - der Schöpfer von Glück und Unglück, der Schöpfer auch dessen, was wir Leben und Tod nennen."

(Rinpoche, 2004: 66)

In den folgenden Kapitel wird ein Überblick über die Schulen des Buddhismus und den ihnen zu Grunde liegenden Philosophien gegeben.

Inhalt

3.2.1 Die Fahrzeuge des Buddhismus

Foto: Betender Mönch, Ladakh, Nordindien (Veronica Futterknecht © 2005)

Alle Fahrzeuge oder Schulen des Buddhismus gehen auf den historischen Buddha Shakyamuni, den Prinzen Gautama Siddharta aus dem Geschlecht der Shakya zurück, der etwa zwischen 623 v. Chr. und. 450 v. Chr. in der Stadt Lumbini im heutigen Nepal geboren wurde. Sein Vater war Suddhodana, der Herrscher des Königreiches Shakya im heutigen Nepal. Die Bezeichnung Buddha Shakyamuni leitet sich von hier ab und bedeutet soviel wie „Der Weise aus dem Geschlecht der Shakya“. Die Geburt Buddhas wurde genauso phantasiereich ausgemalt, wie viele weitere Stationen seines Lebens, so daß es häufig schwierig ist zwischen Historie und Legende zu unterscheiden. Der vietnamesische Zen-Meister Thich Nhat Hanh hat in seinem Buch „Wie Siddharta zum Buddha wurde“ das Leben und Wirken des Buddha in lebendiger, poetischer und doch historisch sehr fundiert belegter Art und Weise nachgezeigt und gibt so nicht nur einen Überblick über Buddhas Leben, sondern gleichzeitig eine hervorragende Einführung in die geistige Welt des Buddhismus.

Im Allgemeinen unterscheidet man Drei Grundlegende Fahrzeuge im Buddhismus: Hinayana oder Theravada, Mahayana und Vajrayana. Das Hinayana (sanskrit: >kleines Fahrzeug<) geht zeitlich dem Mahayana (sanskrit: >großes Fahrzeug<) voraus, und bildet in gewisser Weise die Grundlage oder den Ausgangspunkt für den Weg und hat die individuelle Befreiung zum Ziel.


3.2.1.1 Hinayana oder Theravada

Die essentielle Praxis im Theravada besteht in der Erkenntnis und Verwirklichung der Vier Edlen Wahrheiten: Der Wahrheit des Leidens, der Ursache des Leidens, der Beendigung des Leidens und der Weg, mit Hilfe dessen das Leid beendet werden kann. Wer diese Motivation für sich entwickelt, auch als "Entsagung" bezeichnet, wird zum Theravada gezählt. Dies deshalb, da der Wunsch sich nur auf ein Lebewesen bezieht und somit im Vergleich zum Leid der vielen Lebewesen auf der Welt eine kleinere Motivation ist. Drei Übungen, die das Ziel haben Glück zu schaffen und Leid zu beenden, haben einen besonderen Stellenwert im Hinayana: Disziplin (Pali: shila), meditative Konzentration (Pali: samadhi) und unterscheidendes Gewahrsein (Pali: panna). Ein Praktizierender legt die Gelübde zur persönlichen Befreiung ab (Sanskrit: pratimoksha) und begibt sich so auf den Weg, konzentriert und gezielt den Geist vor Umständen, die zu emotionaler Zerstreuung und Negativität führen, zu schützen. Dazu gibt es innerhalb der buddhistischen Meditation sowohl analytische wie auch konzentrative Techniken, mit deren Hilfe ein eingerichteter Geist, der aus der Meditation des Shamatha erwächst und durch die klare Einsicht der Vipashayana-Meditation vertieft, das unterscheidende Gewahrsein der Selbstlosigkeit oder Ego-losigkeit verwirklicht werden kann.

Die Unwissenheit, die der eigentliche Ursprung aller Leidenschaften und Anhaftungen ist, kann nur durch die Weisheit, die aus der Vereinigung von Geistiger Ruhe (Shamatha) und Klarer Einsicht (Vipashyana) entsteht, überwunden werden. Durch eine konzentrierte und disziplinierte Anwendung dieser Übungen, sowohl während der Meditations-Sitzungen wie auch im Alltag, kann man geistige Negativität, die die Basis aller leidverursachenden Handlungen ist, Stück für Stück erkennen und auflösen.

== 3.2.1.2 Mahayana ==Das Grosse Fahrzeug oder Mahayana strebt nicht nur die eigene, individuelle, sondern die Befreiung aller Wesen aus dem leidvollen Daseinskreislauf an. Heute sind Richtungen des Mahayana besonders in Japan, Tibet, Bhutan, der Volksrepublik China und Korea, teilweise auch in Vietnam, der Mongolei und dem asiatischen Osten Rußlands verbreitet.Die Essenz des Mahayana-Buddhismus ist die grundlegende Motivation Befreiung zum Wohle aller Wesen zu erlangen, nachdem erkannt wurde, daß es auf einer absoluten Ebene schlußendlich keine Trennung zwischen dem eigenem Geist und der Welt der Phänomene gibt. Der zentrale Gedanke ist hier das Streben nach Buddhaschaft als dem einzig wirksamen Mittel, um allen Wesen helfen zu können, sich von den Ursachen des Leidens zu befreien. Dies wird Bodhicitta oder das Herz des erleuchtenden Geistes genannt, und wird sowohl auf relativer wie auf absoluter Ebene verwirklicht. Etymologisch setzt sich das Wort Bodhicitta aus den Wörtern Bodhi (Erleuchtung) und Citta (Geist, Emotion, Gedanke) zusammen, und kann daher als Erleuchtungsgeist übersetzt werden. Absolutes Bodhicitta ist die Erkenntnis und Erfahrung der Leerheit (Sanskrit: Shunyata), die Realisation der Tatsache, daß schlußendlich alle Phänomene in Abhängigkeit entstehen und keine eigenständigen, unveränderlichen, unabhängigen Charakteristika besitzen und nicht aus eigener Kraft entspringen können. Auf die Philosophie und Praxis von Bodhicitta wird in einem späteren Kapitel noch genau und detailliert eingegangen.== 3.2.1.3 Vajrayana ==Das Vajrayana (sanskrit: vajrayāna, »Diamantfahrzeug«, tibetisch: Dorje Tegpa), auch geheimes Mantrayana genannt, ist an sich kein eigenständiges Fahrzeug, sondern ein spezielles Gefährt der geschickten Mittel innerhalb des Mahayana, doch wird es als dritte große Hauptrichtung des Buddhismus verstanden. Seine Verbreitung findet der Vajrayana vor allem im ehemaligen Tibet, in Bhutan, in Teilen Nordindiens (Ladakh) sowie der Mongolei.Zentral für das Vajrayana ist die Lehre und Philosophie des Madhyamaka (Sanskrit m., mādhyamaka, »der mittlere Weg« zwischen Bejahung und Verneinung). Die Lehren, die hier dazu gehören, werden mittels der Aspekte Grund, Pfad und Frucht erklärt. Für die Madhyamaka-Lehren ist der - Grund die Untrennbarkeit der beiden Wahrheiten, der relativen und der absoluten Wahrheit. Der - Pfad bezeichnet die stufenweise, essentielle Ansammlung von Verdienst und Weisheit und die - Frucht ist die Untrennbarkeit der beiden Aspekte des Buddhas, der Verwirklichung von Dharamakaya, der Ansammlung von Weisheit und Rupakaya, der Ansammlung von Verdienst.

3.2.2 Grundlagen der buddhistischen Lehre

Grundlagen der buddhistischen Lehre sind die Vier Edlen Wahrheiten und die Drei Gifte des Geistes.

Foto: Ladakh, Nordindien (Veronica Futterknecht © 2005)

Vor rund 2500 Jahren entdeckte der Buddha, Siddharta Gautama, gequält und zutiefst berührt von Krankheit, Alter und Tod, einen Weg auf dem das Leiden, welches des menschliche Dasein unausweichlich begleitet, aufgehoben wird und seine Hauptursache, das Verhaftet- Sein mit einem Ich-Gefühl, in Gleichmut und Mitgefühl verwandelt werden kann.


3.2.2.1 Die Vier Edlen Wahrheiten

Buddhas gesamte Lehre dreht sich um die zentrale Frage, wie das Leiden, das untrennbar mit dem menschlichen Leben verbunden ist, erkannt und nachhaltig gelöst und transformiert werden kann. Das ist die erste Edle Wahrheit, die Wahrheit vom Leiden, die Wahrheit, daß jedes menschliche Leben grundsätzlich mit Leid verbunden ist. Geburt, Alter, Krankheit und Tod sind Leiden, Trauer, Zorn, Eifersucht, Sorge, Unruhe, Angst und Verzweiflung sind Leiden. Nach den Worten Buddhas leiden wir primär an der natürlichen Unzulänglichkeit unserer bedingten Existenz. Die Hauptursache für alles menschliche Leiden bildet die Annahme einer Beständigkeit allen Seins und unser irrtümlicher Glaube an ein selbstständiges, solides, unabhängig existierendes Ich, der die Grundlage für all unser selbstsüchtiges Streben bildet. Das ist die zweite Edle Wahrheit, die Wahrheit von der Ursache allen Leidens, die unsere geistige Verblendung bildet, die uns dazu führt, alle Erscheinungen, insbesondere unseren eigenen Geist, als dauerhaft, beständig und aus sich selbst heraus eigenständig existierend anzunehmen. Die dritte Edle Wahrheit ist die Wahrheit von der Aufhebung des Leids, das bedeutet zu erkennen, daß das Leiden in unserem Leben grundsätzlich als solches wahrgenommen und transzendiert werden kann. Die vierte Edle Wahrheit ist die Wahrheit vom Pfad, der zur Aufhebung des Leidens führt. Es ist dies der Edle Achtfache Pfad, der durch ein Leben in Achtsamkeit, das die Basis für Konzentration und Verstehen bildet, unterstützt wird, und schließlich zu Friede, Freude und Verwirklichung führt. Die Medizin, die der Buddha demnach verordnete, ist das Dharma, seine Lehre, die zum Ziel hat, den Geist oder das Bewußtsein als Basis aller Phänomene zu erkennen. Geist erschafft die Materie, und Geist ist der Schöpfer von Gesundheit und Krankheit. Deshalb betont die Lehre des Buddha die Notwendigkeit den Geist zu zähmen und negative, emotionale Energien umzuwandeln: dies ist die Grundannahme jeglicher buddhistischen Medizin.


3.2.2.2 Die Drei Gifte des Geistes

Die drei Gifte des Geistes bilden in diesem Zusammenhang das Fundament, das dafür verantwortlich ist, daß Menschen wieder und wieder im Kreislauf von Geburt und Tod wandern. Unsere gesamte bedingte Existenz, unser bedingtes Sein wird von diesen drei Geistesgiften gesteuert. Diese drei Gifte sind zum einen die Gier, im buddhistischen Lebensrad symbolisch als roter Hahn dargestellt, Hass, der seinen Ausdruck als grüne Schlange im Lebensrad nimmt, und Unwissenheit oder Verblendung, die Wurzel der beiden ersten Geistesgifte, wie auch der Ursprung alles Leiden, die als schwarzes Schwein repräsentiert wird. Der Hahn steht also für Gier, neurotische Begierde, für das Verlangen, Dinge zu besitzen, von denen man sich Glück und Sicherheit erhofft, für das Anhaften und die Abhängigkeit von geliebten Menschen, positiven, emotionalen Geisteszuständen, für das Bedürfnis nach Anerkennung und Bewunderung. Die Schlange symbolisiert in gewisser Weise das Gegenteil davon, die Ablehnung, Aversion gegenüber ungeliebten, unerwünschten Menschen, Dingen oder Geisteszuständen, der Hass gegenüber allem, was wir als Bedrohung unserer Ich-Gefühle wahrnehmen. Und schließlich repräsentiert das Schwein die fundamentale Unwissenheit, die Unfähigkeit, die wahre Natur der Dinge zu erkennen, die Schwierigkeit, das universale Grundgesetz der Vergänglichkeit zu akzeptieren und zu integrieren. Unsere Unwissenheit, unsere geistige Verblendung läßt uns fälschlicherweise an die Beständigkeit eines scheinbar unabhängigen Ich glauben, läßt uns die Welt als real existierende und letztlich nicht weiter auflösbare Wahrheit erscheinen und hindert uns daran, die wahre Natur unseres Geistes, die in gleicher Weise die wahre Natur aller Dinge ist, zu realisieren. Auf diese Weise wird die Unwissenheit als Wurzel allen Leidens akzeptiert.

Die tibetische Medizin ordnet schließlich diese Drei Gifte den Säften Wind, Galle und Schleim zu, welche die physiologische Grundlage des menschlichen Körpers bilden. Das harmonische Gleichgewicht dieser Säfte wiederum ist für Gesundheit oder Krankheit verantwortlich. In diesem Zusammenhang wird das Wort Saft nicht als etwas konkret Fließendes betrachtet, vielmehr sind darunter sehr subtile, komplexe, geistige Prozesse zu verstehen, die nur durch ihre Dynamik erfahrbar werden. Die Drei Gifte sind demnach die wichtigsten Krankheitsursachen, obgleich sie im Grunde metaphysische Gründe sind.


3.2.3 Tibetischer Buddhismus

Abb. 1.: Tibetisch-buddhistisches Kloster Thikse, Ladakh, Nordindien (Veronica Futterknecht © 2005)

Ab dem 9. Jahrhundert wurde mit der Übertragung des Mahayana und Vajrayana nach Tibet die Madhyamaka-Lehre philosophische Grundlage des tibetischen Buddhismus. Die Unterschiede zwischen dem allgemeinen Mahayana und dem Vajrayana beziehen sich nicht auf das zu erreichende Ziel, die Buddhaschaft, die Verwirklichung der allen Wesen inhärent innewohnenden Buddhanatur, sondern auf die Art und Weise wie dieses Ziel erlangt wird. Deshalb wird das Vajrayana auch Pfad des Resultats genannt, während das Sutra-System des Mahayana als Pfad der Ansammlung bezeichnet wird und Theravada als Pfad der Entsagung. Der tibetische Vajrayana-Buddhismus gliedert sich in unterschiedliche Schulen, Traditionen und Übertragungslinien, von denen die vier Schulen der Nyingma-, Kagyü-, Sakya- und Gelug-Schule die wichtigsten sind.

Der natürliche Ausdruck von Buddhas[1] umfassendem, großem Mitgefühl äußerte sich dahingehend ganz unmittelbar den unterschiedlichen Voraussetzungen und Fähigkeiten der Individuen gerecht zu werden und gemäß dessen zu lehren. Auf diese Weise entstand eine große Zahl an verschiedenen Unterweisungen für Menschen mit einem unterschiedlichen Erfahrungshintergrund und unterschiedlichen Fähigkeiten für eine spirituelle Entwicklung. Da es Praktizierende auf sehr verschiedenen Ebenen geistiger Entwicklung gibt, lehrte der Buddha verschiedene Pfade und Herangehensweisen, in denen jeweils bestimmte, auf der entsprechenden Stufe wichtige Übungen betont werden. Alle diese Wege sind jedoch gleich wertvoll und wichtig und verfolgen schlußendlich alle dasselbe Ziel, nämlich Erleuchtung zu erlangen und den erwachten Geist eines Buddhas, der das fundamentale Potential eines jeden Menschen darstellt, zu verwirklichen.

Verweise:
[1] Siehe Kapitel 3.2.1


3.2.3.1 Nyingma-Tradition

Foto: Buddha Maitreya, der Buddha der Zukunft (Veronica Futterknecht © 2005)

Die älteste Schule des tibetischen Buddhismus bildet die Nyingma-Tradition, die auf den tantrischen Meister Padmasambhava, auch bekannt als Guru Rinpoche, zurückgeht, der im 8.- 9. Jahrhundert erstmals den Buddhismus in Tibet einführte. Innerhalb der Nyingma-Tradition wird die Fülle der spirituellen Wege in weitere neun yanas oder Fahrzeuge gegliedert, einem einheitlichen Lehr- und Praxisgebäude, das sämtliche Lehransätze des Buddhas zu einem einzigen, umfassenden Pfad zur Erleuchtung vereint. Die drei Fahrzeuge des Hinayana, Mahayana und Vajrayana werden demnach noch weiter unterteilt in die drei Ursachenfahrzeuge des Sutra: Shravaka- und Pratyekabuddhayana, die zusammen das Hinayana bilden, sowie Bodhisattva- oder Mahayana und die sechs erfüllenden Fahrzeuge des Tantra, welche sich in die drei Äußeren Tantras Kriyayoga, Charyayoga und Yogatantra, sowie in den drei Inneren Tantras Mahayoga, Anuyoga und Atiyoga oder Dzogchen aufgliedern.


3.2.3.2 Dzogchen

Foto: Seine Heiligkeit der XIV. Dalai Lama, Ladakh, Nordindien (Veronica Futterknecht © 2005)

Die Lehren des Dzogchen (tibetisch: "rDzogs pa Chen po" oder kurz "rDzogs Chen") "Die Große Vollkommenheit", auch Atiyoga oder Mahasandhi genannt, gelten als die höchsten Lehren der tibetischen Tradition. Dzogchen gilt als die Essenz aller buddhistischen Lehre und beschreibt den Weg der Selbstbefreiung, der zum Ziel hat das wahre Wesen jenseits aller illusions-gleichen Dualität zu erkennen. Im Dzogchen geht es folglich nicht darum, dass eine erleuchtete, wahre Natur des Geistes existiert, die zu erreichen man sich bemühen oder anstrengen müßte, sondern es ist das Erkennen und Stabilisieren der ursprünglich reinen, klaren, vollkommenen Natur des Menschen, die aufgrund temporärer, mentaler Verschleierung bislang nicht als solche erkannt werden konnte.


3.2.4 Literatur

Assauer, Egbert, 2005. Tantrisches Heilen und tibetische Medizin. Grafing: Aquamarin Verlag

Assauer, Egbert, 1997. Tibets sanfte Medizin. Freiburg: Verlag Herder

Baker, Ian A, 1999. Das große Buch der tibetischen Heilkunst. Bergisch Gladbach: Lübbe

Bechert, Heinz, 2000 Buddhismus, Staat und Gesellschaft, Band 2. Göttingen: Kinzel

Clifford, Terry, 1989. Tibetische Heilkunst. Bern, Wien: Barth

Dalai Lama, 2001. Ohne Anfang- Ohne Ende. Bern; München; Wien: O.W. Barth

Kenpo, Nyoshul, 1995. Der Buddha im Inneren. Freiamt: Arbor Verlag

Thich Nhat Hanh, 1999. Das Herz von Buddhas Lehre. Freiburg im Breisgau ; Wien [u.a.] Herder

Thich Nhat Hanh, 1998. Wie Siddhartha zum Buddha wurde: Eine Einführung in den Buddhismus. Berlin: Verlag Theseus


↵ Zurück zur Übersicht


↑ Nach oben


Vorheriges Kapitel: 3.2 Buddhismus

4 Neue religöse Bewegungen

verfasst von Manfred Kremser und Veronica Futterknecht

In den folgenden Kapiteln werden "Neue religiöse Bewegungen" besprochen.

"Neureligion", "Neue Religion" oder "Neue religiöse Bewegung" sind Begriffe, die erst in den letzten Jahrzehnten in Gebrauch gekommen sind, und zwar für Phänomene, die scheinbar neueren Ursprungs sind. Bei genauerem Hinschauen stellt man jedoch fest, dass es sich um Phänomene des religiösen Wandels handelt, wie es sie schon immer in allen Teilen der Welt gegeben hat.

Literatur:

Baer, Harald. Gasper, Hannes. Müller, Joachim. Sinabell, Johannes (Hg.). 2005. Lexikon neureligiöser Gruppen, Szenen und Weltanschauungen. Orientierungen im religiösen Pluralismus. Freiburg: Herder

Inhaltsverzeichnis

Weitere Kapitel dieser Lernunterlage

1 Ethnographisches Fallbeispiel - Das Spektrum religiöser Kultur in St. Lucia / Karibik
2 Ethnische Religionen
3 Weltreligionen
5 Transformationen in afrikanischen Religionen


Nächstes Kapitel: 4.1 Hinduistischer Hintergrund


↑ Nach oben


Vorheriges Kapitel: 4 Neue religöse Bewegungen

4.1 Hinduistischer Hintergrund

verfasst von Manfred Kremser und Veronica Futterknecht

In den folgenden Kapitel werden exemplarisch einige "Neue religiöse Bewegungen" besprochen, die ihre Philosphie und Praxis aus dem Hinduismus ableiten.

Inhalt

4.1.1 Sri Ramana Maharishi

Foto: Sri Ramana Maharshi (http://www.meditationsworkshop.org)

"As all living beings desire to be happy always, without misery, as in the case of everyone there is observed supreme love for one’s self, and as happiness alone is the cause for love, in order to gain that happiness which is one’s nature and which is experienced in the state of deep sleep where there is no mind, one should know one’s self. For that, the path of knowledge, the inquiry of the form “Who am I?”'', is the principal means." (Mahadevan, 1982: 3)

Leben und Lehre

Sri Ramana Maharshi (1879-1950) war ein südindischer Advaita-Meister, der unter anderem Satsang-Lehrer wie Samarpan, Gangaji, OM C.Parkin, Karl Renz oder Eckhart Tolle mit seinem Sein und seinen Belehrungen inspirierte. Er lehrte die Selbsterforschung durch die Frage "Wer bin Ich?" und gilt als einer der bekanntesten Weisen und Vertreter des Advaita-Vedanta im 20. Jahrhunderts. In ständigem Gewahrsein seiner Identität mit dem Absoluten (Atman) lebte der Maharshi in selbstauferlegter Abgeschiedenheit und Armut am Fusse des Berges Arunachala in Tamil Nadu, Südindien. Tausende Menschen pilgern bis heute nach Tiruvanamallai, gleichermassen westliche Besucher wie Inder. Schon allein in der Gegenwart des Maharshi verweilen zu dürfen, galt den Menschen als spirituelle Gipfelerfahrung.

Foto: Tiruvannamalai in Südindien, die Heimat Sri Ramana Maharshis (Veronica Futterknecht © 2008)

Ramana lehrte, dass das reine, ursprungslose Gewahrsein der eigentliche Wachzustand sei. Geht man dagegen seinen Gedanken nach, dann wird man von ihnen davongetragen und befindet sich in einem Labyrinth ohne Ausgang. Essentiell ist in der Meditation, die Spur der Gedanken zurückzuverfolgen bis zu deren Usrsprung. Auf diese Weise verschwinden die Gedanken und allein das Selbst bleibt übrig, ein Selbst für das es weder Innen noch Außen gibt, ein Selbst das rein und absolut ist. (Maharshi, 2006: 14)

"Happiness is the very nature of the Self; happiness and the Self are not different. There is no happiness in any object of the world. We imagine through our ignorance that we derive happiness from objects. When the mind goes out, it experiences misery. In truth, when its desires are fulfilled, it returns to its own place and enjoys the happiness that is the Self." (Mahadevan, 1982: 8)

Literatur:

http://www.sriramanamaharshi.org/[1]

http://www.arunachala-ramana.org/[2]

http://de.wikipedia.org/wiki/Ramana_Maharshi[3]

http://www.paranormal.de/yoga/weg/ramana.htm[4]

Ebert, Gabriele. 2003. Ramana Maharshi: Sein Leben. Lüchow: Kreuz Verlag

Mahadevan, T.M.P. 1982. Who am I ? The Teachings of Ramana Maharshi. India: Ramanan, Tiruvannamalai

Maharshi, Ramana. 2003. "Nan Yar? Wer bin Ich?" India: Sri Ramana Ashram

Maharshi, Ramana. 2006. Gespräche des Weisen vom Berge Arunachala. München: Ludwig

Maharshi, Ramana. 2003. Die Botschaft des Ramana Maharshi. Antworten von Sri Ramana Maharshi an seine Schüler. Lüchow: Kreuz Verlag

Verweise:
[1] http://www.sriramanamaharshi.org/
[2] http://www.arunachala-ramana.org/
[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Ramana_Maharshi
[4] https://web.archive.org/web/20090813133256/http://www.paranormal.de/yoga/weg/ramana.htm/


4.1.2 Mata Amritanandamayi/Amma

Foto: Sri Mata Amritanandamayi (http://www.holisticnetwork.com)

Leben und Lehre

Amma ist ein Guru aus Kerala, Südindien, mit einer weltweiten großen Anhängerschaft. Sie wurde am 27. September 1953 in Kerala als Kind einer armen Fischerfamilie geboren. Sie besuchte nur drei Jahre die Schule und absolvierte eine Ausbildung zur Näherin. Im Alter von 22 Jahren hatte sie ihre erste Verschmelzungs-Erfahrung mit der Gottheit Krishna, den sie seitdem sehr verehrt. Amma war bewußt, daß es hinter der offensichtlichen, physischen Welt der Namen und Formen eine höhere Realität gibt, was sie dazu veranlaßte, stets allen Menschen in Liebe und Mitgefühl zu begegnen. Von frühester Kindheit an fragte sie sich, warum die Menschen in dieser Welt leiden müssen, warum sie arm sind und hungern müssen. Seit frühester Kindheit wußte sie, daß nur Gott - das Selbst, die Höchste Energie - die Wahrheit ist und daß der Welt keine eigenständige, absolute Realität zukommt. Die grundlegende Erfahrung, die sie schon in sehr jungen Jahren machte, mit der Welt eins zu sein, mit der gesamten Schöpfung zu verschmelzen, machte ihre Lebensaufgabe klar: Sie wollte der leidenden Menschheit helfen. Dies war der Beginn ihrer spirituellen Bestimmung.

Heute verbringt Amma den größten Teil des Jahres auf Reisen, um mit ihren Worten und der tröstenden Umarmung, die sie jedem, der es wünscht, zukommen läßt, zu helfen.

Foto: Amritapuri Ashram, Kerala, Südindien (http://www.amma-europe.org/)

In ihrem Ashram in Amritapuri, Kerala, Südindien, leben konstant etwa 3000 Menschen und täglich kommen viele mehr um mehrere Wochen oder Tage hier zu verbringen. Im Rahmen von Ammas weitem Netzwerk karitativer Projekte bauen ihre Schüler Häuser für Obdachlose, zahlen Renten an Bedürftige und ermöglichen Kranken medizinische Versorgung. Zahllose Menschen auf der ganzen Welt wirken an diesen liebevollen Bemühungen mit.

„Schlußendlich“, sagt Amma, „ist Liebe die einzige Medizin, welche die Wunden der Welt heilen kann. Es ist die Liebe, die in diesem Universum alles zusammenhält. Wenn dieses Bewußtsein in uns erwacht, verschwindet alle Disharmonie, und es wird nur noch Frieden herrschen." (Amma 2005: 11)


Literatur:

Amma. 2005. Die Kraft der Liebe. Berlin: Theseus

Mata Amritanandamayi. 2001. Der Weg der Weisheit und Liebe. Berlin: Theseus

Cornell, Judith. 2002. Amma- das Leben umarmen. Berlin: Theseus

Darshan, die göttliche Umarmung. Frankreich 2005. Dokumentarfilm. Regie: Jan Kounen

www.amritapuri.org[1]

www.amma.de[2]

www.amma.org[3]

Verweise:
[1] http://www.amritapuri.org
[2] http://www.amma.de
[3] http://www.amma.org


4.1.3 Bhagvan/Osho

Foto: Bhagwan Shree Rajneesh (http://www.yoga-vidya.de/)

Leben und Lehre

Bhagwan Shree Rajneesh war ein indischer Philosophieprofessor und spiritueller Lehrer, er wurde 1931 in Madhya Pradesh, Indien geboren und starb 1991 in Puna, Maharashtra. Seine Familie gehörte zur Religionsgemeinschaft der Jainas. Er wurde bereits sehr früh mit dem Tod konfrontiert, sein geliebter Großvater, bei dem er auch aufwuchs, starb als er sieben Jahre alt war, seine Freundin und Cousine als er fünfzehn Jahre alt war. Beide Verluste trafen ihn tief und bereits seine Jugend war von Depression, Melancholie und chronischen Kopfschmerzen geprägt. Im Alter von neunzehn Jahren begann Rajneesh sein Studium der Philosophie in Jabalbur. Noch während des Studiums hatte er in einem Park in Jabalpur während einer Vollmondnacht in Meditation versunken eine außergewöhnliche Erfahrung, in der er sich von Glückseligkeit überwältigt fühlte – eine Erfahrung, die er später als seine spirituelle Erleuchtung beschrieb. Ab 1958 war Rajneesh zuerst als Lektor und später als Professor für Philosophie an der Universität Jabalpur tätig. Ab den 1960er Jahren unternahm Rajneesh, neben seiner Lehrtätigkeit, erste ausgedehnte Vortragsreisen durch Indien.

Bei einer öffentlichen Meditationsveranstaltung in Bombay in Frühling 1970 präsentierte Rajneesh erstmals die von ihm entwickelte „Dynamische Meditation“, die wie die Kundalini-Meditation zu den aktiven Meditationstechniken zählt, bei der körperliche Arbeit eine zentrale Rolle spielt. Durch Bewegung und schnelles vertieftes Atmen soll diese Technik zu einer intensiven Katharsis führen. Schreien, Weinen, Lachen und Wutausbrüche sind Erscheinungsformen dieser Katharsis, die eine Befreiung darstellt und das Ziel hat, zu innerer Stille und Ruhe zu finden.

Im März 1974 zogen Rajneesh, der sich mittlerweile Bhagwan (Sanskrit „der Gesegnete“) nannte, mit seinen Anhängern in den neuen Ashram in Puna, Maharashtra, um. Die nächsten Jahre waren geprägt von einer ständigen Expansion und einer starke Zunahme der Anhängerschaft, besonders aus Ländern aus dem Westen. Eine wesentliche Rolle spielte die eklektische Kombination von östlichen Meditations- und westlichen Therapietechniken. Bhagwan vertrat ein Konzept der holistischen Psychologie und Therapiegruppen wurden bald ein wesentlicher Bestandteil des Ashram-Angebots.

Im Grunde war Bhagwan gegen jedes Glaubenssystem und betonte den Wert der authentischen religiösen Erfahrung gegenüber der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religion. Der Weg zur authentischen religiösen Erfahrung liegt in seiner Lehre darin, das Leben als Ganzes anzunehmen, es in allen Aspekten zu lieben und zu verehren und täglich zu feiern. Der Meditation kommt dabei eine wichtige und zentrale Rolle zu:

„Normalerweise ist unser Bewußtsein von einem Schutthaufen zugedeckt. Und im Kopf geht es zu wie zur Hauptverkehrszeit: Da verkehren Gedanken, Sehnsüchte, Erinnerungen, ehrgeizige Vorstellungen, da herrscht ständiger Verkehr! … Dies ist der Zustand ohne Meditation. Meditation ist genau das Gegenteil. Wenn Funkstille im Kopf ist, wenn alles Denken aufhört, kein Gedanke sich regt, kein Verlangen auftaucht, wenn du absolut still bist, diese Stille ist Meditation. In dieser Stille erkennt man die Wahrheit, und nur in dieser Stille.„ (Osho, 1999: 382)

Obwohl Osho zu seinen Lebzeiten als eine hochumstrittene Persönlichkeit galt, hat er bis zum heutigen Tag Hunderttausende AnhängerInnen auf der ganzen Welt. Seine Bücher wurden in zahllose Sprachen übersetzt und die von ihm gegründete Bewegung hat heute etwa 300 Meditationszentren in 45 Ländern. Oshos Werke erfreuen sich internationaler Popularität, seine aktiven Meditationstechniken sind weit über seine Bewegung hinaus bekannt geworden.

Oshos Ashram in Poona hat sich zum Osho International Meditation Resort, einem der beliebtesten Reiseziele Indiens, entwickelt.

Literatur:

www.osho.com[1]

www.oshotimes.de[2]

http://www.youtube.com/user/OSHOInternational[3]

www.sannyas.net[4]

http://de.wikipedia.org/wiki/Osho[5]

http://en.wikipedia.org/wiki/Osho[6]

http://www.relinfo.ch/osho/ashram.html[7]

http://www.swami.de/archivmain.htm[8]

Auswahl:

Rajneesh, Bhagwan.1979. Sprengt den Fels der Unbewußtheit. Ein Darshan-Tagebuch. Osho-Verlag.

Rajneesh, Bhagwan.2001. Tod: Höhepunkt des Lebens. Osho-Verlag.

Rajneesh, Bhagwan.2003. Heilung: Von der Medizin zur Meditation. Heyne.

Osho. 1998. The Book of secrets. The Key to Love and Meditation. St. Martin’s. Griffin.

Osho. 2004. Das Buch vom Ego. Von der Illusion des Ichs zur Freiheit des Seins. Heyne.

Osho. 2004. Mut. Lebe wild und gefährlich. Ullstein Tb.

Osho. 2004. Meditation: The first and last freedom. St. Martin’s. Griffin.

Verweise:
[1] http://www.osho.com
[2] http://www.oshotimes.de
[3] http://www.youtube.com/user/OSHOInternational
[4] http://www.sannyas.net
[5] http://de.wikipedia.org/wiki/Osho
[6] http://en.wikipedia.org/wiki/Osho
[7] http://www.relinfo.ch/osho/ashram.html
[8] http://www.swami.de/archivmain.htm


Nächstes Kapitel: 4.2 Weitere


↑ Nach oben


Vorheriges Kapitel: 4.1 Hinduistischer Hintergrund

4.2 Weitere

verfasst von Manfred Kremser und Veronica Futterknecht

Im folgenden werden "Neue religiöse Bewegungen" besprochen, die sich während der letzten beiden Jahrzehnte im Westen entwickelt haben und deren Philosphie und Praxis nicht eindeutig einer der grossen Weltreligionen zugeordnet werden kann.

A Course in Miracles könnte jedoch am ehesten als eine neue religiöse Bewegung mit christlichem Hintergrund beschrieben werden. Der Kurs bedient sich christlicher Termini und schlägt einen mytischen Heils- und Erlösungsweg vor, der auf die unio mystica, die Verschmelzung mit Gott und dem Erkennen der Natur Gottes im eigenen Geist abzielt.

Das Avatar-Training nach Harry Palmer findet seinen Ursprung in den Lehren und der Philosophie von Scientology, der Palmer viele Jahre angehörte. Die Idee von Gott oder von einem höheres Bewusstsein findet in diesem Kontext keine Verwendung. Jedem einzelnen Individuum wird uneingeschränktes Schöpferpotential zugedacht, nichts Göttliches oder Vollkommenes kann außerhalb des Menschen selbst gefunden werden.

Der amerikanische Meister Samarpan schließlich vertritt eine Lehre, die sich am ehesten mit dem indischen Advaita vergleichen lässt und im Kernpunkt die These vertritt, dass es einzig und allein darum geht, durch den Dschungel des diskursiven, rationalen Verstands den Weg zurück in die Gegenwart zu finden um dort in Stille, Freude und Einsicht das Leben da wahrzunehmen, wo es nun mal passiert - in der Gegenwart.

Inhalt


4.2.1 A Course in Miracles

4.2.1.1 Entstehungsgeschichte

Entstehung

Helen Schucman (1909-1981) war eine US-amerikanische Psychologin, die das spirituelle Werk Ein Kurs in Wundern ihren eigenen Angaben zufolge nach de Durchsage einer inneren Stimme niederschrieb. Helen, das Kind halbjüdischer Eltern, begann bereits in früher Jugend sich intensiv mit der christlichen Mystik und der Suche nach Gott als dem transzendenten Absoluten, auseinanderzusetzen. Der Niederschrift des Ein Kurs in Wundern gingen demzufolge zahlreiche mystische Erlebnisse und Licht-Einheits-Erfahrungen voraus. Helen arbeitete an der medizinischen Fakultät der Columbia University in New York, doch war das Arbeitsklima, speziell das Verhältnis mit ihrem nächsten Vorgesetzten stets geprägt von Ärger und beiderseitigen aggressiven Gefühlen.

Eines Tages kam es zu einem Eklat, Helens Chef, William Thetford, verkündete unmissverständlich, dass er nicht mehr gewillt war in einer Atmosphäre der Ungeduld und Aggression weiterzuarbeiten. Dieses Stichwort initiierte die inspirative Schöpferkraft Helens und markierte den Beginn der Niederschrift des Buches.

Schucman begann nach ihren Angaben eine innere Stimme zu hören, die ihr in den folgenden sieben Jahren insgesamt drei Bände des Ein Kurs in Wundern diktierte. Schucman bezeichnete sich selbst stets als "Schreiberin" und postuliert damit, dass sie während des Schreib-Prozesses stets gewahr und niemals in einen Trancezustand oder veränderten Bewusstseinszustand fiel.

Organisation

Eine der Hauptdachorganisationen des Ein Kurs in Wundern ist die Foundation for Inner Peace, die 1983 gegründet, ihr Hauptquartier seit 2001 in Temecula, Kalifornien hat. Der Hauptzweck der Foundation besteht darin, SchülerInnen von Ein Kurs in Wundern zu helfen, das Verständnis des Denksystems sowohl theoretisch als auch praktisch zu vertiefen, damit sie wirkungsvollere Instrumente der Lehren Jesu in ihrem eigenen Leben werden können.

Literatur:

A Course in Miracles. 2007. Foundation for Inner Peace.

Ein Kurs in Wundern. 7.Auflage 2006. Gutach i. Br.: Verlag Greuthof.

Dawson, Michael.1997. Im Ursprung liegt die Heilung: Der KURS, die Vergebung und die Praxis. 1.Auflage. Verlag Greuthof.

Wapnick, Kenneth. 2006. Wunder als Weg: Die 50 Grundsätze der Wunder in EIN KURS IN WUNDERN. 4.Auflage. Verlag Greuthof.

http://www.relinfo.ch/acim/info.html[1]

http://en.wikipedia.org/wiki/Helen_Schucman[2]

http://www.acim.org[3]

http://www.facim.org[4]

http://de.spiritualwiki.org/Wiki/EinKursInWundern[5]

Verweise:
[1] http://www.relinfo.ch/acim/info.html
[2] http://en.wikipedia.org/wiki/Helen_Schucman
[3] http://www.acim.org
[4] http://www.facim.org
[5] http://de.spiritualwiki.org/Wiki/EinKursInWundern


4.2.1.2 Philosophie und Praxis

Philosophie

"Nichts Wirkliches kann bedroht werden.

Nichts Unwirkliches existiert.

Hierin liegt der Friede Gottes."

Der Kurs trifft eine grundlegende Unterscheidung zwischen dem Wirklichen und dem Unwirklichen, zwischen Erkenntnis und Wahrnehmung. Erkenntnis ist Wahrheit - unter einem einzigen Gesetz, dem Gesetz der Liebe oder Gottes. Die Wahrheit ist unveränderlich, ewig und unzweideutig. Sie kann unerkannt sein, aber sie kann nicht verändert werden. Sie gilt für alles, was Gott erschaffen hat, und nur das, was er erschaffen hat, ist wirklich. Sie liegt jenseits des Lernens, weil sie jenseits von Zeit und Prozess liegt. Sie hat kein Gegenteil, keinen Anfang und kein Ende. Sie ist einfach. Die Welt der Wahrnehmung andererseits ist die Welt der Zeit, der Veränderung, der Anfänge und der Enden. Sie beruht auf Deutung, nicht auf Tatsachen. Sie ist die Welt der Geburt und des Todes, gegründet auf dem Glauben an Mangel, Verlust, Trennung und Tod. Sie wird gelernt statt gegeben, ist selektiv in ihren Wahrnehmungsschwerpunkten, instabil in ihrer Funktionsweise und falsch in ihren Deutungen. (aus: Ein Kurs in Wundern, S.XVIII)

Gottes-Definition des Ein Kurs in Wundern

Gott ist das ewig wahre, unveränderbare, schöpferische Prinzip. Gott ist nicht getrennt von seiner Schöpfung und wir nicht von ihm. Sich selbst zu erkennen bedeutet Gott zu erkennen, Gott zu erkennen bedeutet sich selbst zu erkennen. '

Praxis

Die Praxis des Kurs in Wundern ist ein konsequentes Geistestraining mit 365 Lektionen, für jeden Tag des Jahres. Im Laufe dieses Prozesses verwandelt sich die gespaltene und mit Urteilen behaftetete Wahrnehmung in eine reine und liebevolle Gegenwärtigkeit. Man wird gebeten die vorgegebenen Lektionen kontinuierlich und spezifisch auf alles anzuwenden, was sich in seinem Leben konkret ereignet.

Beispiel:

Lektion 99

"Erlösung ist die einzige Funktion, die ich hier habe."

Erläuterung: Erlösung und Vergebung sind dasselbe. Beide setzen voraus, dass etwas falsch gelaufen ist; etwas, von dem man erlöst oder das vergeben werden muss; etwas verkehrtes, etwas, das losgelöst oder verschieden ist vom Willen Gottes. So setzen beide Begriffe etwas voraus, das unmöglich und doch geschehen ist, was einen Zustand des Konflikts zur Folge hat, der zwischen dem gesehen wird, was ist, und dem, was nie sein konnte.


4.2.2 Avatar/Harry Palmer

Foto: Avatar-Begründer Harry Palmer (http://www.avatar-london.co.uk)


4.2.2.1 Entstehungsgeschichte

Entstehung

Die Gründung des Avatar-Netzwerkes geht auf den amerikanischen Autor und Gründer sowie Inhaber der Firma Star’s Edge International, Harry Palmer, zurück und wurde im Jahr 1986 in Orlando, USA ins Leben gerufen. Harry Palmer war zuvor seit 1972 für die Scientology-Kirche tätig und betrieb eine unabhängige Mission in Elmira, New York. Palmer trennte sich im Jahr 1985 von Scientology und gründetet sein eigenes, unabhängiges geistiges Trainingsprogramm und Netzwerk.

Organisation

Palmers Bücher und Kursunterlagen wurden in 20 Sprachen übersetzt und seit 1986 haben etwa 65.000 Menschen weltweit einen Avatar-Kurs absolviert.

Literatur:

Palmer, Harry.7.Auflage 2005. Avatar: Die Kunst befreit zu leben. Bielefeld: Verlag Kamphausen.

Palmer, Harry.1994. Living Deliberately: The Discovery and Development of Avatar. Star’s Edge International.

Palmer, Harry. 1995. Resurfacing: Wiederauftauchen. Techniken zur Erforschung des Bewusstseins. Bielefeld: Verlag Kamphausen.

Palmer, Harry.1997. Resurfacing: Techniques for Exploring Consciousness. Star’s Edge Creations.

Palmer, Harry.2000. Das Thoughtstorm Handbuch. Eine Evolution des menschlichen Denkens. Bielefeld: Verlag Kamphausen.

http://de.wikipedia.org/wiki/Harry_Palmer[1]

http://www.avatarepc.de[2]

http://www.avatarepc.com[3]

Verweise:
[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Harry_Palmer
[2] http://www.avatarepc.de
[3] http://www.avatarepc.com


4.2.2.2 Philosophie und Praxis

Philosophie

Um es auf den Punkt zu bringen, kann die Grund-Idee von Avatar folgendermassen ausgedrückt werden:

Jedes Wesen ist Ursprung seiner eigenen Realität, welche durch Überzeugungen erschaffen wird.

"Überzeugung definiert Realitäten, Erfahrung löst sie auf. Dies ist der Kreislauf der Schöpfung. Die Realität ist das Jetzt, und sie beginnt und endet bei einem selbst! Eine Schöpfung beginnt mit einer Aussage (ursprüngliche Überzeugung), die eine Realität definiert. Anschließend (oder später) wird sie von dem Schöpfer erfahren. Zeit ist definiert durch das Intervall zwischen der Äußerung der ursprünglichen Überzeugung und der Schlussfolgerung aus der Erfahrung.(...) Im Zuge der Auflösung unserer Urteile und Widerstände und der Vertiefung unserer geistigen Ruhe gewinnen wir die Fähigkeit zurück die grundlegenden Überzeugungen zu erfahren welche die gesamte Wirklichkeit erschaffen. Wenn wir jeden Zustand, in dem wir uns wieder finden, erfahren, zeigt sich uns die nächste Ebene der Überzeugungen. Haben wir dann diese Ebene erfahren, erscheint die nächste, und so weiter. Überzeugungen tauchen in dieser Reihenfolge auf:

  • Überzeugungen, welche die Umstände unseres Lebens erschaffen
  • Überzeugungen, von Bedürfnissen und Verpflichtungen
  • Überzeugungen, von Verantwortung und Inbesitznahme
  • Überzeugungen, die Identitäten schaffen
  • Überzeugungen, die Zeit entstehen lassen
  • Überzeugungen, welche die Natur der Materie definieren
  • Überzeugungen, welche die Verhaltensweise von Energie definieren
  • Überzeugungen, die Raum entstehen lassen" (aus: Die Kunst befreit zu leben, S. 107-110. 2005).

"Angst ist die Überzeugung von unserer Unzulänglichkeit mit etwas klar zu kommen." (aus: Die Kunst befreit zu leben, S.92. 2005)

Was ist Avatar?

Avatar befasst sich mit geistigen Schöpfungen, die ihre Grundlage in Überzeugungen haben (Kreationen). Hierzu zu zählen wären: alles, was Begrenzungen oder Grenzen in Raum, Zeit oder Bewusstsein hat.

Das Avatar-Training befasst sich im Konkreten mit dem Erkennen, Identifizieren und optionalem Auflösen von Glaubenssystemen und geistigen Begrenzungen. Das Ziel ist eine größere Verbindung und differenziertere Wahrnehmung der persönlichen Realität. Durch Entwickeln von Fähigkeiten, die die verborgenen Überzeugungen erkennen lassen, soll eine Wahrnehmung, unverzerrt und frei von Werturteilen, etabliert werden. Dadurch entsteht die Möglichkeit, die persönliche Realität dauerhaft zu verändern und gleichzeitig im Frieden mit sich selbst und anderen zu weilen.

Avatar ist demnach ein geistiges Trainingsprogramm, dessen Grundkonzept in einem 9-Tage-Basis Kurs vermittelt werden kann.

"Die Mission von Avatar in der Welt ist es, die Integration von Glaubenssystemen zu beschleunigen. Wenn wir wahrnehmen, dass wir uns allein durch unsere Überzeugungen voneinander unterscheiden und dass diese mit Leichtigkeit erschaffen und ent-schaffen werden können, dann kommt das Spiel von Richtig und Falsch zum Ende, und der Weltfrieden wird daraus folgen." (Zitat: Harry Palmer: http://www.avatarepc.de[1])

Praxis

Die Praxis des Avatar-Trainings wird in Form von drei aufeinanderfolgenden Kursen vermittelt. Der erste Kurs besteht aus drei Teilen, dem Resurfacing-Workshop, den Übungen und den Techniken. Der Workshop bietet allgemeine Vor-Informationen und philosophische Hintergründe von Avatar. In den Übungen bekommt man Einblicke in die Schöpfungsprozesse und die Fähigkeit, selbst Realitäten zu erschaffen. In den Techniken sollen die Prinzipien hinter der Auflösung von geistigen Vorstellungen und Glaubensmustern demonstriert und geübt werden.

Verweise:
[1] http://www.avatarepc.de


4.2.3 Samarpan

Foto: Samarpan (http://www.wikipedia.org)

"Was auch immer für ein Gefühl der Verstand einsetzt, um dich unter Kontrolle zu halten – solange du bereit bist, das Gefühl zu fühlen, hat der Verstand keine Chance."

"Wenn du weißt, dass du nicht weißt, ist das Leben ein Abenteuer."

(https://web.archive.org/web/20080313002722/http://www.samarpan.de/zitate_d.htm[1])

Verweise:
[1] https://web.archive.org/web/20080313002722/http://www.samarpan.de/zitate_d.htm


4.2.3.1 Philosophie und Praxis

Samarpan wurde 1941 in San Francisco geboren und lehrt vorwiegend in Deutschland, Österrreich und der Schweiz als Advaita-Meister. Er wuchs in einer religiösen Familie auf, besuchte ein Priesterseminar und studierte anschliessend Psychologie. 1981 fand er zum indischen Mytiker Osho[1] und lebte fortan in seinem Zentrum in Oregon. Von Osho erhielt er auch den Namen Samarpan, was soviel wie Hingabe bedeutet.

Während eines Retreats mit Gangaji realisierte Samarpan mit absoluter Klarheit, dass da niemand ist, keine Person, kein Ich, niemand, der erleuchtet oder nicht erleuchtet sein könnte, und dass seine individuelle Persönlichkeit nur aus Konzepten, Meinungen und Vorstellungen besteht, aber in Wirklichkeit nie existiert hat. Er erkannte, dass diese Abwesenheit einer Person der Frieden ist, nachdem er so lange gesucht hatte. (Vgl.: https://web.archive.org/web/20080730015316/http://www.samarpan.de/samarpan_d.htm[2])

Samarpans Belehrungen sind von Klarheit und Humor geprägt. Mit Sensibilität begleitet er die Menschen durch ihre persönlichen, manchmal leidvollen, Prozesse und erinnert daran, dass es vorwiegend darum geht, dem rationalen Verstand die Aufmerksamkeit zu entziehen, damit sich die dahinterliegende Wahrheit offenbaren kann. Hinter der Fassade des dualen, intellektuellen Geistes liegt ein natürlicher, grosser Friede, der in der Stille und Gegenwart der Meditation erfahren werden kann.

Literatur:

https://web.archive.org/web/20080609092802/http://www.samarpan.de/satsang_d.htm[3]

http://de.wikipedia.org/wiki/Samarpan[4]

Samarpan. 2003. Glücklichsein in jedem Moment. Bielefeld: Verlag Kamphausen

Verweise:
[1] Siehe Kapitel 4.1.3
[2] https://web.archive.org/web/20080730015316/http://www.samarpan.de/samarpan_d.htm
[3] https://web.archive.org/web/20080609092802/http://www.samarpan.de/satsang_d.htm
[4] http://de.wikipedia.org/wiki/Samarpan


Nächstes Kapitel: 4.3 Buddhistischer Hintergrund


↑ Nach oben


Vorheriges Kapitel: 4.2 Weitere

4.3 Buddhistischer Hintergrund

verfasst von Manfred Kremser und Veronica Futterknecht

In den folgenden Kapiteln werden "Neue religiöse Bewegungen"[1] besprochen, die ihre philosophischen und praktischen Zugänge aus den buddhistischen Lehren beziehen.

Die folgenden buddhistischen neuen religiöse Bewegungen sind überwiegend in Europa entstanden, was darauf zurückzuführen ist, dass der jeweilige Begründer und Meister aus Asien, im speziellen aus Tibet, fliehen musste und in einem europäischen Land eine neue Heimat und die Mehrheit seiner SchülerInnen fand. Von den hier aufgeführten Bewegungen lebt einzig S.N. Goenka, der Begründer und Erneuerer der Vipassana-Meditation nach wie vor in Indien. Die Gründer der anderen hier erwähnten religiösen Bewegungen haben ihre Zentren in Europa und vermitteln die buddhistischen Lehren fast ausschliesslich an eine westliche Zuhörer- und SchülerInnenschaft.

Verweise:
[1] Siehe Kapitel 4

Inhalt

4.3.1 Thich Nhat Hanh

Foto: Thich Nhat Hanh (http://www.plumvillage.org)

Thich Nhat Hanh gehört zu den bekanntesten und einflußreichsten spirituellen Lehrern der Gegenwart. Er wurde 1926 in Süd-Vietnam geboren und trat im Alter von 16 als Novize in den Tu-Hieu Tempel in Hue ein.

Während des Vietnam-Krieges (1964-1975) engagierte er sich für dessen Opfer, trat gegen die Verletzung der Menschenrechte in aller Welt auf und verurteilte das atomare Wettrüsten. Thich Nhat Hanh zählt zu den profiliertesten Vertretern der buddhistischen Friedensbewegung. Seinen Wohnsitz hat er im westlichen Exil, in Frankreich, wo er das Zentrum "Plum Village" gründete, und in den USA. Von dort ausgehend ist er besonders in der westlichen Welt bekannt.


4.3.1.1 Tiep

Ein wichtiger Schritt im Leben Thich Nhat Hanhs war 1966 die Gründung des „Orden des Interseins“. Im Vietnamesischen lautet der Name des Ordens Tiep Hien. Das Wort Tiep bedeutet „in Berührung sein mit“ und „fortsetzen, weiterführen“. Hien bedeutet „verwirklichen“ und “etwas hier und jetzt tun“. Um den Geist des Ordens wie auch Thich Nhat Hanhs besser verstehen zu können, ist es sehr hilfreich, sich näher mit diesen beiden Begriffen auseinanderzusetzen.

Tiep bedeutet also in Berührung sein, in Berührung sein mit der Wirklichkeit der Welt und der Wirklichkeit unseres Geistes.

Mit der Wirklichkeit des Geistes in Berührung sein bedeutet, sich der Vorgänge in unserem Inneren bewußt zu sein, unserer Gedanken, Emotionen, Wahrnehmungen und geistigen Formationen. Es bedeutet, auch die wahre Natur unseres Geistes, unseren wahren Geist, den Urquell unseres Verstehens und Mitgefühl wiederzuentdecken und zu realisieren, daß wir letztendlich niemals von ihm getrennt waren und es nie sein werden. Sind wir mit unserem wahren Geist in Berührung, ruhen wir in der wahren Natur unseres Geistes, so werden wir mit Verständnis und Lebenskraft, Weisheit und Mitgefühl erfüllt. Laut Thich Nhat Hanh sind wir dann in Verbindung mit allen Buddhas, Bodhisattvas und erleuchteten Wesen, die uns den Weg weisen zu Verstehen, Frieden und Glück.

Mit der Wirklichkeit der Welt in Berührung sein bedeutet, in Berührung sein mit allen Erscheinungen, allen Phänomenen der Welt, den menschlichen, tierischen, pflanzlichen und mineralischen. Um wirklich in Berührung sein zu wollen, müssen wir unsere Überzeugungen, daß wir, unser Ego, das Zentrum sei, verlassen, um so in der Lage sein zu können allen Menschen, Tieren, Pflanzen, Mineralien, allem was lebt und existiert, aus einem gesammelten, präsenten, gegenwärtigen und achtsamen Inneren heraus begegnen zu können.

Tiep, im Sinne Thich Nhat Hanhs, bedeutet also einerseits „in Berührung sein mit unserem Geist und der Welt“, andererseits auch „etwas fortsetzen oder weiterführen“. Damit meint Thich Nhat Hanh den Erleuchtungsweg der Buddhas und aller Bodhisattvas, der erwachten und erleuchteten Wesen.


4.3.1.2 Hien

Schließlich bedeutet hien „etwas verwirklichen“, nicht in der Welt der starren Lehrmeinungen und Vorstellungen zu verharren, sondern die erfahrenen Einsichten im realen, wirklichen Leben Tag für Tag zum Einsatz zu bringen. Verstehen und Mitgefühl werden so zu einer Wirklichkeit, einer Tatsache in unserem Leben, man kann sie sehen und fühlen. Doch ist mit Verwirklichung nicht allein unser Handeln gemeint. Zuallererst muß jede/r Einzelne sich um persönliche und authentische Transformation bemühen, eine Transformation, die uns schließlich erlaubt, mit der Natur und den Menschen in Harmonie zu sein. Sind wir erst einmal mit der Quelle des Verstehens und Mitgefühl verbunden, mit der wahren Natur des Geistes, werden sich aller unser Tun und Handeln ganz selbstverständlich darauf ausrichten, Leben zu schützen, Gerechtigkeit zu leben und die Lebensqualität zu erhöhen.

Wollen wir Freude und Glück mit anderen teilen, so müssen Freude und Glück zuallererst in uns selbst vorhanden sein. Wollen wir inneren Frieden, geistige Klarheit, Vertrauen und Hingabe mit anderen teilen, müssen wir sie zuerst in uns selbst verwirklichen.

Hien bedeutet auch noch „etwas hier und jetzt tun“ und erinnert uns daran, daß nur der gegenwärtige Augenblick zur Gänze für uns verfügbar ist. Der Frieden und das Glück, nach denen wir alle streben, existiert nicht in ferner Zukunft irgendwann einmal, sondern wir haben jeden Augenblick ständig die Gelegenheit, Frieden und Zufriedenheit wirklich zu erfahren. Es ist also die Erkenntnis, daß der Weg das Ziel ist, eine Erkenntnis, die uns erlaubt, alle Aktivitäten, alles Tun und Denken achtsam und friedlich anzugehen.

Das Verständnis des buddhistischen, spirituellen und geistigen Hintergrunds des von Thich Nhat Hanhs gegründeten Tiep Hien-Ordens, des Ordens des Interseins, ist maßgeblich und wichtig für ein Verstehen seiner Lehren und der besonderen Art und Weise, wie er die Lehren Buddhas der westlichen Welt vermittelt und zu Herzen bringt.


4.3.1.3 Die Rechte Achtsamkeit

In seinem Schaffen verknüpft er in origineller Weise Elemente des Zen-Buddhismus mit solchen des Theravada-Buddhismus (Vipassana). Der Begriff der Achtsamkeit nimmt in seinen Werken eine zentrale Stellung ein und meint ein bewußtes Erleben jedes gegenwärtigen Augenblicks, ein Verweilen im Jetzt, eine klare Bewußtheit bei allen Handlungen. Achtsamkeit ist in diesem Sinne sowohl Mittel als auch Ziel, gleichzeitig Same und Frucht. Wenn wir Achtsamkeit üben, um zu besserer Konzentration zu gelangen, dann ist Achtsamkeit der Same. Achtsamkeit ist jedoch das Leben selbst, wo Achtsamkeit herrscht, ist Leben, somit ist Achtsamkeit auch die Frucht.

Um zu einem grundlegenderen Verständnis der Achtsamkeit im Sinne Thich Nhat Hanhs zu gelangen, wurden in diesem Zusammenhang zwei seiner Texte genauer untersucht, Das Herz von Buddhas Lehre, Leiden verwandeln – die Praxis des glücklichen Lebens, sowie Lebendiger Buddha, lebendiger Christus, Verbindende Elemente der christlichen und buddhistischen Lehren. Als Grundlage verwenden wir das Sattipatthana Sutra über die vier grundlegenden Aspekte der Achtsamkeit.

Die im Sattipatthana Sutra vermittelte Meditationstechnik war ursprünglich eine spirituelle Technik, bei der die rein formale und inhaltsneutrale Fähigkeit zum bewußten Beobachten geschult werden sollte. Demnach war sie eine äußerst nüchterne, für den Geist des älteren Buddhismus sehr typische Übung, die jedoch auch auf nichtbuddhistische Kontexte leicht übertragbar ist.

Im Laufe der buddhistischen Geistesgeschichte hat die Praxis der vier Konzentrationen der Aufmerksamkeit jedoch erhebliche Umgestaltungen erfahren, spirituelle Techniken wie die Atembeobachtung oder Leichenbetrachtung sind miteinbezogen worden.

In den Hinayana -Schulen beziehen sich die vier Konzentrationen der Aufmerksamkeit in erster Linie auf eine Betrachtung von Körper, Rede und Geist, alle Gegebenheiten werden als leidvoll, vergänglich und nicht- selbsthaft angesehen.

Im Mahayana werden die vier Konzentrationen der Aufmerksamkeit dann zu Betrachtungen der Leerheit und Unwirklichkeit der Betrachtungsgegenstände weiterentwickelt.

Die Lehre über die vier Konzentrationen der Aufmerksamkeit erweist sich also als ein Spiegel eines großen Stückes buddhistischer Ideengeschichte, in welchem sich fast alle wichtigen Theorien der verschiedenen Richtungen des Buddhismus widerspiegeln.


4.3.1.4 Die Sieben Wunder der Achtsamkeit

In seinem Buch „Das Herz von Buddhas Lehre“ vermittelt Thich Nhat Hanh anhand der Sieben Wunder der Achtsamkeit eine eingehende und grundlegende Perspektive über eine praktische Anwendung der Inhalte des Sattipatthana Sutras.

Das 1. Wunder der Achtsamkeit ist, daß Achtsamkeit uns zu wirklicher Präsenz verhilft. Auf diese Weise können wir den blauen Himmel, das Lachen eines Menschen wirklich wahrnehmen und davon berührt werden. Wenn wir mit wachem, klaren Bewußtsein im Hier und Jetzt verweilen, ist es uns möglich, das jeweilige Phänomen in seiner Totalität zu erfassen und wirklich zu spüren.

Das 2. Wunder der Achtsamkeit ist, daß Achtsamkeit unser Gegenüber gleichsam präsent machen kann. Nur wenn wir in Achtsamkeit einem Menschen begegnen, sind wir in der Lage ihn wirklich wahrzunehmen und sein Wesen zu erfassen. Wenn es uns also gelingt, mit freiem, offenem Geist und Herzen einem Menschen zu begegnen, so wird es uns auch gelingen, unterschiedliche Aspekte seiner Persönlichkeit wahrzunehmen. Gleichsam kann unsere uneingeschränkte Präsenz einem Menschen helfen das wache, klare Bewußtsein, das hinter allen Dingen ruht, auf diese Weise auch in sich selbst zu entdecken und zu empfinden.

Das 3. Wunder der Achtsamkeit ist, daß Achtsamkeit dem Objekt unserer Achtsamkeit Lebenskraft schenkt, ein Mensch kann Kraft erfahren durch unsere Achtsamkeit ihm gegenüber. Sind wir wirklich achtsam, so werden wir viele neue und wunderbare Dinge an geliebten Menschen entdecken, seine verborgenen Talente oder Wünsche.

Das 4. Wunder der Achtsamkeit ist, daß mit Hilfe unserer Achtsamkeit das Leiden in einem anderen Menschen gelindert werden kann. Wenn ein Mensch leidet und wir mit unserer vollen Aufmerksamkeit für ihn da sind, so wird ihm das helfen und sein Leid lindern. Diese vier Wunder gehören zum ersten Aspekt der Meditation: shamatha

Samatha (Pâli, wörtlich "Sammlung") ist eine buddhistische Meditationstechnik, die mit "geistiger Sammlung" oder "Geistesruhe" übersetzt werden kann. Zuerst muß also der Geist ruhig werden und aus den alltäglichen Zerstreuungen heraustreten.

Die nächsten drei Wunder der Achtsamkeit gehören zum 2. Aspekt der Meditation: vipassana

Vipassanā bezeichnet eine Meditationstechnik, die einen Geisteszustand kultiviert, der eine besondere Einsicht in innere mentale Phänomene erlaubt. Es handelt sich hierbei um eine der ältesten Meditationstechniken Indiens. Das Wort Vipassana bedeutet soviel wie "die Dinge zu sehen, wie sie wirklich sind".

Das 5. Wunder der Achtsamkeit ist Tiefes Schauen. Weil unser Geist nun zur Ruhe gekommen ist, wird uns Tiefes Schauen möglich, was bedeutet, die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind. Wir sind nun in der Lage sowohl Gedanken als auch Emotionen als vorübergehende, vergängliche Phänomene zu begreifen.

Das 6. Wunder der Achtsamkeit ist Verstehen. Indem wir zur Ruhe gekommen sind, und tief in die Natur der Dinge schauen, können wir die Zusammenhänge verstehen. Wenn wir achtsam sind, den gegenwärtigen Augenblick wirklich berühren, werden wir nun klar wahrnehmen, was wir vorher nur undeutlich gesehen haben. Wir beginnen zu verstehen, daß wir uns unser ganzes Leben lang mit den Inhalten unseres Geistes, wie Gedanken, Emotionen und Konzepte, identifiziert haben, und daß diese geistigen Inhalte von einer absoluten Ebene aus betrachtet leer sind, leer von einem eigenständigen, unabhängigen, aus sich selbst heraus existierenden Selbst.

Das 7. Wunder der Achtsamkeit ist Transformation, Verwandlung. Wenn wir Rechte Achtsamkeit praktizieren, berühren wir die heilenden Kräfte des Lebens, und können so beginnen unser eigenes Leid und das unserer Mitmenschen zu transformieren. Das bedeutet daß nur rechte Achtsamkeit und klares Erkennen der Tatsachen die Basis für wirkliche Wandlung bilden.


4.3.1.5 Vier Objekte zum Praktizieren von Achtsamkeit

Im Sutra über die Vier Grundlagen der Achtsamkeit werden Vier Objekte zum Praktizieren von Achtsamkeit angeführt:

Körper

Empfindungen / Gefühle

Geist

Objekte des Geistes


4.3.1.5.1 Körper

Viele Menschen empfinden ihren Körper nicht als ihr Zuhause, sie vernachlässigen ihren Körper und behandeln ihn schlecht. Zuallererst muß man deshalb seinen Körper mit Achtsamkeit als sein Heim begreifen, seinem Körper wirkliche Aufmerksamkeit schenken. Thich Nhat Hanh empfiehlt für unsere Meditation zu Beginn folgenden Gedanken der unsere bewußte Atmung begleiten soll.

„Ich atme ein und weiß ich bin in meinem Körper. Ich atme aus und schenke meinem Körper ein Lächeln.“

Wenn wir so praktizieren erneuern wir die Bekanntschaft mit unserem Körper und schließen Frieden mit ihm.

Unser Beobachten muß non-dual sein, wir registrieren im Geist unsere Körperhaltung und jede Veränderung in dieser Haltung, wir üben uns im Reinen Beobachten. Wenn wir gehen, sitzen, liegen oder stehen, wissen wir daß wir gehen, sitzen, liegen oder stehen.

Weiters versuchen wir jeden Körperteil bewußt wahrzunehmen, vom Scheitel bis zu den Fußsohlen. Hier geht es um ein bewußtes Registrieren, um ein in Kontakt treten mit allen Körperteilen, allen Organen.


4.3.1.5.2 Empfindungen/Gefühle

In jedem Moment sind wir von Gefühlen und Empfindungen unterschiedlicher Art erfüllt. Gefühle sind entweder angenehm, unangenehm oder neutral. Wir neigen dazu angenehme Gefühle zu bevorzugen und sie festhalten zu wollen, unangenehme geringer zuschätzen und sie abzulehnen. Hier geht es darum das Gefühl bewußt zu registrieren und zu beobachten, wobei es relevant ist, an Gefühlen weder zu haften noch sie abzulehnen.

„Rechte Achtsamkeit ist wie eine Mutter. Sie liebt ihr Kind immer, egal ob es fröhlich ist oder weint.“

Egal welches Gefühl aufsteigt, begrüßen wir es freundlich, wir bewerten es nicht, kategorisieren nicht in gut oder schlecht.

“Ich atme ein und weiß ein unangenehmes oder angenehmes Gefühl ist in mir. Ich atme aus und weiß ein unangenehmes oder angenehmes Gefühl ist in mir.“


4.3.1.5.3 Geist

Inhalt des Geistes sind die psychologischen Phänomene, auch Geistformationen genannt. Das Sutra Über die Vier Grundlagen der Achtsamkeit nennt 52 geistige Formationen, darunter Begehren, Wut, Nicht- Wissen, Erregung, Trägheit, Schläfrigkeit, Ruhelosigkeit, Zweifel etc. sowie die jeweiligen Entgegengesetzten Haltungen wie Freiheit von Begehren, Wut, Nicht-Wissen, Erregung, Trägheit, Schläfrigkeit, Ruhelosigkeit, Zweifel.

Die Übung der Achtsamkeit auf den Geist unterscheidet sich nicht von der Übung der Achtsamkeit auf den Körper. Man beobachtet achtsam, ohne sich einzumischen, zu bewerten oder zu urteilen, gleichmütig das Aufsteigen, Verweilen und Abklingen der geistigen Phänomene. Man erkennt sie, schaut tief in sie hinein, um ihre Substanz, ihre Wurzeln in der Vergangenheit und ihre möglichen Früchte in der Zukunft zu sehen, und praktiziert während dieser Betrachtung achtsames Atmen.


4.3.1.5.4 Objekte des Geistes

Gedanken, Konzepte, Bilder, Emotionen, Gefühle, Empfindungen, alles was wir verbal benennen können ist ein Objekt unseres Geistes. Jede unserer Geistformationen muß ein Objekt haben, auf das sie hin gerichtet ist. Sind wir wütend, beispielsweise, sind wir auf jemanden oder über etwas wütend.

Die Meditation über die Betrachtung der Wut nach Thich Nhat Hanh gestaltet sich in Ansätzen folgendermaßen:

„Wenn Wut in mir ist, bin ich mir bewußt: In mir ist Wut. (nicht: ich bin wütend) Wenn keine Wut in mir ist, bin ich ebenfalls bewußt: in mir ist keine Wut. Wenn Wut in mir aufzusteigen beginnt, bin ich mir dessen bewußt, bin mir der damit verbundenen Gedanken und des Objektes meiner Wut bewußt. Indem wir unsere Wut achtsam identifizieren verliert sie an Destruktivität“.


4.3.1.6 Literatur

Thich Nhat Hanh. 1995. Lebendiger Buddha, Lebendiger Christus. Augsburg: Goldmann Verlag Thich Nhat Hanh. 1988. Das Wunder der Achtsamkeit. Berlin: Theseus Verlag Thich Nhat Hanh. 1998. Vierzehn Tore des Achtsamkeit. Berlin: Theseus Verlag Thich Nhat Hanh. 1999. Das Herz von Buddhas Lehre. Freiburg Basel Wien: Verlag Herder

www.plumvillage.org[1]

www.intersein.de[2]

www.rothenfels.de[3]

Verweise:
[1] http://www.plumvillage.org
[2] http://www.intersein.de
[3] http://www.rothenfels.de


4.3.2 Chögyam Trungpa (Shambhala)

Chögyam Trungpa Rinpoche wurde 1940 in der osttibetischen Provinz Kahm geboren und war ein buddhistischer Linienhalter der tibetischen Kagyü- und Nyingma-Tradition. Er war der Elfte in der Linie der Trungpa Tulkus.

Foto: Chögyam Trungpa Rinpoche (http://www.shambhala.org/...)

Nach seiner Endeckung als Tulku wurde Chögyam Trungpa zum Mönch geweiht und erhielt umfassende Ausbildungen sowohl in der Tradition der Kagyu- wie auch der Nyingma Schule, die die älteste der vier Schulen des tibetischen Buddhismus ist. Im Jahre 1948 wurde er zum Mönchsnovizen ordiniert und im Alter von 18 Jahren bekam er die volle Mönchsordination. 1959 hatte er seine grundlegende Ausbildung voll abgeschlossen und war gezwungen vor der chinesischen Besatzung aus Tibet zu fliehen. Zu Fuß überquerte er den Himalaja nach Indien, wo er sich in der tibetischen Exilheimat Dharamsala in Nordindien niederließ. Von 1959 bis 1963 war er der geistige Berater der Young Lamas Home School in Dalhousie in Südindien, ein Amt das ihm der 14. Dalai Lama schon bald nach seiner Ankunft in Indien übertrug.

1963 erhielt er ein Stipendium für ein Studium in England, er verließ Indien und studierte vergleichende Religionswissenschaften, Philosophie und Bildende Kunst an der Universität von Oxford. Bereits in England begann er als Lehrer tätig zu werden. Zusammen mit Akong Tulku gründete er das Samye-Ling-Meditationszentrum in Schottland, das erste tibetisch-buddhistische Meditationszentrum im Westen.


4.3.2.1 Das Leben Chögyam Trungpa Rinpoches

Eine Reihe verschiedener Erfahrungen, darunter ein schwerer Autounfall, der in teilweise gelähmt hatte, haben dazu geführt, daß Trungpa Rinpoche seine monastischen Gelübde aufgab und dazu überging als weltlicher Lehrer zu wirken. 1969 schließlich gab Chögyam Trungpa seine Mönchsrobe zurück und heiratete die Engländerin Diana J. Pybus. Mit ihr folgte er der Einladung vieler seiner Schüler und siedelte in die USA über. Die buddhistischen Lehren fanden in den USA großen Anklang. In den kommenden zehn Jahren reiste Chögyam Trungpa nahezu durchgehend durch Nordamerika um zu unterrichten. In dieser Zeit hat er sechs Bücher herausgebracht, drei große Praxis-Zentren etabliert, eine Reihe Stadt-Zentren ins Leben gerufen und die Naropa Universität in Boulder, Colorado gegründet, die erste anerkannte buddhistische Universität in Nordamerika.

In dieser Zeit hat Trungpa Rinpoche auch die Dachorganisation Vajradhatu gegründet, die ihren Sitz ebenfalls in Boulder, Colorado hat, und die die Koordinationszentrale für die vielen kleineren Zentren bildet, die weltweit in westlichen Ländern, unter Rinpoches Anleitung und Unterstützung, entstanden. Vajradhatu steht ebenfalls in der Linie der Kagyü- und Nyingma-Tradition des tibetischen Buddhismus.

Essenz und Inhalt, sowie die wichtigsten Zielsetzungen der Vajradhatu-Organisation waren die Verbindung von Meditations-Praxis und Unterricht der buddhistischen Lehren, die in den mehr als hundert Stadt-Zentren angeboten wurden, während die größeren ländlichen Zentren längere, intensivere buddhistische Retreats und Studienaufenthalte organisierten. Die Studenten lernten, wie buddhistische Meditation ins alltägliche Leben integriert werden kann.

Chögyam Trungpa Rinpoche war von Anfang an ein hingebungsvoller, einfühlsamer Lehrer, der seine Schüler dazu ermutigte eine kontemplative, reflektierte Herangehensweise in all ihrem täglichen Tun zu etablieren.

Um Kunst ins alltägliche Leben in einer meditativen Art und Weise zu integrieren, rief er 1974 die Nalanda Foundation als Dachorganisation ins Leben. Nalanda umfaßt heute eine Vielzahl von traditionellen und modernen Disziplinen, die Kunst, Körperarbeit und Wissenschaft mit Meditation zusammenbringen. Jede Disziplin bietet einen eigenen Weg, Wachheit für die Welt zu entwickeln und Bewußtsein für die Gegenwart zu schaffen.


4.3.2.2 Die Shambhala-Vision

Als Hintergrund für seine Darstellungen, als Basis die buddhistischen Lehren einer westlichen Welt verständlich zu machen, entwickelte Chögyam Trungpa Rinpoche ein säkulares Meditations-Programm, das er Shambhala-Training nannte.

Er benutzt hier die Bilderwelt und Legende des Shambhala-Königreichs, machte aber immer sehr deutlich, daß er nicht die buddhistischeKalachakra-Lehre über Shambhala heranzog. Das Interesse Rinpoches an den Shambhala-Lehren ging auf seine Zeit in Tibet zurück, während er der oberste Abt der Surmang-Klöster war. Schon als junger Mönch studierte er tantrische Texte über das legendäre Shambhala-Reich, über die Wege dorthin und über dessen innere, mentale Bedeutung.


4.3.2.3 Geschichte eines Mythos

Das Kalachakra-Tantra ist ein spezielles Praxis-System aus der Gruppe der nondualen Yogatantras des tibetischen Buddhismus.

Kalachakra wurde nach der Überlieferung von Buddha Shakyamuni im Alter von 80 Jahren an der Stupa von Dhanyakataka in Südindien gelehrt. Das mit Kalachakra verbundene Praxissystem wurde aber in Indien erst im Jahre 966 n. Chr. verbreitet und gelangte um das Jahr 1024 nach Tibet. Die Praxis des Gottheiten-Mandala im Kalachakra-Tantra gilt als eine der höheren tantrischen Meditationpraktiken, die eine schnelle Entwicklung des Praktizierenden bis zur Erleuchtung in einem Leben ermöglichen soll.


4.3.2.4 Die Lehre nach Chögyam Trungpa

Die Shambhala-Vision gemäß Chögyam Trungpa Rinpoche steht nur marginal mit dem historischen, legendären Königreich, wie es im Kalachakra-Tantra Erwähnung findet, in Zusammenhang. Zwar beruft Rinpoche sich in gewisser Weise auf die im Kalachakra enthaltenen Lehren, doch finden sie in seinen Unterweisungen eine säkulare, non-theistische Auslegung.

Grundsätzlich geht es Rinpoche um die Idee und Realisierung einer erleuchteten Gesellschaft, die der Würde der menschlichen Erfahrung Ausdruck verleiht. Eine „erleuchtete Gesellschaft“, welche spirituelle Vision und meditative Übung mit den praktischen Anforderungen des gesellschaftlichen Zusammenlebens vereint, liefert die Grundlage für ein erfülltes persönliches Leben und eine blühende Kultur. Trungpa etablierte in diesem Zusammenhang eine praktische, weltliche Lehre, die jenseits religiöser Vorstellungen und Dogmen in erster Linie für Menschen aus dem Westen zugeschnitten ist. Auf diese Vision bezog sich Trungpa Rinpoche, wenn er von „Shambhala“ sprach.

„Die Shambhala-Lehre geht davon aus, daß es eine tiefe menschliche Weisheit, mit der die Probleme der Welt überwunden werden können, tatsächlich gibt. Und diese Weisheit gehört weder einer bestimmten menschlichen Kultur oder Religion, noch stammt sie nur aus dem Osten, oder nur aus dem Westen: Es ist die Tradition menschlicher Kriegerschaft, für die es aus allen Zeiten und vielen Kulturen Zeugnisse gibt.“ (Aus: Chögyam Trungpa, Das Buch vom meditativen Leben, S.23)


4.3.2.4.1 Der ursprüngliche Punkt - Die fundamentale Gutheit

Der ursprüngliche Punkt ist die fundamentale Reinheit, das grundlegende klare Gutsein, das jedes Wesen besitzt. Nachdem dieser Punkt keinen Bedingtheiten unterliegt, ist er weder von äußerlichen Einflüssen, noch von psychischen oder physischen Veränderungen beeinflußbar. Er ist frei von den positiven oder negativen Erfahrungen eines Menschen, und kann im Grunde weder von geistiger Verwirrung, negativen Geisteszuständen oder emotionalen Verfassungen, noch aber von positiven geistigen Zuständen in irgendeiner Weise getrübt, verdunkelt oder beeinflußt werden.


4.3.2.4.2 Die Praxis der Sitzmeditation

Die Basis für die erwähnte Einsicht in oder Erkenntnis des ursprünglichen Punktes oder der grundlegenden Gutheit bildet eine gewisse Wertschätzung, Sanftheit und zartfühlende Nachsicht gegenüber uns selbst. Es geht hier um die Entwicklung einer guten, sich selbst schätzenden, sich selbst liebenden Haltung, einer grundlegenden Wertschätzung gegenüber sich selbst, die das Fundament für die Wertschätzung und den Respekt gegenüber anderen bildet. Die Entwicklung jener Sanftheit kann in der Praxis der Sitzmeditation erfahren werden, die grundlegende Achtsamkeits-Meditation, die der Buddha vor über 2500 Jahren lehrte. Die Übung der Meditation dient dazu, sich seines Geisteszustandes gewahr zu werden, geistige Muster direkt zu erfahren und bewußt zu machen.

Chögyam Trungpa Rinpoche empfiehlt in seinem Shambhala-Training diese einfache stille Achtsamkeits-Meditation, bei der der Atem das Objekt der Meditation bildet. Durch die Übung der Sitzmeditation werden Achtsamkeit und Bewußtsein geschult, Konzentration, wie auch Disziplin werden gezielt geübt. Mit dieser Methode kann man sich selbst schulen ganz einfach und normal zu sein, um in Weite, Toleranz und Unvoreingenommenheit auftauchende Gedanken wahrzunehmen, ohne an angenehmen Gedanken und Emotionen zu haften oder unangenehme Gedanken und Emotionen abzulehnen oder zu verurteilen. Beim stillen Sitzen, indem man neutral dem Atem folgt, ist es möglich, eine Verbindung zu seinem Herzen herzustellen. Kriegerschaft gemäß Chögyam Tungpas bedeutet direkt mit unserer Situation zu arbeiten, so wie sie jetzt ist. Der erste Schritt zur Erfahrung des grundlegenden Gutseins besteht demnach in der Würdigung dessen, was wir haben. Rinpoche erwähnt in diesem Kontext den buddhistischen Terminus Bodhichitta, das Herz des erwachten Geistes, eine grundlegende Wertschätzung des menschlichen Potentials, sowie die Bereitschaft und den Mut dieses Potential zu erkennen und zu verwirklichen. Essentiell ist eine authentische, ehrliche Begegnung mit sich selbst, die Bereitwilligkeit sowie der Entschluß sich seine eigene Traurigkeit und Frucht einzugestehen, um schlußendlich diese Trauer und Angst zu überwinden und zu transzendieren.


4.3.2.5 Die Shambhala-Zentren

Basierend auf seiner Ausarbeitung und Adaptierung der Shambhala-Lehren hat Chögyam Trungpa und dann in weiterer Folge sein Sohn Sakyong Mipham Rinpoche der 1963 in Bodhgaya, Indien, geboren wurde, weltweit Meditationszentren gegründet, die das Ziel haben die buddhistischen Lehren in einen säkularen, weltlichen Zusammenhang zu bringen, um sie Menschen ohne spezifisch buddhistisch-religiösem Hintergrund nahe zu bringen. Die Shambhala-Zentren vereinen eine Gemeinschaft von Praktizierenden, die sich an den traditionellen buddhistischen Belehrungen und den Shambhala-Lehren über eine erleuchtete Lebensführung orientiert. In diesen Weg werden weitere kontemplative Disziplinen integriert.

Das Herzstück des Shambhala-Trainings, wie es in den Zentren gelehrt wird, ist die Praxis der Sitzmeditation. Mit Hilfe der Achtsamkeits/Gewahrseinspraxis die in Shambhala-Trainingsprogrammen gelehrt wird, ist man in der Lage, seinen eigenen Geisteszustand genau zu betrachten, ohne den Versuch, ihn in irgendeiner Weise zu verändern. Diese Praxis unterstützt die Fähigkeit, sich in jedem einzelnen Moment für sich selbst und seine Umwelt zu öffnen. Wenn man sich dieser Offenheit verpflichtet, wird das Leben eine Reise, die Wachheit und Wahrhaftigkeit offenbart. Die Shambhala-Lehren besagen, daß keine Religion oder Doktrin einen Anspruch auf die Menschen innewohnende Weisheit und grundlegende Gutheit erheben kann. Jeder spirituelle Pfad kann wertgeschätzt und praktiziert werden.


4.3.2.6 Literatur

Chögyam Trungpa. 1999. Shambhala: The Sacred Path of the Warrior. Boston: Shambhala

Chögyam Trungpa. 1995. Das Buch vom meditativen Leben. Hamburg: Rowohlt

Chögyam Trungpa. 2004. Grosse Östliche Sonne: Die Weisheit von Shambhala. Freiamt: Arbor

Chögyam Trungpa. 1989. Spirituellen Materialismus durchschneiden. Berlin: Theseus

http://www.shambhala.org[1]

http://www.shambhala.com[2]

Verweise:
[1] http://www.shambhala.org
[2] http://www.shambhala.com


4.3.3 Sogyal Rinpoche

Foto: Sogyal Rinpoche (http://www.rigpa.de)

Leben und Lehre

Sogyal Rinpoche wurde 1948 in Kham, Tibet, geboren und gilt als die Inkarnation Tertön Sogyal Lerab Lingpa, einem Lehrer des 13. Dalai Lama. Er ist tibetischer Meditationsmeister und Dzogchen-Lehrer[1] der Nyingma-Tradition[2] des tibetischen Buddhismus. Sein Meister und Lehrer war der berühmte Jamyang Khyentse Chökyi Lödrö, der als einer der bedeutendsten Meister des tibetischen Buddhismus im 20. Jahrhundert gilt. Bereits im Alter von sechs Jahren kam Sogyal ins Kloster von Chökyi Lödrö in der Provinz Kham.

1971 ging Rinpoche nach England, studierte Vergleichende Religionswissenschaft und begann bereits die Lehren des tibetischen Buddhismus zu unterrichten. Mitte der siebziger Jahre wird das spirituelle Netzwerk rigpa gegründet, 1991 der Retreat-Zentrum Lerab Ling in der Nähe von Montpellier in Südfrankreich. 1992 wurde Rinpoches "Tibetische Buch vom Leben und vom Sterben" veröffentlicht, das mittlerweile in mehr als 30 Sprachen übersetzt und in annähernd 60 Ländern 2 Millionen Mal verkauft wurde. Es wird an Hochschulen sowie in medizinischen, sozialen Berufen und Institutionen eingesetzt und von Ärzten, Pflegepersonal und anderen Berufstätigen im Gesundheitswesen intensiv genutzt. Im Jahre 2000 war Seine Heiligkeit der XIV. Dalai Lama zu Gast in Lerab Ling um zu unterrichten und 2006 wurde der Tempel in Lerab Ling endgültig fertiggestellt und einer authentischen tibetisch- buddhistischen Einweihung unterzogen.

Foto: Der tibetisch-buddhistische Tempel Lerab Ling in Südfrankreich (http://www.rigpawiki.org/index.php?title=Lerab_Ling)

Sogyal Rinpoche versteht es in einleuchtender und herzlicher Klarheit die Lehren, im besonderen der Nyingma-Schule,[[Weltreligionen/Buddhismus#3.2.3.1 Nyingma-Tradition|[3] des tibetischen Buddhismus, einer, vor allem, westlichen HörerInnen- und SchülerInnenschaft zugänglich und verständlich zu machen. Im Mittelpunkt seiner Belehrungen steht die Praxis des Buddhismus, praktisches Geistestraining in Form von Meditation oder tantrischer Praktiken soll vermittelt werden und die Relevanz dessen im Verständnis der Philosophie des Buddhismus soll nachvollziehbar gemacht werden.

"''Rigpa ist ein tibetisches Wort, das im Allgemeinen ‚Intelligenz‘ oder ‚Gewahrsein‘ bedeutet. Im Dzogchen jedoch, den höchsten Lehren der buddhistischen Tradition Tibets, hat Rigpa eine tiefer gehende Bedeutung: ‚die innerste Natur des Geistes‘. Die gesamten Lehren des Buddha dienen dem Ziel, diese unsere letztliche Natur, den Zustand der Allwissenheit oder der Erleuchtung, zu erkennen und zu verwirklichen – eine Wahrheit, die so grundlegend und universell ist, dass sie über alle Begrenzungen und sogar über Religion selbst hinausgeht."

(vgl.: https://web.archive.org/web/20100801053615/http://www.rigpa.de/index.php?id=3[4])

Literatur:

Rinpoche, Sogyal. 2004. Das tibetische Buch vom Leben und vom Sterben: Ein Schlüssel zum tieferen Verständnis von Leben und Tod. Frankfurt am Main: Fischer Tb.

Rinpoche, Sogyal. 2006. Funken der Erleuchtung: Buddhistische Weisheit für jeden Tag des Jahres. Frankfurt am Main: Fischer Tb.

http://www.rigpa.de/[5]

http://www.rigpa.org/[6]

http://www.lerabling.org/[7]

https://web.archive.org/web/20111004151631/http://www.rigpa.de/lang-de/dharma-mati-zentrum-berlin.html[8]

Verweise:
[1] Siehe Kapitel 3.2.3.2
[2] Siehe Kapitel 3.2.3.1
[[Weltreligionen/Buddhismus#3.2.3.1 Nyingma-Tradition|[3] Siehe Kapitel 3.2.3.1]]
[4] https://web.archive.org/web/20100801053615/http://www.rigpa.de/index.php?id=3
[5] http://www.rigpa.de/
[6] http://www.rigpa.org/
[7] http://www.lerabling.org/
[8] https://web.archive.org/web/20111004151631/http://www.rigpa.de/lang-de/dharma-mati-zentrum-berlin.html


4.3.4 Dzogchen-Community

Foto: Namkhai Norbu Rinpoche (http://www.dzogchencommunity.org)

Leben und Lehre

Chögyal Namkahi Norbu, geboren 1938 im Dorg Derge, Kham, Tibet, gilt als einer der bekanntesten lebenden Dzogchen[1]-Meister und wurde bereits im Alter von drei Jahren als Inkarnation mehrerer grosser Meister anerkannt. Nach seiner vollständigen Ausbildung in Tibet und dem Abschluss mehrerer akademischer Studien, wie Medizin und Astrologie, erhielt er umfassende Belehrungen aller vier grossen Schulen des tibetischen Buddhismus[2]. 1958 musste er aus Tibet nach Sikkim fliehen, wo er bist 1960 lebte als er schliesslich, Dank seiner fundierten Kenntnisse aller Aspekte der tibetischen Kultur, von Prof. Tucci nach Italien einladen wurde am ISMEO Institut (Instituto Italiano per il medio ed estremo Oriente) in Rom zu unterrichten.

1971 begann Norbu Rinpoche Yantra Yoga zu unterrichten, eine alte Form des tibetisch-buddhistischen Yogas, welche Bewegung, Visualisation und Atmung kombiniert. Einige Jahre später begann er bereits Dzogchen-Belehrungen an kleine Gruppen von SchülerInnen zu geben. Das Interesse an seinen Unterweisungen wuchs zunehmend, Rinpoche widmete sich demnach verstärkt der Verbreitung der Dzogchen[1]-Lehren und begann sogenannteGars zu gründen, weltweit verteilten Sitzen der Dzogchen Community. Heute gibt es solche Gars in Italien, Rumänien, den Vereinigten Staaten, Venezuela, Argentinien und Australien. Zusätzlich gründete er das internationale Shang- Shung Institut und ASIA. Ziel des Shang-Shung Instituts ist die Bewahrung des kulturellen Reichtums von Tibet. ASIA ist eine gemeinnützige Hilfsorganisation, deren Ziel es ist, medizinische und schulische Versorgung vor allem für die Bevölkerung Tibets zu ermöglichen.

Foto: Merigar Gompa, Italien (http://www.lemacinaie.com/)

Dzogchen-Lehren nach Namkhai Norbu Rinpoche

Die 6 Vajra-Verse

"Die vielfältigen Erscheinungen sind ihrer Natur nach nicht-dual.

Dennoch, ist jede einzelne in ihrem eigenen Zustand, jenseits jder Beschreibung.

Der Zustand < so wie es ist > kann mit Worten nicht erklärt werden,

dennoch, was auch immer erscheint, ist gut.

Da alles bereits vollendet ist, lassen wir Krankheit und Anstrengung hinter uns

und finden uns im spontan vollkommenen Zustand: Das ist Kontemplation."

(Norbu, 1999: 101)

Literatur:

Norbu, Namkhai. 1999. Spiegel des Bewusstseins. Die Essenz des tibetischen Buddhismus. München: Diederichs.

Norbu, Namkhai. 1998. Traum-Yoga. Der tibetische Weg zu Klarheit und Selbsterkenntnis. München: O.W.Barth

Norbu, Namkhai. 1999. The Supreme Source: The Fundamental Tantra of the Dzogchen Semde. Ithaca, NY: Snow Lion Publications

https://web.archive.org/web/20110718232603/http://www.dzogchen.de/popup_biografie/[4]

http://www.ssi-austria.at/[5]

http://www.asia-ngo.org/[6]

https://www.merigar.it/[7]

http://www.dzogchen.at/[8]

http://www.youtube.com/watch?v=UHmaBRlmYNw[9]

Verweise:
[1] Siehe Kapitel 3.2.3.2
[2] Siehe Kapitel 3.2.3
[3] Siehe Kapitel 3.2.3.2
[4] https://web.archive.org/web/20110718232603/http://www.dzogchen.de/popup_biografie/
[5] http://www.ssi-austria.at/
[6] http://www.asia-ngo.org/
[7] https://www.merigar.it/
[8] http://www.dzogchen.at/
[9] http://www.youtube.com/watch?v=UHmaBRlmYNw/


4.3.5 Vipassana / S.N. Goenka

Foto: Satya Narayan Goenka (http://www.dhamma.org)

Leben und Lehre

"The only way to experience truth directly is to look within, to look inwardly, to observe oneself. All of our lives we have been accustomed to look outside. We have always been interested in what is happening outside, in what others are doing. ... Therefore we remain unknown to ourselves. This inner darkness must be dispelled to apprehend the truth. We must gain insight into our own nature in order to understand the nature of existence. Therefore the path that the Buddha showed is a path of introspection, of self-observation."

(Hart, 1987: 16)

Foto: Dhammagiri Vipassana Pagoda, Mumbai, Indien (http://www.indianetzone.com/)

Satya Narayan Goenka kam 1924 in Mandalay, Nordburma, als Kind indischer Eltern zur Welt. Er ist ein führender Lehrer und Erneuerer des Vipassana-Meditation[1] , einer der wichtigsten und bekanntesten Meditationslehren des Buddha. Er wuchs als Hindu auf, wurde bereits sehr früh ein erfolgreicher Geschäftsmann und Vorsitzender der indischen Gemeinde Burmas. Goenka litt unter heftigen, immer wieder kehrenden Migräneanfällen und so suchte er nach einem Weg sich davon zu befreien. Er kam in Kontakt mit Sayagyi U Ba Khin, einem der obersten Staatsbeamten des Landes und Begründer eines Meditationszentrums in Rangun.Goenka studierte viele Jahre unter U Ba Khin und wurde zu einem seiner prominentesten Schüler. 1969 zog Goenka zusammen mit seiner Frau nach Indien und eröffnete in Mumbai das erste Vipassana-Meditationszentrum, Dhammagiri. Goenka leitete seitdem hunderte von Meditationskursen und gründete an die 130 Zentren, die ausschliesslich der Verbreitung der Vipassana-Meditationstechnik dienen.

Literatur:

Hart, William. 1987. The Art of Living. Vipassana-Meditation as taught by S.N.Goenka. San Francisco: Harper Collins

Hart, William. 2006. Die Kunst des Lebens. Vipassana-Meditation nach S.N.Goenka. Frankfurt: Dtv

Goldstein, Joseph. 1999. Vipassana Meditation. Die Praxis der Freiheit. Arbor-Verlag

http://www.german.dhamma.org/[2]

http://www.dhamma.org/[3]

https://www.vridhamma.org/node/4196[4]

http://www.vri.dhamma.org/general/goenka.html[5]

Verweise:
[1] Siehe Kapitel 4.3.1.3
[2] http://www.german.dhamma.org/
[3] http://www.dhamma.org/
[4] https://www.vridhamma.org/node/4196
[5] http://www.vri.dhamma.org/general/goenka.html


↵ Zurück zur Übersicht


↑ Nach oben


Vorheriges Kapitel: 4.3 Buddhistischer Hintergrund

5 Transformationen in afrikanischen Religionen

verfasst von Manfred Kremser und Veronica Futterknecht

Abbildung: Logo der Cultural Expressions Homepage (http://www.cultural-expressions.com/)

Am konkreten Beispiel des Òrìsà/Vodun-Komplexes sollen hier die vielschichtigen historischen Transformationen nachgezeichnet werden:

• von einer ursprünglich ethnischen Religion Westafrikas

• über verschiedenste Ausformungen Neuer Religionen in Afroamerika

• bis hin zur neuesten Entwicklung in Richtung einer Weltreligion

• und den Cyber-Transformationen des 21. Jahrhunderts.

Aufgrund ihrer weltweiten Verbreitung spricht man jüngst auch von einer Yoruba- Weltreligion. Tatsächlich ist seit 2005 der von der österreichischen Künstlerin Susanne Wenger renovierte heilige Hain der Osun in Osogbo/Nigeria zum UNESCO-Welterbe und das Ifá-Orakel des Òrìsà Òrúnmìlà zum UNESCO-Meisterwerk der Menschheit ernannt worden.

Auf diese Weise wird die dynamische Natur religiöser Kultur einer afrikanschen Religion sichtbar gemacht, die das Transformierte immer wieder erneut transformiert — entsprechend neuer gesellschaftlicher Kontexte und kultureller Prozesse von Globalisierung — Transforming the Transformed!

Inhaltsverzeichnis

Weitere Kapitel dieser Lernunterlage

1 Ethnographisches Fallbeispiel - Das Spektrum religiöser Kultur in St. Lucia / Karibik
2 Ethnische Religionen
3 Weltreligionen
4 Neue religöse Bewegungen


Nächstes Kapitel: 5.1 Afrikanische Traditionelle Religionen (ATR)


↑ Nach oben


Vorheriges Kapitel: 5 Transformationen in afrikanischen Religionen

5.1 Afrikanische Traditionelle Religionen (ATR)

verfasst von Manfred Kremser und Veronica Futterknecht

Die ethnischen Religionen Afrikas werden vor allem in der englischsprachigen Welt mit dem Dachbegriff "African Traditional Religion" (ATR) bezeichnet. Sie umfassen eine Vielzahl von religiösen Traditionen, die es in den verschiedensten Ausprägungen im Sub-Saharischen Afrika gibt.

Unter ihnen sind wohl die westafrikanischen Religionen der Yorùbá und der Fõ am bekanntesten geworden, da sie viele neue Religionen in Afroamerika hervorbrachten, die heute auch Orisha/Vodou -Komplex“ genannt werden.

Dieser Ausdruck Orisha/Vodou -Komplex“ wurde erst in jüngster Zeit als Überbegriff für die vielen regionalen Ausformungen der afrikanischen und afroamerikanischen Religionen geprägt, deren Ursprung in den Yorùbá -Kulturen Südwest-Nigerias (òrìsà) und -Kulturen Dahomeys und Togos (vodu) in Westafrika liegt (vgl. Kubik 1996).

Bei den Orishas wie bei den Vodus bzw. Lwas handelt es sich um transzendent/immanente spirituelle Wesenheiten, deren kulturspezifische Konzepte mangels adäquater Entsprechungen nur schwer in westliche Sprachen übersetzt werden können. So wurden sie bislang auf Deutsch meist als Götter bzw. Gottheiten übersetzt.

Über die universelle Dimension der Orisha sagt Ulli Beier (1991) in einem Interview: „Der Òrìsà ist nicht — wie der Heilige der Katholiken — ein Mittler zwischen Gott und den Menschen. Er ist Teil Gottes, ein Aspekt Gottes ... Die Yorùbá beherzigen die Tatsache, dass die Menschen vom Wesen her individuell verschieden sind und folglich jeder wieder auf andere Aspekte des göttlichen Wesens anspricht. Jeder soll den Òrìsà verehren, der zu seiner eigenen Persönlichkeit passt. Der Òrìsà ist dem Jung’schen Archetyp vergleichbar; die Anbetung des richtigen Òrìsà verhilft dem Gläubigen zur Definition und Stärkung der eigenen Identität. Sehr komplexe Persönlichkeiten können mehr als einem Òrìsà verbunden sein. Diese Grundauffassung geht einher mit großer Toleranz gegenüber dem Glauben anderer, auch außerhalb der Yorùbá -Religion. Sowohl der christliche als auch der moslemische Gott waren beide ursprünglich als weitere Òrìsà willkommen, als neu entdeckte Aspekte Gottes.“

Nach der Auslegung von Susanne Wenger (jener österreichischen Künstlerin, die in den 1950er Jahren die Initiative zur Renovierung der Heiligen Haine von Oshogbo/Nigeria ergriff und selbst in die Òrìsà -Religion der Yorùbá initiiert wurde) sind Òrìsà „exzessiv individualisierte sakral zielgerichtete Potentiale von elementar spirituell befruchtenden Kräften,,Götter‘, die wir aus innerer Schau der Sinne kennen und begegnen ... Die ,Götter‘ leben. Auch sie sind den Dimensionen der Zeit unterworfen, dem,Formgefühl‘ der Ära des Erkennenden entsprechend. Die spirituellen Räume des inspirierten Bewußtseins sind geprägt durch ,Modernität‘ — heilige und profane. Da das Sein der,Götter‘ Elementar-Wahrheit- Form-Individuation und als solche intensives Leben manifestiert, repräsentieren sie die Wirklichkeit an sich“ (Wenger, in Denk 1995: 18f).


Nächstes Kapitel: 5.2 Afrikanische Diaspora Religionen (ADR)


↑ Nach oben


Vorheriges Kapitel: 5.1 Afrikanische Traditionelle Religionen (ATR)

5.2 Afrikanische Diaspora Religionen (ADR)

verfasst von Manfred Kremser und Veronica Futterknecht

Abbildung.: Logo der Wiener Karibik-Tagung 1990 über afrikanisch-karibische Religionen sowie der Buch-Trilogie Kulte/Cults, Voodoo, Rastafari (designed by Wittigo Keller © 1990)

Es gibt eine Vielzahl gegenwärtig stark an Bedeutung gewinnender religiöser Traditionen in den Amerikas, deren unverwechselbare Spiritualität ihre Wurzeln in Afrika hat. Aufgrund komplexer Prozesse des Kontaktes zwischen verschiedenen afrikanischen Religionen und kolonialem Katholizismus wurden sie in der älteren Literatur oft als synkretistische Kulte bezeichnet.

Dieser Begriff wurde von Melville J. Herskovits vorgeschlagen für die von ihm in afroamerikanischen Kulturen beobachtete und beschriebene intensive Vermischung von afrikanischen religiösen Inhalten mit christlichen Formen. Vor allem in katholischen Ländern kam es dort häufig zu einer Identifizierung von Heiligen der Kirche mit afrikanischen Gottheiten und zur Neudeutung der beiden Quellen religiöser Inspiration . Dadurch bildeten sich schließlich neue Religionsformen.

Heute werden diese meist unter dem Dachbegriff Afrikanische Diaspora Religionen oder auf englisch African-Derived Religions (ADR) zusammengefasst. Sie standen in der Vergangenheit in erster Linie für den gemeinschaftlichen kulturellen Widerstand in einer Situation der Unterdrückung durch Machtapparate europäischer Kolonialmächte. Heute bieten sie ihren Anhängern zusätzlich zur religiösen Inspiration und therapeutischen Praxis auch ein afrikanisches Modell der Persönlichkeitsbildung und kosmischen Eingliederung an.

Dem gegenwärtigen Trend zur Re-Afrikanisierung afroamerikanischer Religionen steht gleichzeitig eine Popularisierung durch das globale Medium des Internet seitens führender Repräsentanten gegenüber.

Zu den bedeutendsten afroamerikanischen Religionen in Brasilien zählen heute Umbanda , Candomblé , Macumba , Xangô und Batuque . Im karibischen Raum Vodun in Haiti; Regla Ocha (Santería) und Palo Monte sowie Abakuá in Kuba; Rastafari , Kumina und Revivalists in Jamaica; Shango und Spiritual Baptists in Trinidad & Tobago; Kélé in St. Lucia; Maria Lionza in Venezuela, sowie die Maroon - Religionen in Surinam. In den USA dominieren, neben Hoodoo in Louisiana, vor allem die Schwarzen Kirchen.

Viele dieser religiösen Traditionen erlangten im 20. Jhdt. internationale Bedeutung. Durch Migrationsbewegungen entstehen laufend neue Zentren afrokaribischer Kultur in den Metropolen der USA (Brown 1991) und Kanadas, wie auch in Südamerika und Europa, die zunehmend mehr Anhänger aus der weißen Mittelschicht anziehen.

Im 21. Jahrhundert wird dieser Prozess durch den neuen virtuellen Raum des Cyberspace noch gefördert. Insbesondere die PriesterInnen des Vodou und der Santería nutzen diesen Raum für die Präsentation ihrer Websites, die potentiell die gesamte Weltöffentlichkeit als Publikum haben. So transformieren sie erneut die bereits historisch transformierten afrikanischen Traditionen in eine neue Form globaler Ritualkultur. Diese Cybertransformationen legen den Grundstein für eine afrikanische digitale Diaspora Religion der Zukunft (Kremser 2001b; 2003).

Im Folgenden wird ein kompakter Überblick über die afroamerikanischen Religionen, insbesondere in der Karibik ermittelt. Dabei werden einerseits die großen Entwicklungslinien ihres historischen Entstehungsprozesses und ihre Beziehungen zu den afrikanischen Ursprungsreligionen skizziert. Andererseits wird die heute gelebte Praxis afrokaribischer religiöser Kultur anhand ausgewählter ??????????????????

Inhalt

5.2.1 Kontinuitäten und Diskontinuitäten

Im Rahmen der afroamerikanischen Kulturforschung gibt es kaum Vorgänge, die schwerer zu fassen sind als die historischen Veränderungen in der Wahrnehmung und Interpretation verpflanzter afrikanischer Religionen — insbesondere im Hinblick auf die komplexen Prozesse von Kontinuität und Diskontinuität in der Neuen Welt (Mintz/Price 1976).

In der Diaspora war die Religion einer der wichtigsten Faktoren, der die institutionalisierte Neugruppierung von afrikanischen Menschen erlaubte. Die so entstandenen Gemeinschaften wurden schließlich zu Zentren des kulturellen Widerstandes gegen die politisch und wirtschaftlich dominanten Kolonialmächte und bildeten fortan den sichtbarsten Ausdruck kultureller Identität auf der Basis afrikanischer Spiritualität.

Die Frage nach den afrikanischen Wurzeln in der religiösen Kultur der afrikanischen Diaspora führt uns direkt zum Problem der Suche nach Identität als eine der brennenden Fragen afroamerikanischer Psychologie und Ontologie. Die Identität wiederum bezieht sich auf die Tradition(en), der sich Menschen zugehörig fühlen und auf die sie sich beim Versuch, sich in das kulturelle Mosaik der Welt einzuordnen, rückbinden.

Die afroamerikanischen Gesellschaften sind hinsichtlich ihrer Identität sehr ambivalent. Als neue Gesellschaften können sie sich folglich nur schwer direkt an irgendeine alte kontinuierliche Tradition anbinden. Verglichen mit der Entwicklung anderer Gesellschaften charakterisieren sie sich durch eine relativ starke Diskontinuität — bedingt durch die historischen Prozesse des atlantischen Sklavenhandels und dessen Auswirkungen auf seine Opfer (Alleyne 1990:107).

Diejenige Tradition, der sich der überwiegende Teil der Bevölkerung Afroamerikas gerade in existentiellen und spirituellen Fragen am ehesten zugehörig fühlt, ist die „afrikanische“. So können z.B. viele spezifische Formen der religiösen Kultur durch komplexe Prozesse von Kontinuität, Diskontinuität, Synkretismen, Reinterpretationen, etc. eindeutig mit Afrika in Verbindung gebracht werden — obwohl natürlich die ebenso massiv vorhandenen Einflüsse der abendländisch- christlichen Kulturen, bedingt durch ihre öffentliche Dominanz, oft die Sicht darauf verstellen mögen (Kremser 1992).


5.2.1.1 Die Metapher der Vase

Es ist sicherlich kein Zufall, dass gerade im viel beachteten Amerika-Gedenkjahr 1992 der Literaturnobelpreis einem karibischen Schriftsteller zuerkannt wurde, dessen literarisches Werk das Ringen einer ganzen Region verdichtet, sich nach Jahrhunderten gewaltsam herbeigeführter Entfremdung von der Urheimat Afrika neu zu definieren. Dabei wird der Ruf nach Restaurierung dieser „geborstenen Geschichte“ afrikanischer Menschen in der Diaspora oft in einer Weise vorgetragen, welche die existentielle Tiefe des Anliegens deutlich vor Augen führt. In seiner Nobelpreis-Rede „Die Antillen: Fragmente epischen Erinnerns“ greift Derek Walcott (1993:10f) zu einer anthropologischen Metapher:

„Zerbrich eine Vase, und die Liebe, welche die Fragmente wieder zusammenfügt, ist stärker als jene Liebe, die ihre Symmetrie für selbstverständlich hielt, als sie noch heil war. Der Kleber, der die Stücke wieder einpasst, besiegelt ihre ursprüngliche Form. Solch eine Liebe ist es, die unsere afrikanischen und asiatischen Fragmente wieder zusammenfügt, die zerbrochenen Erbstücke, deren Restaurierung ihre weißen Narben zeigt. In diesem Einsammeln zerbrochener Stücke besteht die Sorge und der Schmerz der Antillen, und wenn die Stücke einander unähnlich, nicht passend sind, dann enthalten sie mehr Schmerz als ihre ursprünglichen Skulpturen, jene Bilder und heiligen Gefäße, die an den Wohnorten ihrer Vorfahren als selbstverständlich gegolten hatten. Die Kunst der Antillen besteht in dieser Restaurierung unserer geborstenen Geschichte, der Scherben unseres Vokabulars, und unser Archipel wird zu einem Synonym für Stücke, die vom ursprünglichen Kontinent abgebrochen worden sind.“


5.2.2 Afrikanischer Ursprung — amerikanisches Amalgam

Die meisten afroamerikanischen Religionen sind ein Amalgam verschiedener religiöser Traditionen, die aus drei Kontinenten stammen: Amerika, Afrika und Europa. Dieses Amalgam begann im Jahre 1492 mit der Ankunft von Kolumbus in der „Neuen Welt“ und der Gründung der ersten europäischen Siedlungen auf Hispaniola. Dort stießen die Siedler auf amerindische Bevölkerungsgruppen, die ursprünglich von den Taino Südamerikas abstammten. Obwohl diese indigenen Bevölkerungsgruppen durch importierte Krankheiten und Zwangsarbeit binnen weniger Jahrzehnte dezimiert wurden, haben viele ihrer religiösen Traditionen bis zum heutigen Tag überlebt. So z.B. finden sich einige Mythen und Namen indianischer Schutzgeister („protector spirits“) der Kariben, Ciboney und Arawaken in den Theologien der kubanischen Santería, der brasilianischen Umbanda, sowie auch des puertorikanischen Espiritismo.

Der drastische Rückgang der indianischen Bevölkerung veranlasste die Europäer, nach neuen Arbeitskräften Ausschau zu halten. Dies führte zur größten Massendeportation in der Geschichte der Menschheit, in deren Zuge geschätzte 11,7 Millionen Menschen afrikanischer Provenienz in den Amerikas als Sklaven verkauft wurden. Die Mehrheit der Sklaven, die in die Karibik verschleppt wurden, kam aus weitläufigen geographischen Gebieten Westafrikas — von Benin und Nigeria bis hin zur Kongo/Angola Region Zentralafrikas. Das einzige, was sie in die Neue Welt mitbringen konnten, waren ihre kulturellen und religiösen Traditionen. Diese ließen sie in das Gewebe des kulturellen und religiösen Lebens in ihrer neuen Heimat einfließen. So wurde jenes kulturelle Amalgam geformt, welches eine unauslöschliche Spur in den Religionen der Region hinterlassen hat.

Nicht nur in der Vergangenheit, sondern auch in der Gegenwart wird in vielen afrokaribischen Gemeinschaften die Rückbesinnung auf „Mutter Afrika“ wieder ins Zentrum gestellt. So kommt es zu einem erneuten Austausch und einer wechselseitigen Beeinflussung — ein Prozess in beide Richtungen, den es laut Pierre Verger (1968) schon zur Zeit der Sklaverei gab und den er als Flux-Reflux Bewegung bezeichnete.


5.2.3 Die Vielfalt religiöser Kultur in Afroamerika

Von den heute insgesamt über 150 Millionen Menschen afrikanischer Provenienz in den Amerikas identifiziert sich der überwiegend größte Teil mit zumindest einer der zahlreichen religiösen Traditionen in ihren Ländern — seien diese primär afrikanischer oder christlicher Prägung, oder auch eine spezifische Mischung innerhalb dieses breiten Spektrums.

Wie angesichts der regionalen Verschiedenheiten und der unzähligen Variationen religiöser Kultur in der Karibik klar ersichtlich ist, sind allzu strukturierende wissenschaftliche Einteilungskonzepte nicht geeignet, die komplexen gelebten Realitäten zu erfassen. Dennoch gab es in der Forschungsgeschichte immer wieder Versuche einer umfassenden Darstellung und Kategorisierung der religiösen Vielfalt der Karibik.

Aufgrund der äußerst komplexen Prozesse des Kontaktes zwischen verschiedenen afrikanischen Religionen und kolonialem Katholizismus wurden die meisten afrokaribischen Religionen in der älteren Literatur oft als „synkretistische Kulte“ bezeichnet (Herskovits 1941; Bastide 1971; Simpson 1980; Pollak-Eltz 1995).

Der Begriff „synkretistische Kulte“ wurde in der Anthropologie erstmals von Herskovits (1937) vorgeschlagen. Er umfasste die von ihm in afroamerikanischen Kulturen beobachtete und beschriebene intensive Vermischung von afrikanischen religiösen Inhalten mit christlichen Formen. Vor allem in katholischen Ländern kam es dort häufig zu einer Identifizierung von Heiligen der Kirche mit afrikanischen Gottheiten und zur Neudeutung der beiden Quellen religiöser Inspiration. Dadurch bildeten sich schließlich neue Religionsformen heraus, deren bekannteste heute zum überwiegenden Teil dem Orisha/Vodou-Komplex zuzuordnen sind (Greenfield 2001).

Vor dem Hintergrund eines verstärkten Afrika-Bewusstseins in der gesamten Karibik seit den 1990er Jahren — in denen es auch zu einem intensiveren Austausch zwischen den afrikanischen und den Diaspora Religionen einerseits, aber auch zwischen Christentum und ATR (=African Traditional Religion) gekommen ist — tendieren neuere Kategorisierungen dazu, die Art und Weise wie auch die Intensität anzusprechen, in der die afrikanische Rationalität und Ästhetik die religiösen Rituale in der Karibik beeinflussen (Kremser 2004:22-26).

So werden auf der einen Seite jene rituellen Traditionen, die sich in ihrem Wesenskern auf afrikanische Rationalität und ATR gründen (Barnes 1997, Davis 1991, Murphy 2000, Olmos 1997), von anderen rituellen Systemen meist christlicher Provenienz aber dennoch starker afrikanischer Prägung unterschieden. Letztere stellen den Versuch dar, den christlichen Glauben zwar zu adaptieren, die religiöse, spirituelle und rituelle Praxis jedoch dem afrikanischen Geschmack anzupassen. Dazu zählen vor allem die vielen afrikanisch inspirierten christlichen Kirchen (Appiah 1999, Glazier 2001).


5.2.3.1 Die 5 Kategorien nach Simpson

Nachdem die anthropologische Forschung bereits ein differenzierteres Bild erbrachte, teilte Simpson (1978:14) die afroamerikanischen Religionen in fünf Kategorien ein. Diese beruhen jedoch nicht auf emischen Konzepten und sind daher auch keineswegs als strikte Trennungen zu verstehen:

1) Die neo-afrikanischen Religionen (Neo-African Religions) haben sich im Kontext der Sklaverei entwickelt. In ihnen konnten viele der afrikanischen Traditionen bewahrt werden, welche auch mit römisch katholischem Glaubensgut und Praktiken vermischt wurden. Diese inkludieren Vodou in Haiti; Santería in Kuba, der Dominikanischen Republik und Puerto Rico; sowie Shangó in Trinidad und Grenada.

2) Die Ahnen-Religionen (Ancestral Religions), die weniger afrikanische Traditionen erhalten konnten und von den verschiedenen protestantischen Traditionen herrühren, die von Missionaren des 19. Jhdts. importiert wurden. Diese inkludieren Cumina und Convince in Jamaika; den Big Drum Dance in Grenada und Carriacou; sowie Kele in St. Lucia.

3) Die Revitalisierungs-Religionen (Revivalist Religions), die ein Phänomen des 20. Jhdts. sind und mit den Pentecostal oder charismatischen protestantischen Bewegungen der USA in Verbindung stehen. Sie umfassen Revival Zion in Jamaika; die Shouters und Spiritual Baptists in Trinidad; die Cohortes in Haiti; sowie die Shakers und Streams of Power in St. Vincent.

4) Religionen, deren Hauptaugenmerk auf der Divination und der Heilung durch spirituelle Medien liegt. Sie inkludieren Espiritismo in Puerto Rico; Umbanda in Brasilien; sowie Maria Lionza in Venezuela.

5) Religiös-politische Bewegungen, die Anfang des 20. Jhdts. aus Protest gegen Neokolonialismus und dessen wirtschaftliche und soziale Ungerechtigkeit entstanden sind. Dazu gehören die Rastafari und Dread Bewegungen, die zwar in Jamaika entstanden sind, aber heute in der gesamten Karibik und weit darüber hinaus verbreitet sind.


5.2.4 Die gemeinsamen Charakteristika

Ungeachtet der lokalen Unterschiede auf den einzelnen Inseln der Karibik lässt sich eine Anzahl gemeinsamer Charakteristika feststellen, die in fast allen Religionen der Orisha/Vodou-Traditionen anzutreffen sind.

Henry (1991) stellt einige Gemeinsamkeiten der verschiedenen afrikanischen Diaspora Religionen heraus, wobei er zwischen den afrikanischen und europäisch- christlichen Einflüssen unterscheidet:

Die afrikanischen Wurzeln erkennt er in den

Synkretisierungen bzw. Identifizierungen afrikanischer Gottheiten mit katholischen Heiligen;

• die spirit possession, bei welcher der Körper des Gläubigen von einer Gottheit in Besitz genommen wird;

• das Abhalten von Tieropfern;

• der Gebrauch von afrikanischen Rhythmus-Mustern, Gesang und einer Ritualsprache;

‚African-type’ Tanzbewegungen;

• der Gebrauch von Öl, Mehl und Getreide-Produkten, welchen spirituelle Kräfte zugeschrieben werden;

Divinationsformen, speziell für beratende und diagnostische Zwecke.

Christliche Elemente stellen für ihn die

• Rezitation von Gebeten,

• das Singen von christlichen Hymnen,

• der Gebrauch von Kerzen und

• die Identifizierung der Gottheiten innerhalb eines christlichen Rahmens dar.


5.2.4.1 Himmel und Erde

Für Angehörige afrokaribischer Religionen findet das Leben gleichzeitig auf zwei verschiedenen Ebenen statt:

• in der Welt des physischen Universums, welches von menschlichen Wesen bewohnt wird, und

• in einer anderen Welt — abstrakt, unendlich und unbegrenzt — welche von spirituellen Wesen bewohnt wird, wie z.B. göttliche Wesen, Ahnen, und spirituelle Doppelgänger von allem, was konkret unser Universum bewohnt.

Zwischen diesen beiden Welten gibt es eine andauernde Beziehung, einen unablässigen Strom des Transfers von spirituellen und materiellen Elementen. Dieser Strom wird durch den ständigen Transfer und die Wiederverteilung von ashé symbolisiert und durch das Ritual reguliert.

Das Ethos der Orisha/Vodun-Kulturen basiert auf einer spirituellen Weltsicht, die sich auf die existentielle Multidimensionalität des menschlichen Wesens gründet und die Aufrechterhaltung einer interdependenten Komplementarität und Reziprozität der Welten zum obersten ethischen Handlungsprinzip erhebt. Demnach existiert die spirituelle Welt nur so lange, wie die reale Welt existiert — et vice versa .

Charakteristisch für die Spiritualität afrokaribischer Religionen ist die Art und Weise, wie die Beziehung zwischen menschlichen und spirituellen Wesen in gemeinschaftlichen Ritualen erarbeitet wird.

Dieser Spirit kann dabei entweder

• als göttliche Persönlichkeit,

• als Kreuzung menschlich konstruierter kosmischer Koordinaten, oder auch

• als spezifischer Bewusstseinszustand konzipiert werden.


5.2.4.2 Spirituelle Arbeit und rituelle Inszenierung

Spirituelle Arbeit bezeichnet jede Art von Arbeit oder Dienst (griechisch „leitourgia“), die von Menschen in Verbindung mit dem Spirit für das Wohl der Gemeinschaft im weitesten Sinne geleistet wird.

So werden die religiösen Rituale in der afrikanischen Diaspora von den Praktizierenden in zweifacher Weise gesehen:

• als Arbeit für den Spirit, und

• als Arbeit des Spirits.

Dem entsprechend wird auch die Reziprozität zwischen Gemeinschaft und Spirit durch physische Arbeit ausgedrückt:

• Die Gemeinschaft arbeitet durch Musik, Wort und Tanz, um dem Spirit die Präsenz zu ermöglichen.

• Der Spirit wiederum arbeitet durch die physische Arbeit der Kongregation, um die menschlichen Aktionen mit seiner Kraft aufzufüllen.

Afrokaribische Rituale sind daher:

• Dienst für den Spirit, um durch Opferhandlungen und Lobpreisungen dem Spirit zu gefallen. Und sie sind

• Dienst des Spirits, um durch Handlungen, die vom Spirit unternommen werden, die Kongregation zu inspirieren.

Auf diese Weise wird die Reziprozität der Spiritualität in den afrokaribischen Religionen bekräftigt (Murphy 1994:7).

Das Dienen — in all seinen subtilen Bedeutungen — ist somit der zentrale Wert gemeinschaftlichen Lebens. Dieser Gemeinschaftsbegriff des Rituals umfasst in letzter Konsequenz neben den lebenden Menschen auch noch alle anderen meist unsichtbaren spirituellen „Bewohner“ des Kosmos und ist zudem von einer tiefenökologischen Erkenntnis geprägt, der zufolge letzten Endes alles in dieser Welt mit allem anderen verbunden ist.


5.2.4.3 Der initiatorische Prozess

Der wichtigste Aspekt afrokaribischer Religionen liegt darin begründet, dass sie initiatorische Systeme darstellen. Rituelles Wissen wird dabei in einer ganz spezifischen Weise erworben, übermittelt und weiterentwickelt. Die Initiierten nehmen an einer Erfahrung teil, während derer sie eine mystische Kraft empfangen und in sich aufnehmen. Diese erlaubt es ihnen in der Folge, in ein dynamisches System, welches sie selbst mobilisieren helfen, integriert zu werden und sich damit zu identifizieren.

Diesem Prozess der „Erfüllung“ kann die Entwicklung der wertvollsten Inhalte religiöser Gemeinschaften zugeschrieben werden. Er ist für die ureigenste Existenz der Religionen durch die mystische Allianz zwischen der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft verantwortlich (Dos Santos & Dos Santos 1984:75).

Diese Kraft, die als ashé (Yorùbá: asé; Fõ: sé) bekannt ist, ist der Urquell aller vitalen Prozesse. Sie wird sowohl durch materielle wie auch durch symbolische Mittel weitergegeben und ist zudem kumulativ. Sie ist eine Kraft, die nur durch „Hereinnahme“ in den Körper und in die Psyche — durch Verkörperung und den damit einher gehenden Individuationsprozess — erworben werden kann. Sie taucht aber nicht spontan auf, sondern muss bewusst und gezielt übermittelt werden (Kremser 1993).

Ein gründliches Verständnis dieser Kraft ist die Voraussetzung für das Verstehen der tieferen Bedeutung des Opfers als eine besondere und symbolische Form, ashé zu vermitteln. Ashé wird nicht erlernt, sondern es wird aus den Händen und dem Geiste derer empfangen, die schon weiter fortgeschritten sind. Es wird von Person zu Person durch eine lebende und dynamische Beziehung vermittelt — durch symbolische Elemente, durch Blut, Früchte, rituelle Kräuter, Wörter, mystische Pakte und Beziehungen, die mit den Ahnen, der Natur und mit der Gruppe als Ganzem hergestellt werden (Kremser 1987).

Je höher der hierarchische Status, desto fortgeschrittener ist die mystische Entwicklung, die eine größere Akkumulation von ashé und von initiatorischem Wissen erlaubt. Der Grad der Initiation wird durch die Jahre bestimmt, die seit der Initiation verstrichen sind, und nicht durch das chronologische Alter des Teilnehmers.


5.2.4.4 Possession — Die Dynamik der Verkörperung

Die Dynamik der Verkörperung hält die Welt übernatürlicher Entitäten am Leben. Die Wesenheiten manifestieren sich durch den Körper der PriesterInnen oder der Initiierten indem sie sprechen, tanzen, segnen, Rat geben, Embleme und Paraphernalien benützen, ihren Ursprung, ihre Geschichte und ihre Bedeutung kommunizieren.

Während der Erfahrung der Verkörperung wird das gesamte religiöse System, seine Theogonie und Mythologie, noch einmal durchlebt. Jeder Teilnehmer ist der Protagonist einer rituellen Aktivität, in welcher das geschichtliche, psychologische, ethnische und kosmische Leben der Partizipierenden erneuert wird. Die Dynamik der Verkörperung erschafft psychologisch hier und jetzt die Existenz eines Wissenssystems wieder, welches durch die persönliche Erfahrung dramatisiert wird. Dieses System kann nur verstanden werden, indem es die rituellen Erfahrungen, Analogien, Mythen und die nachgespielten Legenden durchlebt. Wissen wird nur dann von Bedeutung, wenn es aktiv inkorporiert wird!

Wir berühren hier einen der wichtigsten, wenn nicht überhaupt den allerwichtigsten Aspekt des rituellen Systems. Zumindest zwei Personen sind für die Übermittlung durch Initiation unerlässlich. Wissen geht direkt von einem Wesen auf das andere über. Weder Lesen, Erklärungen oder logisches Denken wird auf einer bewussten oder intellektuellen Ebene benötigt. Der Transfer des komplexen Codes von Symbolen wird durch die reale Präsenz von Personen und ihrer dynamischen Beziehungen erreicht:

• Materielle Symbole und Gesten;

Worte, die artikuliert, exklamiert und mit Leben erfüllt werden;

• Modulationen, Emotionen und die persönliche Geschichte dessen, der sie zum Ausdruck bringt.

All das ist Teil des Prozesses der Übertragung (Dos Santos & Dos Santos 1984:78).


5.2.5 Die unterschiedlichen lokalen Traditionen

Der Einfluss von ATR in der Karibik variiert an Intensität von Insel zu Insel. Er war abhängig von

• der Zusammensetzung der verschiedenen afrikanischen Ethnien ,

• der historischen Situation des Landes,

• der Dauer der Kolonialisierung und

• dem Ausmaß an kultureller Präsenz und Dominanz seitens der Europäer.

Eine lang andauernde europäische Beeinflussung bewirkte eine Schwächung in der Bewahrung von ATR. In Haiti, wo die französische Kolonialmacht und deren kultureller Einfluss schon 1804 — bedingt durch die Sklavenrevolten und die Unabhängigkeit — endete, konnten viel mehr afrikanische Traditionen bewahrt werden, als in den meisten anderen karibischen Nationen.

Ein aktueller tabellarischer Gesamtüberblick informiert über das breite Spektrum afrokaribischer Religionen, der alphabetisch die lokalen religiösen Traditionen auflistet und mit der jeweils wichtigsten ethnologischen und sozialwissenschaftlichen Standardliteratur versieht.

Rebespektrum-110 1.jpg


Rebespektrum-110 2.jpg


5.2.5.1 Vodou in Haiti

Das Wort „Vodun “ — abgeleitet vom Fõ-Wort vo·dû (= „Hineinsehen in das Unbekannte“, Mysterium, Geistwesen) — bezeichnet die Konzepte und Verhaltensweisen, welche in die Beziehungen zwischen den Menschen und der nichtmateriellen Welt bestimmen.

Mit über 60 Millionen Praktizierenden ist Vodun (deutsch oft Wodu , englisch zumeist Voodoo, französisch Vaudou, haitianisches Kreol Vodou) heute eine der bedeutendsten afroamerikanischen Religionen und zugleich Volksreligion von Haiti (über 90%). Im Jahre 2003 kam es unter Prime Minister Jean Bertrand Aristide zur offiziellen staatlichen Anerkennung.

Wenn die Anhänger/innen des Vodou in Haiti von den Lwas sprechen, gruppieren sie diese in Familien oder Nationen, die nanchon heißen. Jede dieser nanchons hat seine bestimmten Zeremonien und Rituale, eigene Grußformen, Tänze und Musikinstrumente. Im Vodou in Haiti bezeichnen diese Namen keine geographischen Regionen mehr, sondern charakterisieren Kategorien der Lwas .

Nach Hurbon (1993) gibt es drei wichtige Rituale:

• Im Rada Ritual werden die Spirits von Dahomey verehrt, welche als prinzipiell gute Lwas angesehen werden. Sie werden von Guinea kommend als Lwa-Ginen bezeichnet.

• Im Kongo -Ritual wird auf die Lwas der Bantu Region Bezug genommen.

• Die Lwas der Petro-Rituale stammen meistens von der Kolonie St. Domingo selbst ab (von der mythologischen Figur Dom Pedro, dem Anführer einer Maroon Rebellion im 18. Jhdt.) und werden Creole Lwa genannt.

Viele der Rada Lwas haben Petro, Ibo und Kongo Gegenstücke, deren Persönlichkeit zeichnet sich durch umgekehrte Charakterzüge aus. Die Lwas, welche sich als archetypische Figuren präsentieren, haben niemals nur positive oder ausschließlich negative Eigenschaften.


5.2.5.2 Santería in Kuba

Kuba ist heute höchstwahrscheinlich jener Ort in den Amerikas — vielleicht mit Ausnahme von Salvador de Bahia — wo sich die Yorùbá -Religion in ihrer reinsten Form erhalten hat. Die Santería wird zunehmend populärer, auch außerhalb Kubas, vor allem in den USA, wobei nicht nur emigrierte Kubaner Gläubige oder Priester sind. Von Brasilien kommen Priester nach Kuba, um sich initiieren zu lassen.

In Kuba begann 1521 der Sklavenhandel. Unter den verschleppten Menschen waren Mitglieder der Bantu -Sprachfamilie, welche in der Literatur meist als Congos bezeichnet werden. Als sie nach Kuba kamen, brachten sie ihren Glauben an Familienahnen, große Chefs und Gottheiten mit. Die Schaffung eines neuen Pantheon im kubanischen Palo Monte ermöglichte ihnen, diese weiter zu verehren. Die Ritualsprache ist Spanisch, wobei Worte von der Kongo-Region mit einfließen.

In den Jahren 1820-1860 kamen die meisten Yorùbá nach Kuba. Sie brachten ihren Glauben an verschiedene regionale Deities, Spirits, Eguns und Orishas mit und kreierten daraus in der Santería ein neues Pantheon. Die Bata drums sind ihre heiligen Trommeln, die Ritualsprache entspricht der Yorùbá -Sprache des 19. Jhdts. Der Synkretismus regionaler Varianten einzelner Orisha hat wohl zu einer Verringerung ihrer Anzahl in der Regla Ocha geführt, keineswegs jedoch zu einer Vereinfachung der mit ihnen verbundenen Vorstellungen.

Aus den Regionen von Dahomey und Benin stammen die Vodun-Deities, die sich in der Regla de Arara weiter tradierten. In dieser Tradition trommeln auch die Frauen. Die Deities wohnen in kleinen Häusern, außerhalb des Hauses. Es kam zur Assimilation mit der Santería.

Weiters gibt es die Geheimgesellschaften der Abakuá Bruderschaft, die seit 1825 existiert. Die von verschiedenen Ethnien gebildeten Cabildos (Bruderschaften) waren die Hauptträger der afrikanischen Traditionen. In ihnen und in den Familien wurde Wissen weiter tradiert. Auch für die Organisation des Karnevals übernahmen sie eine wichtige Rolle.


5.2.5.3 Orisha (Shangó) in Trinidad und Tobago

Zur Zeit der Sklaverei wurden Menschen der Ethnien Congo, Yorùbá, Mandingo, Hausa, Rada und Ibo nach Trinidad verschleppt. Selbst nach der Abschaffung der Sklaverei 1838 wurden noch ca. 9000 Yorùbá als Kontraktarbeiter von den Briten nach Trinidad gebracht.

Auf Trinidad gibt es bis zu 40 Orishas, wenngleich nur die Hälfte von ihnen Bedeutung für die Gläubigen haben. Houk (1995:145) listet 16 wichtige Orishas Trinidads auf mit ihrer zugehörigen Farbe, ihrem Tag und Essen. Es werden ihnen Tieropfer dargebracht sowie ‘dry food’ (Pflanzen und ihre Produkte) gegeben. Die den Orishas zugeordneten Farben variieren zwischen den einzelnen Lokalitäten, wie auch die Zuordnung zu katholischen Heiligen.

Henry (1991) stellte in Trinidad eine Öffnung der Shangó -Religion fest — die sowohl die Klassen- wie auch die ethnische Zugehörigkeit betrifft. Während noch in den 1950ern Shangó eine Religion der grass-roots-people der afrikanisch- stämmigen Bevölkerung war und von der Ober- und Mittelschicht als wild und barbarisch abgetan wurde, nehmen heute viele Mitglieder der Mittelschicht an den Zeremonien teil. Im Gegensatz zu früher bildet sich Klassen-übergreifend ein neues Selbstbewusstsein heraus, welches — entgegen den neokolonialen und amerikanischen Einflüssen — das afrikanische Erbe ehrt und aufwertet.

Seit den 1970ern ist es bei vielen Intellektuellen und Jugendlichen Bestandteil ihrer Identität, Shangó -Zeremonien beizuwohnen, bzw. der Religion anzugehören. Auch die ethnische Grenzziehung löst sich ein wenig auf. Menschen indischer Abstammung suchen Shangó -Priester auf, besonders in ihrer Funktion als Heiler. Es kommt zu neuen Identifikationen zwischen afrikanischen und hinduistischen Gottheiten.

In Trinidad kam es in den letzten Jahren zu einem bedeutsamen Aufschwung der Shangó-Tradition, welche im Jahre 1993 auch staatlich offiziell als Religionsgemeinschaft anerkannt wurde. Heute spricht man vielmehr von der Orisha-Religion (Kment 2005).


Nächstes Kapitel: 5.3 Afrikas Digitale Diaspora Religionen (ADDR)


↑ Nach oben


Vorheriges Kapitel: 5.2 Afrikanische Diaspora Religionen (ADR)

5.3 Afrikas Digitale Diaspora Religionen (ADDR)

verfasst von Manfred Kremser und Veronica Futterknecht

Während der Begriff der afrikanischen Diaspora und die damit verbundenen historischen und sozio-kulturellen Prozesse seit dem Beginn der Neuzeit vor allem in Afro-Amerika bereits auf eine jahrzehntelange Forschungsgeschichte zurückblicken können, befindet sich die ethnologische Erforschung von Afrikas Digitaler Diaspora (ADD) praktisch noch in den Geburtswehen.

Die Bezeichnung „Afrikas Digitale Diaspora“ verweist auf die afrikanische Besiedlung des Cyberspace und die damit einher gehenden neuen Kulturentwicklungen. Durch die Entwicklung des Cyberspace hat auch das Studium und die Beschäftigung mit traditionellen afrikanischen Religionen (ATR = African Traditional Religion) und vor allem mit ihren Derivaten in der afrikanischen Diaspora (ADR = African Diaspora Religion) eine neue Dimension dazu gewonnen, für die ich die Bezeichnung Afrikas Digitale Diaspora Religionen (ADDR) geprägt habe.

In vielerlei Hinsicht können interessante Analogien zwischen diesen beiden unterschiedlichen Formen der afrikanischen Diaspora gemacht werden. Während bereits in den vergangenen Jahrhunderten die historischen diasporischen Umstände afrikanische Kultur und Religion bedeutend verändert haben, so erleben wir momentan eine völlig neue Form kultureller und religiöser Transformationen: Afrikas Digitale Diaspora transformiert das Transformierte auf die den Gesetzen des digitalen Zeitalters eigene Weise.

Die sich im Augenblick vollziehenden Cyber-Transformationen von ATR und ADR bringen eine Anzahl grundlegender Veränderungen mit sich: So z.B. verlassen viele ursprünglich „indigene“ bzw. „traditionelle“ religiöse Konzepte und Praktiken ihr lokal begrenztes Setting und werden mittels digitaler Kommunikationstechnologien potentiell der gesamten Weltöffentlichkeit zugänglich .

In diesem Prozeß der Öffnung, in dem sich afrikanische kosmologische Weltbilder und Ritualsysteme sowohl hinsichtlich ihrer Reichweite als auch ihrer Anziehungskraft vermehrt internationalisieren und globalisieren, werden sie zu neuen Formen von Weltkultur transformiert .

Inhalt

5.3.1 Die ontologische Ebene

Von spirituellen Wirklichkeiten zu physischen Computern

Als Zeitzeugen dieser afrikanischen CyberCosmoGenesis in ihrem status nascendi können wir einige äußerst interessante Beobachtungen hinsichtlich der ontologischen Verwandtschaft bestimmter Aspekte afrikanischer Spiritualität mit den fundamentalen Prinzipien des Cyberspace anstellen:

Der Terminus „Cyberspace“ wurde vom amerikanischen Science-Fiction Autor William Gibson in seiner Cyberspace -Trilogie popularisiert. Dabei kreierte er eine neue Mythologie virtueller Welten, indem er Konzepte, Metaphern und Personifikationen aus der haitianischen Vodou Religion benutzte und diese mit der Cyberspace- Terminologie korrelierte.

Ebenfalls wichtig für das Verständnis der formal-konzeptionellen Nähe zwischen dem traditionellen Ifá -Divinationssystem der Yoruba bzw. afrikanischer Geomantie und der modernen Computer-Sprache ist der binäre Code — als die formale Basis beider Kommunikationssysteme. Aus diesem Grunde behaupten heute afrikanische Babaláwos und westliche Wissenschaftler gleichermaßen, daß das Konzept des Cyberspace durch das numerische System des Ifá wie auch der afrikanischen Geomantie vorweggenommen wurde — wenngleich innerhalb des Kontextes der „spirituellen Technologie“. Von dieser Perspektive aus gesehen kann die Kommunikation via Computer-Technologie lediglich als eine weitere Transformation derselben formalen Prinzipien betrachtet werden.

Ein weiteres Beispiel für die analoge Beziehung zwischen afrikanischen Religionen und dem im Entstehen begriffenen Cyberspace kann in der Orisha-Religion geortet werden: Als vielleicht jüngstes und bemerkenswertestes Verwandlungs-Phänomen in einer langen Reihe von Transformationen und Cyber-Transformationen afrikanischer religiöser Konzepte tritt uns der Terminus „Shangócentricity“ entgegen. Während Shangó in der antiken Yoruba-Mythologie und religiösen Praxis als göttliche Repräsentation des Blitzes und des Donners verehrt wurde, steht Shangó heute — in unserem postmodernen digitalen Zeitalter — auch für den elektrischen Strom in der Qualität des exponentiell wachsenden elektronischen Blitzgewitters innerhalb unserer Computer. Als oberster Repräsentant dieser gegenwärtig bedeutendsten Metapher für spontane digitale Erleuchtung verwandelt Shangó die gegenwärtige Zivilisation in eine radikal neue Sphäre des Wissens.

Aus all diesen Gründen ist es nicht verwunderlich, daß sich dutzende afroamerikanische, aber auch holländische und deutsche Computer- und Software- Firmen für Namen wie Shangó, Ifa, Orisa, Voodoo, etc. als ihre jeweiligen Warenzeichen entschieden haben.


5.3.2 Die sozio-kulturelle Ebene

Von der physischen zur virtuellen religiösen Praxis

Auf der sozio-kulturellen Ebene läßt sich beobachten, daß diese neuen Cyber-Welten von ATR & ADR keineswegs die herkömmliche religiöse Praxis in afrikanischen und Diaspora-Kommunitäten ablösen oder ersetzen werden. Vielmehr tendieren sie dazu, frühere und traditionelle Konzepte auch vor dem Hintergrund neuer Kontexte zu interpretieren und fügen dadurch zusätzlich neue Dimensionen zu den bestehenden Formen hinzu, durch welche Religion — auch im Sinne von Kommunikation und re-ligio = rückbinden — erfahren werden kann. Auf diese Weise werden laufend neue parallele Welten religiöser Praxis und Virtualität (= Spiritualität?!) geschaffen.

So sind zum Beispiel viele Babaláwos, Santeros, Houngans, Mambos, sowie religiöse Spezialisten in anderen ADR im Augenblick gleichzeitig in drei verschiedenen sozialen Feldern in jeweils unterschiedlichen Rollen tätig:

• In ihrer Rolle als Priester, Heiler oder Wahrsager innerhalb ihrer traditionellen lokalen full-time-face-to-face-communities'', mit allen Aufgaben und Verpflichtungen ihrer Profession für Ihre Klienten.

• In ihrer Rolle als Lehrer, religiöse Spezialisten und spirituelle Führer innerhalb moderner internationaler part-time-face-to-face-communities'', sei es bei wissenschaftlichen Konferenzen, praktischen Workshops, Versammlungen von Diaspora-Kommunitäten, oder auch bei immer größer werdenden New-Age Zirkeln.

• In ihrer Rolle als spirituelle Webmasters, Computer Consultants, Digitale Divinatoren oder religiöse Unternehmer am Cyber-Markt innerhalb der postmodernen globalen no-more-face-to-face-communities''.

Vor allem für Letztere ist die entstehende Digitale Diaspora bereits jetzt zum bevorzugten Feld ihres Wirkens geworden. Sie präsentieren sich und repräsentieren sich selbst im WorldWideWeb, vernetzen sich mit ihren professionellen Counterparts in Afrika wie vor allem in der afrikanischen Diaspora und darüber hinaus, und rekrutieren eine ständig wachsende internationale Klientel für Orakel- Konsultationen, Initiationen, und andere teils sehr einträgliche religiöse Praktiken ihrer jeweiligen Tradition.

Immer mehr Menschen als Angehörige von ATR oder ADR involvieren und engagieren sich zunehmend in mehr als nur einem dieser eben skizzierten sozio- kulturellen Felder. Ihre Aktivitäten sind es vor allem, welche die Voraussetzung dafür bilden, daß sich ATR & ADR auch vis-à-vis einer größeren (auch nicht- afrikanischen) Öffentlichkeit öffnen. Dabei absorbieren oder „synkretisieren“ sie manchmal auch Elemente und Konzepte aus anderen religiösen Traditionen, um schließlich zu neuen Weltreligionen in unserem postmodernen Cyber-Age zu avancieren.


5.3.3 Information und Kommunikation

Fremd- und Selbstrepräsentation im WWW

Die Fülle an Information über ATR & ADR, die in den letzten 15 Jahren über das Internet verfügbar gemacht wurde, ist ziemlich eindrucksvoll — so ist auch die Unterschiedlichkeit ihrer Qualität. Im Jahre 2000 konnten bereits über 50.000 Web Pages über ATR & ADR im WWW besucht werden, wobei sich diese Zahl etwa alle 18 Monate verdoppelte. Einige der populärsten Seiten, wie z.B. das OrishaNet, erfreuten sich über 136.000 Besuche im Monat.

Je nach den spezifischen Interessen der jeweiligen User dienen diese Web Pages unterschiedlichen Zwecken und Anforderungen:

• Viele Menschen innerhalb wie außerhalb der jeweils repräsentierten religiösen Traditionen benutzen diese Seiten, um rasch, leicht und billig allgemeine und spezifische Informationen zu erhalten. Universitäts-Studenten in aller Welt, insbesondere EthnologInnen und KulturanthropologInnen, machen inzwischen ihre „Feldforschungen“ über spezifische Aspekte von ATR & ADR u.a. auch im Internet — sei es entweder, um dort bereits existierende Information lediglich zu sammeln (visuelles bzw. beobachtungsorientiertes Paradigma), sei es vor allem aber auch, um manchmal durch direkte Kommunikation mit ihren virtuellen Gastgebern in einen interaktiven Forschungsprozess einzutreten (diskursives bzw. befragungsorientiertes Paradigma).

• Vor allem Angehörige von ATR & ADR nutzen das Internet, um mit anderen Mitgliedern ihrer religiösen Gemeinschaft zu kommunizieren. Dies trifft ganz besonders auf typische Diaspora Situationen zu, deren Mitglieder manchmal durch enorme geographische Distanzen voneinander getrennt sind. Guest-Books, News- Groups, Discussion Boards und Chat-Rooms dienen hier in erster Linie dazu, um eine kontinuierliche und ungebrochene Integration innerhalb ihrer eigenen Kommunitäten zu fördern.

Hohepriester, Divinatoren, Leiter religiöser Zentren und Organisationen, sowie auch Kulturaktivisten richten meist ihre eigenen Homepages ein, einerseits um sich selbst zu präsentieren, andererseits aber auch, um ihre eigene religiöse Tradition zu repräsentieren. Während in der Vergangenheit der Großteil der öffentlich erhältlichen Information über ATR & ADR von Ethnologen, akademischen Forschern anderer Disziplinen oder Journalisten recherchiert und kompiliert wurde — wobei diese in den wenigsten Fällen initiierte Mitglieder derjenigen religiösen Traditionen waren, die sie zu repräsentieren versuchten — so stammen heute die vielleicht besten Informationen im WWW von den Praktizierenden selbst. Es existieren bereits unzählige Web-Sites, die von Repräsentanten ihrer jeweiligen Religionen eingerichtet und betreut werden. Das Verhältnis zwischen Fremd- und Selbst-Repräsentation im Netz verlagert sich immer rascher zugunsten der zunehmenden Promotion von Insider Perspektiven.

• Diverse Institutionen und deren Mitarbeiter nutzen das Internet vornehmlich zur Organisation von Konferenzen, zum Koordinieren von Seminaren und Workshops, sowie zur Vernetzung von professionellen Individuen und Gruppen quer durch Afrika und die Diaspora. Einige Babaláwos und Mambos bieten im Netz periodisch Orakelbefragungen und religiöse Kurse an, führen Konsultationen mit ihren Klienten durch, kündigen regelmäßig Plantas (divinatorische Sitzungen) an, und bereiten auf vielfältige Weise das Terrain für neue Initiationen vor.

• Schließlich dient das Internet den kommerziellen Interessen einer wachsenden Anzahl von Unternehmern, die mit religiösen Artikeln handeln, einschlägigen Mus


5.3.4 Das Ringen um religiöse Kultur und Identität im Cyberspace

In ähnlicher Weise wie wir als Ethnologen und Kulturanthropologen beim Studium der Cyber-Transformationen von ATR & ADR vor gänzlich neue theoretische und kulturkritische Fragen gestellt werden, stehen auch die betroffenen Exponenten dieser aktuellen kulturellen Transformationsprozesse einer Anzahl widersprüchlicher und konfliktbeladener Probleme gegenüber, deren Bewältigung neue Strategien der Konsensfindung im Ringen um religiöse Kultur und Identität im Cyberspace erforderlich macht.

Einige der virulentesten Fragen in diesem Zusammenhang, die inzwischen nicht nur von CyberAnthropologen, sondern großteils auch von den Proponenten der CyberTransformationen von ATR & ADR wie auch von ihren Widersachern thematisiert werden, lassen sich folgendermaßen umschreiben:

• Wie werden Fragen der Autorität und Legitimität, bestimmte religiöse Traditionen im Cyberspace repräsentieren zu dürfen, beantwortet?

• Welchen Veränderungen in Form und Gehalt sind ATR & ADR im digitalen Transformationsprozeß ausgesetzt?

• Inwieweit wird der religiöse Korpus im Übergang vom oral-kulturellen zum schrift-kulturellen Modus in seiner Essenz beeinträchtigt?

• Wie wirkt sich der unmittelbare Transformationsprozeß zwischen primärer Oralität und sekundärer Oralität auf Theorie und Praxis der Religionen aus?

• Wird reserviertes Wissen respektiert, werden ontologische Wahrheiten behütet? Kann die persönliche Initiation durch cyber-mediale Initiationsformen ersetzt werden?

• Wie definiert sich die „religiöse Gemeinschaft“, sobald durch ihre Präsenz im Internet (potentiell) die ganze Welt das Publikum darstellt?

• Welche Argumente sprechen für eine religiöse Besiedlung des Cyberspace, und welche Argumente sprechen dagegen?

Vor dem Hintergrund der historischen Tatsache, daß viele afrikanische Religionen — insbesondere in der Diaspora — ursprünglich entweder als Familientraditionen mündlich von Generation zu Generation weiter tradiert wurden oder nur in bestimmten verwandtschaftlichen Linien überlebten, die ihrerseits selbst wiederum signifikanten Veränderungen in den vergangenen Jahrhunderten ausgesetzt waren, gewinnen obige Fragen umso mehr an Brisanz.

Im Falle der mannigfaltigen Orisha Traditionen in den Amerikas, die bekanntlich durch die historischen Prozesse des Sklavenhandels und die sich daran anschließenden Immigrationsbewegungen (Kontraktarbeiter) von Yoruba- Deszendenten eine ungeahnte Vielfalt an religiösen Ausformungen in allen Teilen der Neuen Welt entwickelten, läßt sich deutlich das Dilemma ablesen, in welches diejenigen ihrer Repräsentanten geraten, die mit dem Anspruch der Wiedervereinigung aller in der afrikanischen Diaspora verstreuten Orisha-Gläubigen antreten.

Einige ihrer eher kosmopolitisch orientierten Repräsentanten mögen zwar unter Rücksichtnahme auf die historischen Bedingungen der Diaspora für alle neuen Einflüsse offen sein, denen ihre Religion als Konsequenz der Sklaverei, der anschließenden kolonialien Umarmung und der bis heute nachwirkenden westlichen Dominanz ausgesetzt war. Andere hingegen, die oft in afrikanischen Bewußtseins- Bewegungen aktiv involviert sind, mögen mit der gleichen Selbstverständlichkeit jegliche Art fremder Einflüsse auf ihre Religion aufs Entschiedenste zurückweisen und für eine Re-Afrikanisierung ihres religiösen Erbes plädieren.

In den einschlägigen Diskussions-Foren des Internet werden eine große Anzahl manchmal höchst kontroversieller Diskurse zum Thema der ATR ausgefochten. Diese berühren meist so sensitive Fragen wie Rass


Nächstes Kapitel: 5.4 Literatur


↑ Nach oben


Vorheriges Kapitel: 5.3 Afrikas Digitale Diaspora Religionen (ADDR)

5.4 Literatur

verfasst von Manfred Kremser und Veronica Futterknecht

Alleyne, Mervyn (1990): African Roots of Caribbean Culture. In: The African- Caribbean Connection. Historical and Cultural Perspectives, Hg. Alan G. Cobley/Alvin Thompson. Cave Hill/Bridgetown/Barbados: University of the West Indies.

Anthony, Patrick A. B. (1986): The Encounter Between Christianity and Culture. The Case of the „Kele“ Ceremony of St. Lucia. In: Research in Ethnography and Ethnohistory of St. Lucia. A Preliminary Report (=Wiener Beiträge zur Ethnologie und Anthropologie [WBEA], Bd.3), Hg. Manfred Kremser/Karl R. Wernhart. Horn/Wien: Berger: 103-120.

—. (1996): Changing Attitudes Towards African Traditional Religion and the Applications for Afro-Caribbean Tradition in St. Lucia. In: Ay BoBo — Afrokaribische Religionen / African-Caribbean Religions. Bd.1. Kulte/Cults (=Wiener Beiträge zur Ethnologie and Anthropologie [WBEA] Bd.8/1), Hg. Manfred Kremser. Wien: WUV- Universitätsverlag: 69-84.

Appiah, Kwame Anthony/Gates Jr., Henry Louis, Hg. (1999): Africana: The Encyclopedia of the African and African American Experience . New York: Basic Civitas Books.

Barnes, Sandra, Hg. ( 2 1997): Africa’ Ogun: Old World and New. Indianapolis: Indiana University Press.

Barrett, Leonard (1988): The Rastafarians. Boston: Beacon Press.

Bastide, Roger (1971): African Civilisations in the New World. New York: Harper and Row.

Beier, Ulli (1991): Thirty Years of Oshogbo Art. Bayreuth: Iwalewa-Haus.

Bourguignon, Erika (1976): Possession. Columbus: Ohio State University Press.

Brandon, George (1993): Santería from Africa to the New World: The Dead Sell Memories. Bloomington: Indiana University Press.

Brown, Karen McCarthy (1991): Mama Lola. A Vodou Priestess in Brooklyn. Berkely: University of California Press.

Canizares, Raul (1993): Cuban Santería: Walking with the Night . Rochester, NY: Destiny Books.

Chevannes, Barry (1994): Rastafari. Roots and Ideology. Syracuse, NY: Syracuse University Press.

Davis, Kortright/Farajaje-Jones, Elias, Hg. (1991): African Creative expressions of the Divine. Washington, DC: Howard University School of Divinity.

Deive, Carlos Esteban (1988): Vodu y Magie en Santo Domingo. Santo Domingo: Museo del Hombre Domenicana.

Denk, Wolfgang (1995): Susanne Wenger — „Tief in Dir bist Du oh Mensch der Gott als Baum, als Stein, als Tier“ — Eine biographische Collage. Krems: Kunsthalle Krems.

Deren, Maya (1953): Divine Horsemen: The Living Gods of Haiti. New York: Thames and Hudson (dt. 1992: Der Tanz des Himmels mit der Erde. Wien: ProMedia Verlag).

Desmangles, Leslie G. (1993): The Faces of the Gods: Vodou and Roman Catholicism in Haiti. Chapel Hill: University of North Carolina Press.

Dos Santos, Juana Elbein/Dos Santos, Deoscoredes M. (1984): Religion and Black Culture. In: Africa in Latin America. Essays on History, Culture, and Socialization, Hg. Manuel Moreno Fraginals. New York: Holmes & Meier Publishers (Paris: UNESCO).

Dunham, Katherine (1969): Island Possessed. New York: Doubleday.

Fiedler, Axel (1997): Die Macht der Spirits auf Erden. Afro-karibische Religion und Politik in den Kleinen Antillen unter besonderer Berücksichtigung Trinidads. Diplomarbeit aus Völkerkunde an der Univ. Wien.

Gates, Brian (1980): Afro-Caribbean Religions. London: Ward Lock Educational.

Glazier, Stephen D. (1991): Marchin’ the Pilgrims Home. A Study of the Spiritual Baptists in Trinidad. New York: Sheffield Publishing Group.

Glazier, Stephen D., Hg. (2001): The Encyclopedia of African and African-American Religions. New York: R ?????????????????????


↵ Zurück zur Übersicht


↑ Nach oben